Zum Hauptinhalt springen

«Barbaren» vor dem Richter

Wegen der Entführung, Folterung und Ermordung des

Mit Provokationen des Hauptangeklagten Youssouf Fofana (28) begann gestern die Verhandlung gegen 27 mutmassliche Mitglieder einer Vorstadtjugendbande, die Anfang 2006 den jüdischen Telefonhändler Ilan Halimi entführt und zu Tode gequält hatte. Lächelnd betrat Fofana, mutmasslicher Chef der Gruppe, die sich «Gang der Barbaren» nannte, als Erster den Saal des Pariser Geschworenengerichts. «Allahu akhbar», rief er den Richtern zu. Auf die Frage nach seiner Identität gab er sich als «afrikanisch-arabischen, bewaffneten Rebellen» und «salafistischen Barbaren» aus. In mehreren Briefen hatte er in der Untersuchungshaft gesagt, er sei ohne Reue. Nachdem er zahlreiche Pflichtanwälte zurückgewiesen hatte, wählte er schliesslich Isabelle Coutant-Peyre, die Gattin des Terroristen Carlos, sowie Emmanuel Ludot, den französischen Ex-Anwalt von Saddam Hussein, als Verteidiger aus. Experten bezeichnen ihn als zurechnungsfähig. Bis am 10. Juli soll der Prozess wegen Entführung, Folter und Ermordung dauern, Fofana und mehrere seiner Komplizen riskieren eine lebenslange Haftstrafe. Youssouf Fofana wollte in seinem Quartier Pierre-Plate in Bagneux, einem Vorort im Süden von Paris, ein «Caïd» sein, ein respektierter, bewunderter und gefürchteter Gangsterboss. In tödliche Falle gelocktIm Verlauf der Verhandlungen versuchen die Geschworenen zu verstehen, wie aus dem kleinen, geltungssüchtigen Vorstadtkriminellen das monströse «Hirn der Barbaren» werden konnte. So bezeichnete sich der damals 25-jährige Fofana selber, als er seinen Plan umsetzte, durch Entführung und Erpressung eines Juden schnell viel Geld zu machen. Der in Paris geborene, aber aus der Elfenbeinküste stammende Fofana glaubte an das rassistische Klischee, dass «die Juden» Geld hätten und bereit wären, für die Freilassung zu bezahlen. Für dieses Szenario hatte er mehrere Mädchen als Lockvögel gefunden. Für den 23-jährigen Telefonhändler Ilan Halimi entpuppte sich das Rendez-vous, das ihm eine junge Frau am 21. Januar 2006 in Sceaux gegeben hatte, sehr schnell als tödliche Falle der «Gang der Barbaren». Fofana hatte die Helfer mit der Aussicht auf schnellen und problemlosen Gewinn angeworben. Halimi wurde mit Klebebändern gefesselt und geknebelt. Eine leere Wohnung in der Siedlung Pierre-Plate diente als Gefängnis. Die 17- bis 32-jährigen Mitglieder der Bande lösten sich ab, um Halimi zu bewachen und mit Folterungen zum Sprechen zu bringen. Mit einem hatten Fofana und seine Komplizen nicht gerechnet: dass Halimis Eltern keineswegs so reich waren, um die Lösegeldforderungen zu erfüllen. Zudem hielten sie sich an die Anweisungen der Polizei, die ihnen versicherte, sie werde ihren Sohn und dessen Kidnapper finden.Ilan Halimi war während 24 Tagen so schwer misshandelt worden, dass er halb tot war, als die «Barbaren» beschlossen, sich ihrer offenbar nutzlos gewordenen Geisel zu entledigen. Am 13. Februar 2006 liessen sie ihn an einem Bahngleis nackt, mit zahlreichen Schnittverletzungen und Brandwunden liegen. Er starb noch während des Transports ins Krankenhaus. Sehr schnell wurden die meisten Mitglieder der «Gang der Barbaren» identifiziert und festgenommen. Ihr Kopf, Youssouf Fofana, wurde auf seiner Flucht in der Elfenbeinküste verhaftet und an Frankreich ausgeliefert. Nach Ansicht seines aus Kongo stammenden Ex-Anwalts Pascal Missamou sei Fofana ein «Produkt der französischen Vorstadtgesellschaft», mitsamt deren antisemitischen Ressentiments.Die Mutter klagt anDa einer der Angeklagten zur Tatzeit minderjährig war, findet der Prozess hinter verschlossenen Türen statt. Dies bedauert Ruth Halimi, die Mutter des ermordeten Entführungsopfers, die zu dessen Andenken das Buch «24 jours» geschrieben hat. Sie hätte eine öffentliche Verhandlung gewünscht, damit die Gesellschaft sich der Frage stellen müsste, wie es möglich war, dass fast 30 Menschen von der Folterhaft ihres Sohnes wussten, ohne dass auch nur einer von ihnen reagiert hätte. «War mein Sohn von vornherein verurteilt, weil er Jude war?», fragt sie bewusst provozierend. Für die Anklage steht es ausser Zweifel, dass antisemitische Motive eine entscheidende Rolle spielten.>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch