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«Zum Mitnehmen!»

Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, dass er Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat. Das sagt nicht Felix, sondern Matthäus, so zumindest zitiert ihn Luther (25,29). Dieser Bibelspruch kommt mir in den Sinn, als ich vor dem Nachbarhaus vor den zwei Paar Kinderskiern und Kinderskischuhen stehe, Modell Achtzigerjahre, als noch Ski gefahren wurde und nicht gecarvt. Auf einem Zettel steht: «Zum Mitnehmen!». Der Magnolienbaum vor der Apotheke vis-à-vis steht in voller Blüte, die Wintersport-Saison ist zu Ende, ich fahre nicht Ski und bin kein Kind – soll ich die Skier dennoch mitnehmen, in der Hoffnung, meinen materiellen Wohlstand damit zu vergrössern, weil ich schon habe und mir also noch mehr gegeben wird? Felix zeigt mir den Vogel, und ich ahne, dass ich das Zitat falsch verstehe. Am nächsten Morgen sind Skier und Skischuhe bereits verschwunden, um einiges schneller als sonstiges Material, das in unserem Quartier regelmässig «zum Mitnehmen» angeboten wird und manchmal tagelang im Regen steht – die halb verschimmelte Matratze ist in bester Erinnerung. Das «Zum Mitnehmen!»-Phänomen ist nicht einfach eine Methode, überschüssigen Krempel gratis loszuwerden, statt ihn zur Entsorgungsstelle zu bringen (und dafür einen kleinen Batzen zu blechen). Es ist ein Akt nachbarschaftlicher Nächstenliebe. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Demnächst werde ich Felix’ kaputtes Bügelbrett vor unsere Haustür stellen, mit einem Zettel dran. «Zum Mitnehmen». Gleich neben dem überquellenden städtischen Ghüderchübel. Auf dem steht nichts drauf. apropos@derbund.ch>

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