«Jedi Gschicht het ihri Zyt . . .»

Ein 27-jähriger Berner Primarlehrer avancierte mit seinem Roman «In Trubschachen» zur Sensation des Bücherherbstes 1973. Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld verkündete euphorisch: «Das Emmental kann und wird niemals mehr eine so detaillierte Darstellung erhalten.» E. Y. Meyer setzte das Dorf auf die literarische Weltkarte – nicht unbedingt zur Freude der Einheimischen. Der frühe Ruhm war für den Autor aber auch eine Last.

In der Emmentaler Gemeinde hatte der Schriftsteller E. Y. Meyer vor fast 40 Jahren den Jahreswechsel verbracht – und 1973 den Roman «In Trubschachen» veröffentlicht. (Franziska Scheidegger)

In der Emmentaler Gemeinde hatte der Schriftsteller E. Y. Meyer vor fast 40 Jahren den Jahreswechsel verbracht – und 1973 den Roman «In Trubschachen» veröffentlicht. (Franziska Scheidegger)

Man hält instinktiv Ausschau nach einer markanten Kopfbedeckung. Plötzlich steht er, eine Baseballmütze auf dem Kopf, beim verabredeten Treffpunkt im Berner Bahnhof: in Schwarz gekleidet wie erwartet, aber ohne die obligaten Accessoires, Schal und breitkrempiger Borsalino-Hut. Das ist er also, der Mann, der die Schweiz für «tot» erklärt und sagt: «Unser Land ist kein geistiges Gebilde mehr, es gibt nur noch Materielles.» Das ist der Mann, der einen Anschluss der Schweiz als 51. Bundesstaat an die USA propagiert.

In seinem «Hemingway-Gesicht» stechen die Augen hervor, sie strahlen etwas Weiches, Verletzliches aus, das mit der sonst kräftigen Erscheinung kontrastiert. Der Händedruck ist fest, noch gibt er sich wortkarg, die bevorstehende Reise in seine Vergangenheit scheint für ihn eher eine lästige Pflichtübung zu sein; immerhin ist sein seit 2007 vergriffener Erstlingsroman wieder greifbar – just am Tag unseres Ausflugs liegt er in den Buchläden erstmals auf.

Während unserer kurzen Reise in seine Vergangenheit wird er einmal sagen: «Für mich war es das Beste, dass ich beim Schreiben des Romans nicht wusste, was ich machte, und ich mich vom Erfolg überraschen liess.» Ja, der Erfolg. Er blende, mache auch blind, es sei schwierig gewesen, damit umzugehen, «später fällt man in ein Loch».

Das Unheimliche des Heimeligen

E. Y. Meyer, 63-jährig, Schriftsteller mit Wohnsitz im Bümplizer Brünnengut, einem Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert, hat sich an diesem kalten Wintermorgen für solides Schuhwerk entschieden, er trägt eine Windjacke und ist mit einem Rucksack unterwegs. Der Regioexpress, Bern ab 11.37 Uhr, wird uns in nur 34 Minuten nach Trubschachen bringen.

Das Dorf im hinteren Emmental, unweit der Grenze zum Kanton Luzern, ist für den Autor E. Y. Meyer – bürgerlich: Peter Meyer – zum Schicksalsort geworden, es hat ihn als jungen Mann durch den Roman «In Trubschachen» schlagartig berühmt gemacht – gleichzeitig hat das Buch bei den «Schächelern» für Missmut und Kopfschütteln gesorgt.

Was dieser Meyer vorlegte, war irgendwie nicht einzuordnen, weder ein konventioneller Heimatroman noch ein pralles Sittengemälde. Nicht einmal das kulturelle Grossereignis, die seit 1964 alle zwei Jahre in Trubschachen stattfindende Kunstausstellung, erwähnte er im Buch. Bei Meyer verwandelte sich das liebliche Emmental in ein fremdes Territorium, in ein «Tal des Todes», überall erkennt der Erzähler auf seinen Spaziergängen in einer Winterlandschaft wie «unter einem Leichentuch» Anzeichen von Verwesung. Das Heimelige, mit detailversessener Präzision beschrieben, offenbart seine unheimliche Seite.

Der Erzähler beschäftigt sich mit dem rigorosen Pflichtbegriff von Kant und hält abends am Wirtshaustisch vor den Honoratioren des Dorfes eine flammende «Rede über die Pflicht»; er stellt dem eine kitschige Illustrierten-Story über den 1936 abgedankten englischen König Edward VIII. gegenüber – ein Beispiel dafür, wie persönliches Glück über Pflichterfüllung gestellt wird. Als «Schmalspur-Gotthelf» wurde er im Dorf bezeichnet, und einige Einheimische drohten dem Schriftsteller, sie würden ihn, einmal seiner habhaft, für diese Respektlosigkeiten «brunnentrögeln».

Der Dichter wird gescholten

Als «verschrobenen Städter» habe man diesen Meyer im Dorf wahrgenommen, erinnert sich «Bund»-Stadtredaktor Ruedi Kunz, der als Bauernsohn in Trubschachen aufgewachsen ist. In der Familie sei der Roman kein Thema gewesen; erst als Mitte der 1970er-Jahre eine Kindergärtnerin bei ihnen im Landdienst den Roman las, habe er aus Neugier in Meyers Buch geblättert: «Aber ich war damals vielleicht 12 Jahre alt und habe natürlich nichts verstanden.»

Die mitunter turbulente Rezeptionsgeschichte des Romans hat E. Y. Meyer 1975 in der Erzählung «Die Erhebung der Romanfiguren» thematisiert (zusammen mit dem Roman gab der Amman-Verlag die Erzählung 1998 unter dem Titel «Der Trubschachen-Komplex» heraus).

Zum Thema Eigenleben der Figuren fällt Meyer auf dem Perron im Berner Bahnhof eine Anekdote ein: 1982 besuchte er im Auftrag der «Berner Zeitung» die Vernissage der Trubschachener Kunstausstellung; anschliessend traf er im «Hirschen» beim Festessen auf einen Lehrer, der neben ihm Platz nahm und sich als derjenige vorstellte, der dem Lehrer im Buch Pate gestanden habe. Und sogleich schalt er den Dichter: In die «Emmentaler Rede» über Land und Leute, die Meyer diesen Lehrer am Stammtisch halten lässt, sei nicht alles so eingeflossen, wie er ihm dies erzählt habe.

Der Dichter reagierte verdutzt: Sie hätten doch gar nie miteinander gesprochen, gab er zurück, die Lehrerfigur im Buch sei fiktiv und trage teils Merkmale von ihm, E. Y. Meyer. Allein, der Lehrer beharrte auf seiner Vorbildfunktion. «Wir liessen dann dieses Rätsel ungelöst», sagt Meyer, «und widmeten uns Speis und Trank.»

Da überschritt einer Grenzen

Für Aufsehen sorgte auch die Tatsache, dass Meyer zweimal wegen Verrats militärischer Geheimnisse einvernommen wurde; im Buch hatte er eine im Bau befindliche militärische Anlage erwähnt. Dabei habe er nicht mehr geschrieben als im «Blick» gestanden sei. Der «Blick»-Journalist war verurteilt worden, Meyers Verfahren wurde später eingestellt. 1992, nach Ende des Kalten Kriegs, nahm er amüsiert zur Kenntnis, dass die militärische Logistikanlage Trubschachen einen «Tag der offenen Tür» veranstaltete. So ändern sich die Zeiten.

Ein Eintrag im Heimatbuch «Trub/Trubschachen» hielt kurz und bündig fest: «E. Y. Meyer hat die Grenzen der dichterischen Freiheit überschritten.» Und dann wagte es dieser «Nestbeschmutzer» auch noch, nach der Veröffentlichung des Buchs mit Medienvertretern vom deutschen Magazin «Stern» bis zum Schweizer Fernsehen grossspurig an den Schauplatz des Geschehens zurückzukehren. Den verstimmten Dorfbewohnern hielt der Autor entgegen: «Das Buch sagt viel mehr über die Weltsicht des Erzählers aus als über die Wirklichkeit des Dorfs und seiner Bewohner.»

«Damals prallten halt Welten aufeinander», sagt der Gemeindepräsident von Trubschachen, Michel Seiler. Der gebürtige Seeländer lebt seit 1970 in Trubschachen und hat die Schule Berghof Stärenegg aufgebaut. Meyer hat er einmal an einer Lesung im Gasthaus Bäregghöhe erlebt – auf 900 Metern ob Trubschachen in Richtung Langnau gelegen. Im Buch steht das ehemalige Kurhaus leer und bringt den Erzähler ins Sinnieren über Geschichten von Einsiedlern und sich selbst überlassenen, verwahrlosten Menschen. Meyer wirke halt mit seiner Art auf viele «arrogant und etwas überheblich», glaubt Seiler. Auf seine Weise sei er auch ein Randständiger, so wie die Trubschachener zumindest geografisch am Rand lebten. Irgendwie passten der Schriftsteller und das Dorf zusammen.

«Unerklärliche Hartnäckigkeit»

Der Zug bewegt sich gemächlich aus dem Berner Bahnhof hinaus. Der Künstler als Randständiger: Das ist für Meyer eine notwendige geistige Position, um seine Aufgabe zu erfüllen. Ein Aussenseiter war er auch als Jugendlicher in Biel. Er habe viel gelesen und gezeichnet, erzählt Meyer, und in der Schule sei er auch Zielscheibe von Spott und Hänseleien gewesen: «Ich war halt ein Träumer, der mit seinem Kasperlitheater in der Schule selbst verfasste Stücke aufführte.»

Seit dem Erscheinen des Buchs 1973 glauben viele, E. Y. Meyer sei Emmentaler. Die Fakten sprechen dagegen. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie, verbrachte die Kindheit in Pratteln und seine Jugend in Biel, wo der Vater eine Anstellung bei General Motors gefunden hatte.

«Wahr ist», schrieb E. Y. Meyer einmal, «dass das Schicksal mich mit einer merkwürdigen, mir unerklärlichen Hartnäckigkeit ab einem bestimmten Zeitpunkt meines Lebens in unregelmässigen Abständen immer wieder in dieses düster-liebliche, heimelig-unheimliche Hügelland verschlagen hat.» Das Emmental, diese vorab durch die Gotthelf-Verfilmungen von Franz Schnyder gespiesene Sehnsuchtslandschaft in den Köpfen vieler, hat Meyer tatsächlich nie mehr losgelassen. Davon zeugen die Romane «Die Rückfahrt» (1977) und «Der Ritt» (2004), in dem der junge Vikar Albert Bitzius mit dem Pferd nach Lützelflüh reitet, seiner künftigen Wirkungsstätte als Pfarrer. Und 2007 veröffentlichte Meyer die CD «Wo Gott hockt. Emmentaler und andere Gedichte».

«Wenn man zurückkehren würde»

«Wenn man doch noch einmal nach Trubschachen zurückkehren würde», sinniert der Erzähler im Roman kurz vor seiner Abreise, nachdem der Fremde aus der Stadt eine Woche Vollpension im Gasthof Hirschen hinter sich hat, in seinem Arbeitsurlaub mit der Studie über den Philosophen Kant nicht weitergekommen und dem Erfrierungstod auf einem Spaziergang mit letzter Kraft entronnen ist, «würde sich aber sonst, wie überall, vieles verändert haben, das auch die Leute nach und nach wieder verändern würde.»

Der Erzähler prognostiziert – im Konjunktiv, der als formales Prinzip die Handlung in eine Sphäre des Irrealen, scheinbar Vertrautes Verfremdendes rückt – Landflucht und Abwanderung der Jugend, allerorten Skilifte auf den «Eggen» und eine Verbauung der Landschaft mit «Industrie und Wohnblöcken». Eine Entwicklung, die wir gemeinhin als Fortschritt bezeichnen. Aber der Schriftsteller Meyer ist ein radikaler Fortschrittskritiker. Er schaut zum Fenster hinaus, die Hochhäuser von Wittigkofen ragen wie gigantische zivilisatorische Aussenposten in die ländliche Landschaft hinaus. Vom organischen Wachsen und Vergehen zähle bei uns nur noch der eine Teil, das Wachsen, vom anderen Teil wolle man nichts mehr wissen. In der Natur jedoch gebe es immer Rückschritte, «wir müssen die lineare vermehrt zugunsten einer kreisförmigen Vorstellung der Zeit aufgeben». Bei der «Wiederherstellung» der Welt, das ist Meyers Überzeugung, müssten Kunst und Kreativität die Funktion des Fortschrittsglaubens übernehmen.

Der Tipp des Professors

E. Y. Meyer erzählt davon, wie er als Gymnasiast zweimal Landdienst im Emmental leistete. Das seien die ersten direkten Begegnungen mit der Gegend gewesen, nachdem er als Knabe am Radio den Gotthelf-Hörspielen von Ernst Balzli gelauscht hatte. «Bei einem Bauern in Dürrenroth musste ich immer in der Dunkelheit aufstehen, das hat mir natürlich gestunken, ich war bei der Kartoffellese dabei und half beim Grasen.»

Zwei Jahre später war E. Y. Meyer dann bei «armen Leuten» auf einer Alp; er genoss die «sonnendurchflutete Altweibersommerwoche im Voralpengebiet», erlebte den Alpabzug und die bitteren Tränen eines Knaben, dem man die Nachricht überbringen musste, sein Gusti sei über einen Felsen hinab zu Tode gestürzt.

Später, als Student der Geschichte und Philosophie, lieh er sich am Dreikönigstag das Auto seines Vaters und besuchte in einer «seelischen Notlage» in Eggiwil seinen verehrten Philosophieprofessor Georg Janoska; dieser hatte sich dorthin in ein Hotel zum Arbeiten zurückgezogen. Janoska empfahl ihm denn auch später – Meyer hatte das Studium abgebrochen und sich zum Primarlehrer ausbilden lassen – den Jahreswechsel 1969/70 als Arbeitsurlaub fernab der hektischen Stadt im Emmental zu verbringen. Eine Studie über den Philosophen Kant sollte noch abgeschlossen werden. Das Hotel in Eggiwil war indes bereits ausgebucht, also wich Meyer, ebenfalls auf Rat seines Professors, nach Trubschachen aus, ins «Dorf des Biskuit-Königs Kambly».

«Organisch gewachsen»

Ein Rückzug zwischen Weihnachten und Neujahr also, wenn die Zeit stillzustehen scheint, um ohne Ablenkungen konzentriert zu arbeiten, «da man später, in den durch den ständigen Leistungszwang immer unmenschlicheren, einen in einem immer grösseren und stärkeren Masse aufreibenden Berufsalltag zurückkehrt».

Er sei vor 40 Jahren nicht mit der Absicht nach Trubschachen gefahren, ein Buch zu schreiben, sagt Meyer. «Ich habe während meines Aufenthaltes einige Notizen gemacht und die Menükarte abgeschrieben. Im Buch werden die Einträge aus der Speisekarte, in Grossbuchstaben abgedruckt, zu einem Leitmotiv: GEMÜSESUPPE, COTELETTE, SPAGHETTI, RANDENSALAT, ENDIVIENSALT UND COUPE MELBA.»

Das Buch sei «organisch gewachsen», keinem von Anfang an feststehenden Bauplan folgend, sagt Meyer. Überhaupt sei er «kein Industrieschreiber mit regelmässigen Bürozeiten». Er trage die Stoffe oft längere Zeit mit sich herum, lasse sie «wachsen und reifen», ehe es plötzlich schnell gehe. So wie beim «Trubschachen-Roman», den er niederschrieb, während er parallel dazu noch als Primarlehrer in Ittigen arbeitete.

Der Zug hält. «Sind wir schon in Langnau?», fragt Meyer. Er steht auf, geht zum gegenüberliegenden Fenster, schaut hinaus. «Aha, Konolfingen, bei Fritz. So schnell geht es dann doch nicht.» Friedrich Dürrenmatt habe übrigens, sagt Meyer, Freude gehabt am Buch, sie hätten danach eine Zeit lang regelmässig miteinander telefoniert. Er setzt sich wieder.

«Der Erfolg», sagt Meyer nach einer Pause, «ist mir vielleicht auch etwas in den Kopf gestiegen.» Es ging aber auch rasant, nach seinem 1972 erschienenen Erzählband «Ein Reisender in Sachen Umsturz» gehörte er früh zum «Suhrkamp-Orden», mit Verlegerpatriarch Siegfried Unseld verband ihn eine Freundschaft, die jährlich beim gemeinsamen Aareschwimmen zelebriert wurde. Im Literaturbetrieb wurde er als grosse Nachwuchshoffnung herumgereicht. «In Trubschachen» avancierte rasch zum Kultbuch, jüngere Autoren wie Martin R. Dean oder Beat Sterchi gestanden ihm später, dieses Buch hätte ihnen Mut gemacht, ihre eigenen Stimmen als Autoren zu finden. Der Zeitpunkt war auch günstig: Die 68er-Bewegung hatte vieles aufgebrochen, alternative Lebensformen wurden geprobt, die Anti-AKW-Bewegung formierte sich. Kurzum: Die Wohlstandsgesellschaft mir ihren Lebenslügen und Schattenseiten wurde mit nie da gewesener Schärfe analysiert und infrage gestellt.

«Es war ein günstiger Zeitpunkt für das Buch», stimmt Meyer zu. Ein namenloser Erzähler, ähnlich einem Jeder- «man» in der unpersönlichen dritten Person erzählend, wirkte wie ein Prototyp eines skeptischen jungen Menschen, der die Sachzwänge und Widersprüche, die das grosse Ganze prägen, im Nukleus einer scheinbaren ländlichen Schweizer Idylle freilegt.

Irgendwie vertraut

Die Last des frühen Ruhms setzte E. Y. Meyer buchstäblich auch körperlich zu: «Vor meinem Aufenthalt in Trubschachen hatte ich keine Gewichtsprobleme», sagt er und lacht. Er sei früher Sportler gewesen, Leichtathlet. Er holt seine Schnupftabakdose heraus. Vor drei Jahren habe er dem Alkohol entsagt, seither schnupft er.

Wir fahren in Trubschachen ein, die Sonne wirft ein mildes Licht auf das Dorf, das sich dem Fortschrittsalbtraum Meyers äusserlich widersetzt. Und doch: Das grosse Kambly-Fabrikationsgebäude empfängt einen am Bahnhof als wuchtige Visitenkarte – auch hier ist Fortschritt ein Thema. Das Dorf wirkt wie zweigeteilt: Auf der sonnigen, bereits frühlingshaft grünen Nordseite ist der Schnee fast gänzlich geschmolzen, die Südseite dagegen wirkt noch winterlich, das «Leichentuch» ist ausgerollt.

Meyer lässt den Blick über den Bahnhofsplatz schweifen. Es sei schon eigenartig, da sei man nun hier, und sofort stünden einem Bilder von damals wieder gestochen scharf vor dem inneren Auge. Er kommt auf das berühmt gewordene, während des Aufenthalts 1969/70 entstandene Bild zu sprechen, das später den Umschlag des Buches zierte: ein grimmig blickender E. Y. Meyer mit Fellmütze, dickem Schal und Wintermantel – ein Mann setzt sich in einem existenziellen Selbstversuch in einer sibirisch anmutenden Winterlandschaft aus. Es war denn auch dieses Foto, das den Anstoss gab zum Roman. Der Suhrkamp-Verlag hatte vom Autor für Werbezwecke eine Fotografie verlangt. Meyer fing, ausgehend vom Foto, mit dem Schreiben an, und das Fragment wuchs sich allmählich zu einem Roman aus.

«Ungfrässe vom Tisch»

Das Mittagessen erwartet uns – leider nicht im «Hirschen», der noch geschlossen ist. Nun haben wir im «Bären» reserviert, der im Dorfzentrum an der Gabelung steht, wo die eine Strasse geradeaus nach Trub und die Dorfstrasse in einer scharfen Rechtskurve am Bahnhof und der Kambly-Fabrik vorbei Richtung Escholzmatt führt. Im Säli sitzen einige ältere Paare, die Stimmung ist aufgeräumt. E. Y. Meyer entscheidet sich für Rindsfilet («saignant, bitte»), Broccoli, Blumenkohl, Rüebli, dazu ein Cola light. Der Begleiter wählt das Menü, zuerst Brotsuppe, dann ein Menüsalat, Curry-Geschnetzeltes mit Teigwaren, dazu eine Stange. Unweigerlich kommt einem ein Gedicht Meyers in den Sinn, «Emmentaler Gastfreundschaft 2»: «Mir gäs / wie mers hei / u wäms nid schmöckt / dä cha / ungfrässe / vom Tisch.»

E. Y. Meyer blättert in der Speisekarte, schmunzelt – die Zwiebelsuppe heisst «Grännisuppe», und auch eine «Röschti Gotthäuf» ist im Angebot, eine Coupe E. Y. Meyer sucht man aber vergeblich. Nein, Ehrenbürger wird er wohl nie werden, das ist bisher nur Oscar Kambly senior vorbehalten gewesen.

Der Schächeler Notar und BDP-Grossrat Samuel Leuenberger findet, die Ehrenbürgerschaft gebühre Menschen, «die sich in aufopfernder Weise für das Dorf oder die Gemeinde eingesetzt haben». Diese Voraussetzungen sieht er bei E. Y. Meyer nicht gegeben – und er fügt augenzwinkernd hinzu: Vielmehr sei das seit Jahrzehnten ausgesetzte «Bad der Läuterung» noch ausstehend. Auf dem Weg vom Bahnhof in den «Bären» stiessen wir tatsächlich auf den Hinweis «Hier Brunnentröge zu verkaufen»; E. Y. Meyer registrierte es gelassen.

Neuer Platz für die Gedenktafel

«Isch es rächt?», fragt nun die Serviertochter. «Wunderbar», antwortet Meyer, «ds Fleisch isch sehr chüschtig, i muess nume chli langsam ässe.» Später auf dem Verdauungsrundgang gehen wir die Dorfstrasse hinab zum Gasthof Hirschen und passieren das Heimatmuseum Hasenlehn. Anhand von Alltagsgegenständen kann man dort erleben, wie die Landbevölkerung zu Gotthelfs Zeiten mit dem Leben fertig wurde. Dem Museum ist eine Schautöpferei und eine Kaffeestube angeschlossen. «Das ist ja schon gut und recht», murmelt Meyer, «aber heute muss einfach alles eine Funktion haben und rentieren.»

Auf der anderen Strassenseite steht das moderne Gebäude der Drahtseilfabrik Jakob («Innovation hat bei uns Tradition»), der Gasthof Hirschen sei, bemerkt Meyer, in den letzten 40 Jahren «richtiggehend eingekreist» worden von der Firma Jakob.

«Als ich im ,Hirschen‘ wohnte, stand da noch ein Haus mit grossem Garten», sagt Meyer. Die Firma Jakob beliefert heute Kunden in 50 Ländern weltweit – die Globalisierung hat Trubschachen längst erreicht.

Wir klopfen beim «Hirschen» an die Eingangstüre, nichts rührt sich. E. Y. Meyer schaut hinauf zum Eckzimmer im ersten Stock, das auf die Strasse geht. Es ist sein Zimmer. 1997 wurde von den Wirtsleuten Soltermann-Hirschi eine kleine Messingtafel an der Fassade angebracht, zwischen «Rotary-Club Emmental» und «Chaîne des Rôtisseurs» . Die Inschrift lautete: «Hier verbrachte der Schriftsteller E. Y. Meyer den Jahreswechsel 1969/70». Und darunter: «1973 erschien sein Roman ,In Trubschachen‘». Aber die Gedenktafel ist entfernt worden. Meyer weiss nicht, warum. Er späht durch die Milchglasscheibe in den Eingangsbereich und glaubt, die Tafel an der rechten Wand zu erkennen.

«Keine leichte Kost»

Heute führt der Sohn des Wirtepaars, Jürg Soltermann, den Gasthof Hirschen. «Ds Schild isch eifach z chli gsi», antwortet er einige Tage später am Telefon auf die Frage nach dem Grund für die Verlegung der Tafel. Im Innenbereich komme sie besser zur Geltung. Er hat auch einen Ordner mit Zeitungsartikeln gesammelt, den er interessierten Besuchern zur Verfügung stellt.

Von einem «Literaturtourismus» will er nicht sprechen, aber es kämen schon hin und wieder Gymnasiasten und Schulklassen vorbei, «die sich im Unterricht gerade mit dem Buch von Herrn Meyer befassen».

Er selber hat «In Trubschachen» auch gelesen. «Keine leichte Kost, vor allem wegen der Zeitform», sagt er. Die Leute seien damals halt etwas «toube» gewesen, weil im Buch Begebenheiten vertauscht und den Figuren falsche Eigenschaften zugeordnet worden seien. So trinke etwa in Meyers Buch der Pfarrer ein Glas Wein im «Hirschen», während der richtige Pfarrer «Abstinentler» gewesen sei. «Aber eben», sagt Soltermann trocken, «das ist dichterische Freiheit.» Insgesamt aber, das könne er sagen, sei das Buch für Trubschachen eine erfreuliche Sache, die Wogen hätten sich längst geglättet, «viele Leute, die sich betupft fühlten, sind heute sehr alt oder schon gestorben».

Auf unserem Spaziergang stossen wir an der Hauptstrasse Richtung Langnau auf den Dorfladen; die Bäckerei-Konditorei ist seit Ende Jahr geschlossen und bedient die Kundschaft nur noch in Langnau. Trubschachen brauche nicht zwei Bäckereien, heisst es auf einem Informationsblatt. Das Ladenlokal ist leer, Kartonkisten stehen herum. E. Y. Meyer lacht und zeigt auf den mit weisser Farbe auf die Glasscheibe gemalten Schriftzug: «Liebi Lüt . . . es isch so wyt / jedi Gschicht het ihri Zyt . . . / üsi isch itz hie verbi / mir si gärn im Schache gsi!»

Auf dem Rückweg nehmen wir die Abkürzung von der Dorfstrasse über die Eisenbahnbrücke zum Bahnhof – unten fliesst die Trub vorbei. Es bleibt uns noch etwas Zeit, und wir besuchen den Friedhof. «Da wurde Platz geschaffen», sagt Meyer angesichts der vielen Grünflächen. «Erlöst», steht auf einem Grabstein oberhalb des Namens und der Lebensdaten. «Das habe ich auch noch nie gesehen.» Er wirkt nachdenklich, zitiert plötzlich die zweite Strophe aus Friedrich Hölderlins Gedicht «Hälfte des Lebens»: «Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde? / Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.»

«Das musste so sein»

Nein, so schlimm sei es nicht geworden in Trubschachen, räumt E. Y. Meyer ein. Zumindest nicht so deprimierend wie in Pratteln, wo er bis zu seinem elften Lebensjahr wohnte. Kürzlich sei er nach Jahrzehnten wieder einmal dort gewesen, «es war der reinste Horror». Der ehemalige Wohnort des Grossvaters, einst umgeben von Kuhweiden, sei «gettomässig» überbaut. «Das Pratteln, das ich kannte, gibt es nicht mehr.» Ja, vieles sei tot – «auch Sektionschefs gibts nicht mehr, oder?», fragt Meyer.

Warten auf den Zug, es hat vor allem ältere Leute, vielleicht «Schächeler», die sich damals aufregten über dieses komische Buch. Aber niemand scheint ihn zu erkennen; dem Schriftsteller ist es recht so. Der Zug von Luzern fährt ein. Trubschachen ab 15.44 Uhr. Auf der Rückfahrt kommen wir auf die Hypothek des Anfangserfolgs zu sprechen. «Das musste so sein», sagt Meyer. Es zeige einem auch , wie das Leben spiele; er erwähnt die Veränderungen im Kulturbetrieb und seine mitunter konfliktträchtigen Beziehungen zu den Verlegern.

Seine wirtschaftliche Situation bezeichnet E. Y. Meyer nüchtern als prekär. «Der Wert der geistigen Arbeit wird zu wenig gewürdigt in unserer Gesellschaft.» Er werde im Oktober auf seinen 63. Geburtstag hin eine vorzeitige AHV beantragen. In der Schweiz lebten die meisten Schriftstellerwie Taglöhner. Es tönt bitter. Aber wie heisse es so schön bei Samuel Beckett: «échouer, recommencer, échouer mieux». Scheitern tue man eh immer, sagt Meyer.

«Weiss nicht, ob ich bleiben kann»

Heute lebt er ziemlich zurückgezogen, er gehe «fast nie» in die Stadt. «Minus magnis» – weniger ist mehr – laute sein Credo. Der PR-Berater Klaus J. Stöhlker hat ihn einen in die «Gegenwart ragenden Monolithen» genannt. Seit einem Vierteljahrhundert residiert er im Brünnengut, mittlerweile ist er dort umzingelt vom wütenden Fortschritt, der sich etwa den Namen Westside gibt.

Im Februar werde das «No man’s land» um das Brünnengut in eine Parkanlage verwandelt, erzählt Meyer. Was mit dem der Stadt gehörenden Brünnengut passiere, sei offen: «Ich weiss nicht, ob ich bleiben kann.» Er kokettiert gerne damit, ein Fossil in der Literaturlandschaft der Gegenwart zu sein.

In seinem Text, in dem er den Beitritt der Schweiz zu den USA vorschlug, notierte er, falls dereinst im 51. US-Bundesstaat die Idee aufkommen sollte, im solothurnischen Lommiswil wegen der dort gefundenen Dinosaurierspuren einen «Jurassic Park» einzurichten, «möchte ich schon jetzt meine Bewerbung um den Posten eines Aufsehers in diesem Reservat deponieren». Bern erreichen wir gemäss Fahrplan.

E.Y. Meyer: In Trubschachen. Roman aus dem Emmental. Lenos-Verlag, Basel. 218 Seiten, Fr. 17.50. www.eymeyer.ch

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