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«Die Chancen stehen eins zu fünf»

Mit einem ökumenischen Gottesdienst wurde gestern Nachmittag in der Pariser Kathedrale Notre-Dame der 228 Opfer der Air-France-Flugkatastrophe vom Montag gedacht. Inzwischen wurden Wrackteile des abgestürzten Flugzeugs identifiziert.

«Ich bin nicht besonders optimistisch, es ist nicht auszuschliessen, dass wir die Flugschreiber nie finden», erklärte Paul-Louis Arslanian, Leiter des französischen Büros zur Aufklärung der Unfallursachen (BEA), an einer Pressekonferenz in Paris. Er versprach, dass er die Angehörigen der Opfer uneingeschränkt über die Fortschritte der Nachforschungen informieren werde. Da es sich beim verunglückten Flugzeug um eine Maschine der Air France handelt, haben die französischen Behörden die operative Verantwortung übernommen, mit brasilianischer Zustimmung und aktiver Unterstützung die Ursachen und Hintergründe der Katastrophe zu aufzuklären.

Zwei Experten des BEA (Bureau d’enquêtes et d’analyses) befanden sich zu diesem Zweck bereits in Brasilien. Mehrere Schiffe nahmen Kurs auf die Zone 650 Kilometer nordöstlich des Archipels Fernando de Noronha, wo die brasilianische Luftwaffe auf der Wasseroberfläche weit zerstreute Trümmerteile, darunter einen orangefarbenen Rettungsring sowie einen Flugzeugsitz, gesichtet hatte. Für die französischen Behörden steht bereits fest, dass es sich um die Überreste des seit Montag verschollenen Airbus A-330 der Air France handelt.

Geringer Optimismus

Nachdem aufgrund dieser Wrackteile die Absturzstelle in etwa lokalisiert werden kann, hoffen die Spezialisten, mithilfe eines Tiefseetauchroboters die beiden Flugschreiber zu finden, deren Aufzeichnungen für die Analyse des Verlaufs des Crashs mitten im Flug über dem Atlantik unentbehrlich sind. In der fraglichen Zone liegt der Meeresgrund in einer Tiefe von 3000 bis 6000 Metern. «An dieser Stelle ist der Ozean nicht nur tief, der Meeresboden ist auch gebirgig», fügte Arslanian als Gründe für seinen geringen Optimismus bei der Suche der Flugschreiber hinzu. Und selbst wenn man diese finde, sei es seiner Erfahrung zufolge nicht sicher, dass die darin gespeicherten Informationen viel hergeben werden. Nur «auf eins zu fünf» schätzt Henri Germain Delauze von der auf Tiefsee-Erforschung spezialisierten Firma Comex in Marseille die Chancen, dass die Flugschreiber entdeckt und ausgewertet werden können.

Brach Maschine auseinander?

Die brasilianische Zeitung «O Estado de S. Paulo» druckte eine Chronik der automatischen Funksignale ab, die über das bisher Bekannte hinausgeht. Sollte sie sich als korrekt herausstellen, deutet sie darauf hin, dass die Maschine in Tausenden Metern Höhe auseinandergebrochen ist, als sie durch einen gewaltigen Gewittersturm flog, wie ein Experte der Nachrichtenagentur AP sagte. Die Zeitung beruft sich auf Quellen bei der Air France. Weder die Fluglinie noch die brasilianische Luftwaffe wollte den Bericht bestätigen.

Nach dem ersten Schock über den Verlust von zwölf Kollegen und Kolleginnen ist das Flugpersonal der Air France, die täglich 1600 Flüge durchführt, sehr direkt mit den offenen Fragen konfrontiert. «Ich habe nicht Angst, aber die Ungewissheit nährt Zweifel», gestand ein Pilot vor Kameras. Besonders beunruhigend für die Beschäftigten der Gesellschaft ist der eher seltene Umstand, dass der Airbus A-330 mitten auf dem Flug von Rio nach Paris abstürzte. Die meisten Katastrophen der Luftfahrt ereignen sich beim Start oder bei der Landung. Mysteriös ist auch, dass der Kommandant des Flugs AF 447 offenbar keinen Versuch unternahm oder unternehmen konnte, zum nächstgelegen Flugplatz in Brasilien zurückzufliegen, falls er mit technischen Problemen oder riskanten Wetterbedingungen zu kämpfen hatte.

In der Kathedrale Notre-Dame von Paris fand gestern Nachmittag eine ökumenische Zeremonie zum Gedenken an die 228 Opfer der Katastrophe statt, an der neben zahlreichen Familienangehörigen, Air-France-Angestellten und Tausenden Bürgern auch Staatspräsident Nicolas Sarkozy teilnahm. Die Gedenkfeier wurde vom Pariser Erzbischof André Vingt-Trois geleitet. Er zitierte eine Stelle aus dem «Kleinen Prinzen» des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry, der selbst in einem Flugzeug ums Leben gekommen war.

Auch Brasilien trauert um die Opfer des Unglücks: Vizepräsident José Alencar, der den nach Guatemala gereisten Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva vertritt, rief am Dienstag eine dreitägige Staatstrauer aus.

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