«Märlikönigin, nöd Märlitante»

Trudi Gersters Stimme haben mindestens vier Generationen im Ohr. Wenn Erwachsene ihr zuhören, ist das oft eine «Rückführungs-Therapie». Und auch Kinder des 21. Jahrhunderts erreicht sie noch. Ans Aufhören denkt sie nicht.

Trudi Gerster 2009 in Basel. (Adrian Moser)

Trudi Gerster 2009 in Basel. (Adrian Moser)

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«S isch emool... zmittscht im Winter... er hett drü Söhn gha... und d Prinzässin... wo s Wünsche no ghulfe het...» In einer Inszenierung des «Gestiefelten Katers» am Schauspielhaus Zürich 2008 spielte auch Trudi Gerster mit; ihre unverwechselbare Stimme war allerdings mit formelhaften Märchenversatzstücken lediglich ab Tonband zu hören. Als sich am Ende die Schauspieler auf der Bühne verbeugten und mit freundlichem Applaus bedacht wurden, bat der Regisseur die in der ersten Reihe sitzende alte Dame nach vorn an die Bühnenrampe.

Das diskrete Klatschen verwandelte sich innert Sekundenbruchteilen in eine Ovation. Aus Erwachsenen wurde wieder eine Kinderschar. Die leibhaftige Präsenz der Märchenfee war wohl für die meisten Theaterbesucher der magische Moment eines sonst eher bemühten Anti-Märchen-Abends. Ein märchenhafter Moment für Trudi Gerster.

An ihrem Leben sei nichts märchenhaft gewesen, hat Trudi Gerster einmal bemerkt. Dennoch scheint die Vorstellung so abwegig nicht: Wenn eine Märchenkönigin auf ihr langes Leben zurückblickt, erzählt sie da nicht zwangsläufig ihr eigenes Märchen? Ein Märchen, in dem wie bei den Gebrüdern Grimm oder bei Andersen am Ende das Gute und Schöne über das Böse und Hässliche siegt?

Es ist das Märchen von einer kleinen, selbstbewussten Prinzessin, die im St. Gallen der 1920er-Jahre aufwächst, gerne im Mittelpunkt steht und früh bemerkt, dass sie mit ihrer Stimme andere Kinder in ihren Bann zu ziehen vermag.

Die Tochter eines Schriftsetzers und Mitbegründers der Büchergilde Gutenberg in St. Gallen wächst inmitten von Büchern auf; das Lesen bringt sie sich selber bei. Von einem «inneren Zwang» hat sie später gesprochen, gehörte oder gelesene Geschichten weiterzuerzählen. Zuweilen verängstigte sie mit Gruselgeschichten die anderen Kinder dermassen, dass sich diese kaum mehr nach Hause trauten. Noch Jahre später war der Ort im Quartier, wo die kleine Trudi ihre Umgebung unterhielt, weit herum als «Gerster-Höfli» bekannt. Sie war ein Star, der Vorrechte genoss: Als einziges Mädchen im Quartier spielte sie mit den Buben Fussball.

Bereits als Sechsjährige steht sie auf der Bühne des «Schützengarten». Ein grosser Saal, bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie erzählt dem Publikum Hans Christian Andersens Märchen «Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen». Eine traurige Geschichte. Das Mädchen stirbt, von den Passanten unbeachtet, an einem eiskalten Silvesterabend den Erfrierungstod. «Ich weinte am Schluss», erinnert sich Trudi Gerster, «und auch das Publikum hat geweint. Ich höre noch heute, wie sich die Zuschauer in ihre Nastücher schnäuzten.»

Eine Art Schamanin

84 Jahre später sitzt sie in einem Sessel in ihrer Basler Altstadtwohnung und lächelt ein verschmitztes Koboldlachen. Es geht ihr gut («Cha no guet laufe, ghöre no guet»), fast täglich spricht sie ein Dankesgebet dafür, «dass ich noch gesund bin und einen Beruf habe, den man so lange ausüben kann». Im Vorfeld ihres 90. Geburtstags geben sich Medienvertreter die Klinke in die Hand. Sie geniesst die Aufmerksamkeit. Im Erdgeschoss des Hauses ist eine Kommunikationsagentur untergebracht; das kühle Professionalität signalisierende Ambiente wird von funktionalen USM-Chromstahlmöbeln dominiert. Wer die breite Holztreppe in den ersten Stock hinaufsteigt, betritt das Paralleluniversum einer Kommunikatorin der anderen Art – in früheren Zeiten wäre sie vielleicht eine Schamanin gewesen, die mit ihren Erzählungen den Hunger ihres Stamms nach Sinngebung und Ordnung im Kosmos gestillt hätte.

Die Wohnung ist in ein schummriges Licht getaucht, die Tapete im Wohnzimmer schimmert goldfarben, an den Wänden hängen Bilder von indischen Gottheiten und christlichen Heiligen, der Märchensessel darf nicht fehlen, auf dem Kaminsims flankieren der «Prix Walo» und das «Goldene Chrönli» weitere hinduistische Gottheiten. Auf dem grossen Sofa liegt ein Stapel mit Autogrammkarten und das soeben erschienene Buch «Trudi – Die Märchenkönigin».

Ihr Sohn Andreas Jenny, langjähriger Illustrator der Bücher und Tonträger, und die Schwiegertochter Verena (sie übersetzt die Dialektfassungen der Geschichten ins Hochdeutsche und trägt eigene Geschichten bei) haben zum 90. Geburtstag die «schönsten Geschichten» in einem «Jubiläumsbuch» zusammengetragen. In einer autobiografisch gefärbten Rahmenhandlung will Prinzessin Trudi von ihrem Vater wissen, was es alles braucht, um eine Königin zu werden.

Noch immer lebt die Märchenkönigin in diesem Reich, allerdings kocht sie nicht mehr selber, die Spitex schaut täglich vorbei, ebenso wie ihre Tochter Esther Jenny. Trudi Gerster ist stolz auf ihre Tochter – wie sie überhaupt stolz ist auf ihre ganze Familie, auf den Sohn, auf die sechs Enkel. Als Esther Jenny als 18-Jährige von zu Hause auszog und nach Indien ging, um Yoga und indischen Tanz zu studieren, hatte Trudi Gerster allerdings gar keine Freude. «Unsere Mutter ist dominant, eine starke Persönlichkeit», sagt Esther Jenny, «ich musste zuerst meinen eigenen Weg finden.»

Das «Lose» nicht verlernen

Als wir eintreten, wird Trudi Gerster von ihrer Tochter auf ihren Auftritt vorbereitet; im Nebenzimmer ist die vertraute Stimme zu hören. Sofort öffnen sich Erinnerungstüren in die eigene Kindheit. Wer Trudi Gerster besucht, kommt auch als Fremder nach Hause. Der «Sound» dieser Stimme hat sich seit Kindertagen tief im Unterbewusstsein festgesetzt. Diese Stimme nahm einen an der Hand, liess einen alle Gefahren bestehen, alle Furcht einflössenden Kreaturen besiegen.

Ihre Schwiegertochter Verena Jenny hat, nach den Gründen für den Erfolg von Trudi Gerster gefragt, daran erinnert, dass das Wort Märchen «das grosse Weibliche beinhaltet, das Meer und die Mutter». Und dieses grosse Weibliche verkörpert sie – die auch im Familienclan die Rolle der Matriarchin einnimmt – mit ihrer Stimme auch im 90. Lebensjahr auf einmalige Weise. Es ist auch im Alter noch eine vital-fleischige, enorm wandelbare Stimme, der Ostschweizer Dialekt erlaubt schier endlos gedehnte Vokale, diese Stimme schlüpft in alle denkbaren Rollen, sie lebt sich in ihre Figuren hinein, ist das unschuldige Mädchen und die hinterlistige Hexe, das ängstlich piepsende Mäuschen und der brummlige Bär; sie kann zärtlich und einschmeichelnd sein, dann wieder fast alttestamentarisch polternd. Die Bandbreite des lautmalerischen Sprechens reicht von Säuseln und Zischen über Krächzen bis zum Wimmern und kann einen hypnotischen Sog entfalten.

«Mol, da gaht», hört man sie im Nebenzimmer bestimmt sagen, «da passt wuuunderbar.» Trudi Gerster legt Wert auf ihr Äusseres, ihre Eitelkeit versteckt sie nicht, sie ist selbstverständlicher Teil ihrer Persönlichkeit. Während des Gesprächs wird ihre Tochter ihr einige Male liebevoll den Faltenwurf der roten Bluse ordnen und einige Haarsträhnen aus der Stirn streichen.

Alle wollen im Vorfeld des 90. Geburtstags etwas von dieser lebenden Legende. Sie wird mit Lob überschüttet, die einen würdigen sie als «einmalige Marke», andere verneigen sich vor einer Erzählerin, die mit wenigen Sätzen den Zuhörern ermögliche, eine Figur plastisch vor sich zu sehen. Warum brauchen wir Märchen, Frau Gerster? Natürlich ist sie um eine Antwort nicht verlegen: «Abgesehen von der Unterhaltung ist es wichtig in einer auf das Visuelle ausgerichteten Gesellschaft, dass die Kinder das ,Lose‘ nicht verlernen.» In einer «gröber und komplizierter gewordenen Welt» beobachtet sie seit einigen Jahren eine Rückbesinnung auf Märchen. Diese bildeten auf unaufdringliche Weise bei Kindern das Gerechtigkeitsempfinden aus, ist Trudi Gerster überzeugt. Die Konkurrenz von Handy, Computer und Fernsehen fürchtet sie nicht: «Ach wissen Sie, ich war in den vergangenen 70 Jahren immer da.»

Ist es denn nicht schwieriger geworden, die an viele Attraktionen gewöhnten Kinder heute kraft ihrer Stimme zum Zuhören zu verleiten? Sie schüttelt vehement den Kopf. «Nein, es ist wuuunderbar. Kinder haben das Zuhören nicht verlernt.» Trudi Gerster bringt die Generationen zusammen wie die Rolling Stones oder – auf die Schweiz heruntergebrochen – ein Polo Hofer, mit dem sie vor einigen Jahren mit «Märchen für Erwachsene» durch die Schweiz tourte. «Ich sage Ihnen, die Kinder und die Erwachsenen können so lachen in meinen Vorstellungen.» Sie kommt in Fahrt: Erst kürzlich habe ihr eine Frau nach einer Lesung gedankt und bekannt, sie habe erstmals seit Jahren wieder gelacht.

Oder da ist der alte Mann, der an der Expo.02 bei einer ihrer Märchenlesungen die Augen schloss. Nachher fragte ihn Trudi Gerster, ob ihr Auftritt denn zum Einschlafen gewesen sei. Im Gegenteil, beschied ihr der ältere Herr, zum Aufwachen seien diese Märchen. Und im Flüsterton habe er ihr anvertraut: «Wenn ich die Augen schliesse, bin ich wieder der zehnjährige Knabe im Kinderzimmer, der einer Geschichte von Ihnen lauscht.» So können Erwachsene bei Trudi Gerster bisweilen in den Genuss einer Rückführungs-Therapie kommen und in Kontakt treten mit dem Kind, das sie einmal gewesen sind.

Keine Stimme für Jesus

Es gibt noch eine weitere märchenhafte Geschichte aus ihrer Kindheit. Eine sehr gute Schülerin sei sie gewesen, überall nur die Bestnote Eins («zur Abwechslung wünschte ich mir manchmal eine 1–2»). Aber es gab doch ein Gebiet, auf dem sie nicht die Beste war. «Meine Mutter sagte immer, ich hätte zwei linke Hände. Und sie hatte recht.» Im Handarbeitsunterricht war ihr vor allem das Häkeln zuwider. «Wir nähten ein Nachthemd und mussten dazu Spitzen häkeln, das konnte ich nicht.» Gleichzeitig hatten sich Trudi Gersters Erzählkünste bereits herumgesprochen. Und so kam es zu einer Vereinbarung mit der Lehrerin: Während der Rest der Klasse häkelte, «erzählte ich Geschichten oder sagte ein Gedicht auf». Später im Gymnasium entdeckte Trudi Gerster bei einem Auftritt der deutschen Kinderbuchautorin und Märchenerzählerin Lisa Tetzner, «dass man das auch als Beruf machen kann».

Während des Gymnasiums spielte sie jedoch eine Zeit lang mit dem Gedanken, nach der Matura Theologie zu studieren. «Ich erkannte aber, dass ich als Pfarrerin nicht geeignet wäre.» Sie schweigt, wiegt den Kopf langsam hin und her. «Wissen Sie, ich bin ein Mensch, der oft zweifelt, ich glaube schon an eine höhere Macht, aber nicht an die Details in der Bibel.» Der unbedingte kindliche Glaube an ein Leben nach dem Tod fehle ihr, bekennt die Märchenerzählerin. An die kulturell wertvolle Kraft der Geschichten und Gleichnisse in der Bibel jedoch glaubt Trudi Gerster. Mehr noch: Sie betrachtet es als unerlässlich, dass Kinder auch heute die wichtigsten Geschichten aus dem Buch der Bücher kennen.

2007 zeichnete sie die Vereinigung zur Förderung Schweizer Jugendkultur für ihre von Andreas und Verena Jenny produzierte Doppel-CD «Gschichte us dr Bible» aus. Einer Figur wollte und konnte sie ihre Stimme allerdings nicht leihen: Jesus. Bei diesem Thema strahlt sie plötzlich eine überraschende Demut aus: «Ich mache ja alle Stimmen, auch Gott ist eigentlich einfach, da spreche ich tief und langsam. Aber Jesus? Ich getraue mich nicht, das wäre anmassend. Er war eben Gott und Mensch. Wie sollte ich Jesus reden lassen?» Pfarrerin ist Trudi Gerster nicht geworden, dafür eine Schauspielerin mit solider Ausbildung in Zürich. Sie nahm auch Privatstunden bei damaligen Grössen wie Ernst Ginsberg oder Wolfgang Heinz («ein wunderbarer Stimmbildner, dank ihm kann ich auch im Alter noch alles machen mit meiner Stimme»). Diese aus dem Dritten Reich geflohenen Mimen gehörten zu den Emigranten, welche die glanzvolle Epoche des Zürcher Schauspielhauses begründeten.

Eiferte die Schauspielelevin einer bestimmten Schauspielerin nach? Trudi Gerster überlegt, schüttelt den Kopf: «Nein, keiner, ich habe halt immer lieber Männer gehabt.» Sie lacht ihr kehliges Lachen, schaut ihre Tochter an und fügt augenzwinkernd hinzu: «ausser natürlich meine Tochter». Trudi Gerster und die Männer: Die Verbindung zum Vater sei sehr eng gewesen, «er war sehr stolz auf mich». Zur Mutter hingegen war das Verhältnis problematisch, etwas «neidisch» sei sie wohl auf die brillante Tochter gewesen.

Sehr gern mochte sie auch Heinrich Gretler, «das war mein liebster Kollege», an dessen Seite sie, noch Schauspielschülerin, am Schauspielhaus Zürich im «Wilhelm Tell» den Walterli gab. «Eigentlich wollten sie für die Rolle ja einen Bub, den Willi Huber. Dann hat der Heiri Gretler aber gesagt: ,Näi, s Trudi isch besser, lönds Trudi Gerster dä spiele.‘» So kam es kurz vor der Premiere zur Umbesetzung, und Trudi Gerster opferte für die Rolle ihre langen Haare und spielte neben dem grossen Gretler den Walterli. «Ich war ja damals sehr schlank», sagt Trudi Gerster. Sie schaut erwartungsvoll in die Runde. «Also ich bin auch heute noch schlank, eigentlich war ich immer schlank, ausser während meiner beiden Schwangerschaften.» Ihre ironiefreie Koketterie ist entwaffnend. Die Kritiker sparten nicht mit Lob für den Walterli und strichen die erfrischende Darbietung eines gewissen Willi Huber heraus – im Programmheft war Trudi Gersters Name noch nicht aufgeführt. «Das war doch ein tolles Kompliment für mich, die merkten gar nicht, dass ich eine Frau war.»

Herr Fischlis Träne

Auf dem Salontisch liegt ein Foto, das die 20-jährige Trudi Gerster als Märchenfee an der Landi 1939 zeigt. Der Hinweis darauf, dass sie auf dem Bild deutlich jünger aussehe, kontert Trudi Gerster blitzschnell: «Ich habe immer jünger ausgesehen, mein Leben lang, auch heute noch.» Die im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung stehende Landesausstellung markiert den Beginn von Trudi Gersters märchenhafter Karriere. Sie hatte erfahren, dass an der Landi für das «Kinderparadies» eine Märchenfee gesucht wurde. Kurzerhand sprach sie beim zuständigen Architekten vor und konnte wenig später zum Probelesen antreten: «Ich habe die Geschichte ,Vom Säuli‘ gelesen. Als Herrn Fischli eine Träne über die Wange lief, wusste ich, dass ich engagiert war.»

Während dreier Monate erzählte Trudi Gerster «von morgens bis abends» am Seerosenteich vor Hunderten von Zuschauern Märchen – «das war nicht wie heute mit Mikrofon, da musste man gaaaanz luuuut sprechen, fast schreien.» Als Märchenfee verdiente sie rund 300 Franken, «für die damalige Zeit war das sehr viel Geld für einen jungen Menschen». Sie habe sich das Schauspielstudium eben selber verdienen müssen, nicht dass die Familie arm gewesen sei, das nicht, «aber da waren noch zwei jüngere Geschwister».

Ein Angebot aus Berlin durfte Trudi Gerster nicht annehmen; der Vater verbot ihr kurzerhand, «bei den Nazis Theater zu spielen». Trudi Gerster versteht im Rückblick das Machtwort ihres sozialdemokratischen Vaters, wäre damals aber gerne in die Hauptstadt des Dritten Reichs gegangen: «Wir wussten ja damals noch nicht, was in Deutschland los war mit den Juden.»

Stattdessen spielte sie in ihrer Heimatstadt St. Gallen. Sie war das Gretchen im «Faust», die Eve im «Zerbrochenen Krug», spielte auch Shakespeare und viele komische Rollen. Auf die Unterstützung ihres Mannes habe sie sich nur bedingt verlassen können: «So entschied ich mich wegen meiner Kinder fürs Märchenerzählen.» Im Rückblick ist sie froh, dass sie diesen Weg gegangen ist: «Es gibt nur wenige gute Rollen für Frauen, besonders für ältere Frauen.» Auch wenn sie in den vergangenen Jahren viele Ehrungen erfahren durfte, hadert die Märchenkönigin mitunter doch mit ihrem beruflichen Weg. Als Schauspielerin sei sie zu wenig gewürdigt worden, findet Trudi Gerster. «Die Leute haben richtiggehend vergessen, dass ich eigentlich eine Schauspielerin bin.» Einmal habe man ihr im Fernsehen eine Rolle angeboten; Trudi Gerster sollte eine alte Frau spielen, dann hiess es plötzlich, das ginge nicht, sie sehe zu jung aus. «Ich sagte, das könne man doch mit der Maske korrigieren. Es ginge nicht darum, hiess es, es sei vielmehr die Art, wie ich mich bewegen würde, die sei noch zu jugendlich. Und sie hatten recht.»

Kein Glück mit den Traumprinzen

Im Märchen sind König und Königin ein glückliches Paar mit vielen Kindern – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Trudi Gersters erster Mann, der Vater von Esther und Andreas, war Chemieprofessor. Sie heirateten 1948. Ein Märchenprinz, blendend aussehend, gescheit und elegant. Die Ehe scheiterte, der Mann verliess die Familie. Trudi Gerster wurde alleinerziehende Mutter. «Ich schaute halt mehr auf die Schönheit als auf den Charakter», sagt Trudi Gerster. Auch eine zweite Ehe mit einem Schauspieler war nicht von Dauer. Beide Männer hätten ihr fast das Herz gebrochen, «weil sie es mit der Treue nicht so genau nahmen. Jetzt sind beide tot, obwohl sie jünger waren als ich.» Die Sehnsucht nach dem Traumprinzen, die bleibe, sagt sie mit einem Seufzer. Sie schweigt. «Ja, ja, so ist das.»

Männer hat sie bis heute gern – gleichzeitig bezeichnet sie sich als Feministin. Immerhin sei Basel der erste Kanton gewesen mit dem Frauenstimmrecht. Anfang der 1970er-Jahre reiste sie durch die ganze Schweiz, um für die Einführung des Frauenstimmrechts auf eidgenössischer Ebene zu werben. Sie erinnert sich an einen Bauer, der ihre Argumente immer mit dem gleichen Satz konterte: «Solange wir Ochsen haben, brauchen wir keine Kühe.»

Von 1968 bis 1980 war sie Grossrätin in Basel, teils parteilos, teils als Mitglied der Landesring-Fraktion. In der Politik siegt bekanntlich nicht immer das Gute und Wahre. Konnte die Märchenerzählerin in der Welt der Interessenkämpfe glücklich werden? «Mol, mol, ich bin dreimal wiedergewählt worden», sagt sie. Sie hat sich vor allem mit ökologischen und kulturpolitischen Anliegen befasst. «Ich konnte etwas bewegen, das Baumschutzgesetz geht auf meinen Vorstoss zurück.» Am Anfang sei sie zwar schon belächelt worden. An der Basler Fasnacht war sie einmal das Grossratskäppli, hinter ihr marschierten die sieben Regierungszwerge.

Eine Bundesrätin für die Kultur

Als eine Anwältin der Künstler verstand sie sich auch im Parlament, auf deren Initiative die Anhebung der Mindestlöhne für Mitglieder des Ballettensembles zurückgeht: «Die haben so eine kurze Karriere und einen so anstrengenden Beruf.» Auch die Anfänger im Schauspielensemble des Basler Theaters wurden dank Trudi Gerster besser bezahlt. In den 70er-Jahren engagierte sie sich auch aktiv in der Anti-AKW-Bewegung, sprach bei Kundgebungen in Kasieraugst. «Ich bin eine der ersten Grünen gewesen, ehe es überhaupt diese Partei gab.»

Die Bundespolitik hätte sie auch gereizt. Sie kandidierte auch für den Nationalrat, «aber ausgerechnet in diesem Jahr hatte Basel weniger Sitze wegen eines Bevölkerungsrückgangs». Trudi Gerster im Bundeshaus, eine märchenhafte Vorstellung. «Ich wäre gerne Bundesrätin geworden», sagt sie und erwähnt stolz eine Umfrage Anfang der 80er-Jahre: «Bei einer Volkswahl des Bundesrates wäre ich mit dem besten Resultat gewählt worden.» Und dann sagt sie einen Satz, der direkt aus dem Mund der bösen Hexe kommen könnte: «Ich bin ein Mensch, der gerne Macht hat.» Pause. Sie geniesst die Irritation. «Macht natürlich nicht als Selbstzweck, sondern um etwas zu verbessern.» Im Bundesrat habe es ja niemand, der sich für Kultur einsetze. «Ja, die Kultur, das wäre mein Gebiet gewesen. Kultur und Umweltschutz.»

Gleichnisse auf die Gegenwart

Trudi Gerster, der politische Mensch, liebt besonders zeitlos aktuelle Märchen, die sich unangestrengt als Gleichnisse auf Missstände und Mängel in unserer Gegenwart lesen lassen. «Des Kaisers neue Kleider» ist so ein Märchen. «Es bringt die Situation der Kunst auf den Punkt, die es aus Angst oder Bequemlichkeit nicht wagt, die Macht zu kritisieren.»

Und im «Fischer und seine Frau» sei auch alles drin: «Das Haben wird über das Sein gestellt, der ganze verhängnisvolle Machbarkeitswahn.» Trudi Gerster stellt das Sein über das Haben. Werbung macht sie deshalb kaum; ihre Stimme, diese einzigartige Marke, soll nicht missbraucht werden für etwas Kommerzielles. «Ich will, dass sie für die Märchen da ist.» Zum Beispiel für ihr Lieblingsmärchen: Hans Christian Andersens «Kleine Meerjungfrau». Aus Liebe opfere sich die Hauptfigur für einen Menschen. « So eine Haltung ist heute doch sehr selten geworden.» (Der Bund)

Erstellt: 04.09.2009, 16:20 Uhr

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