Kommentar: «Tolgge» auf dem Festgewand

Reto Wissmann@RetoWissmann

Die 175-jährige Uni Bern gibt derzeit nicht gerade ein gutes Bild ab. Eine angesehene Professorin tritt unter Protest zurück. Erstsemestrigen wird plötzlich ein anderes Studium geboten als das, wofür sie sich angemeldet haben. Und die ansonsten zahmen Studierenden gehen auf die Strasse, um gegen die Universitäts- und Fakultätsleitung zu demonstrieren.

Gerade zum Jubiläum präsentiert sich die Uni Bern gerne als moderne Institution, der lediglich die Politik mit ihren Einschränkungen noch vor dem Licht steht. Der Konflikt um die Sozialwissenschaften zeigt aber, dass es nicht nur an Autonomie, sondern mindestens so stark an der inneren Reformfähigkeit der Universität mangelt.

Man kann geteilter Meinung sein, ob es die Soziologie weiterhin als eigenständige Studienrichtung braucht. Dass es aber die Uni in zwei Jahren nicht geschafft hat, eine tragfähige Lösung des Problems zu finden, ist ein Armutszeugnis. Innerhalb der Fakultäten entscheiden immer noch Personen über Strukturreformen, die im Verteilkampf um die knappen Mittel in direkter Konkurrenz zueinander stehen. Die Verteidigung des eigenen Gärtchens steht dabei naturgemäss über den Interessen der Gesamtuniversität. Und wenn nun Vorwürfe laut werden, die Entscheide seien zu kurzfristig gefällt und Betroffene nicht einbezogen worden, so mangelt es offenbar auch an einer professionellen Begleitung solch schwieriger Prozesse.

Universitäten sind zwar stets dem Neuen auf der Spur. Was jedoch ihre innere Struktur betrifft, so sind sie – die Studierenden eingeschlossen – zutiefst konservative Organismen. Die Uni Bern wird nun im Jubiläumsjahr gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Eigentlich ist das ein Geschenk.

Der Bund

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