Der kleine Bund

«Ich bin keiner von denen»

Nein, Jimy Hofer will die Welt nicht verbessern. Ganz und gar nicht. Nur Bern. Dazwischen liegt ein himmelweiter Unterschied. Es ist der Unterschied, den dieser Mann zwischen sich und den Politikern macht. Jetzt sitzt er trotzdem im Berner Stadtparlament. Eine Langzeitbeobachtung.

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So geht das in der Demokratie. Nicht gewählt und doch gewählt. Bis er die Tür öffnet an diesem trüben Dezembermorgen in Wiggiswil bei Münchenbuchsee, Jimy Hofer, der Nicht-Stadtpräsident und Neo-Stadtrat, vergehen einige Minuten. Fünf, vielleicht sechs.

Dann steht er im Eingang, reibt sich das Gesicht und bittet müde herein ins Clubhaus der Broncos. Wortlos wankt er zum Wasserkocher auf der Werkbank, greift sich einen Becher, gibt grosszügig Instantpulver hinein und dann brühendes Wasser. Milch hat es keine mehr.

Spät sei es geworden gestern, sagt Jimy. Er war im Hallenstadion. Göläs zweites Konzert, «ein Riesenfest, alle waren da». Dann steigt Jimy in den Keller hinab, Milch holen.

Schon am Montag davor war er im Hallenstadion. «Da haben die Hosen gespielt.» Campino hatte ihn eingeladen. Sie kennen sich von früher – Jimy, der Security-Chef, und Campino, der Sänger der deutschen Punkband Die Toten Hosen. In der Garderobe dann das Wiedersehen. «Und was hing da an der Wand? Mein Plakat!» Jimy lacht. «Die Jungs haben meinen ganzen Wahlkampf im Internet verfolgt. Unglaublich.» Noch im Dezember wolle er an ein weiteres Hosen-Konzert fahren, diesmal nach Hamburg. Einmal im Jahr müsse er einfach nach Hamburg. Das mache er seit Jahren so.

«Wählt keine Politiker»

Boss der Broncos und Leader einer Rockband mag Jimy Hofer sein, den Rest kauft man ihm heute Morgen nicht ab. Nicht den Familienvater, nicht den Helikopterpiloten, nicht den Buchautor. Auch nicht den KMU-Gewerbler, den die Behörden mit ihrem Regulierungswahn vom Arbeiten abhalten, und schon gar nicht den Berner Stadtrat, der er seit dem 30. November 2008 ist, demokratisch gewählt.

Warum eigentlich haben die Berner die Liste «04 Jimy Hofer» ins Parlament geschickt? Ihm fallen viele Gründe ein. Wegen des klaren Programms. Wegen der Sicherheit in Bern. Weil die Leute ihn kennen. Weil sie ihm vertrauen. Weil sie genug haben von Links-Grün, von Politikern, von jenen, die nur reden und nicht handeln, von Ideologien und so weiter. «Wählt keine Politiker», so stand es auf seinem Plakat.

Warum hat er überhaupt kandidiert? Jimy Hofer denkt lange nach. Es sei sehr wichtig, dass man ihn richtig verstehe. Er wolle nicht die Welt verbessern. «Ganz und gar nicht, ich bin keiner von denen.» Mit Fantasten und Revolutionären wolle er nichts zu tun haben. Er habe einfach nicht anders gekonnt, als zu kandidieren, sagt Jimy. «Ich konnte es irgendwann nicht mehr verantworten, untätig danebenzu- stehen und zuzuschauen, wie alles den Bach runtergeht.» Er sei noch nie einer gewesen, der die Faust im Sack machte. Immer wenn ihm etwas nicht gepasst habe, sei er hingestanden und habe gesagt: so nicht. «Und was soll man da machen heutzutage? Man kann ja schlecht mit dem Baseballschläger im Erlacherhof einmarschieren. Man muss sich wählen lassen.»

Er unten, die oben

Rückblende: Ende September, Jimys Wahlkampf läuft allmählich an. Gerade hat ihm die Stadtverwaltung unfreiwillig ein weiteres Thema zugespielt. Die Personalvorsorgekasse der Stadt Bern hat den rund dreissig Bewohnern der Gerberngasse 7, 9 und 9a schriftlich auf April 2009 gekündigt. Das mache ihn stinksauer, sagt Jimy. Die Bewohner hätten hier zum Teil seit mehr als drei Jahrzehnten gelebt. Manche seien schon alt und nicht mehr gut zu Fuss. Und jetzt komme die Stadt und schmeisse sie alle raus, «einfach so, zwecks Renovation».

Jimy ist jetzt der Einzige, der redet, im Restaurant Mülirad, gerade gegenüber den besagten Liegenschaften. Am Stammtisch sitzen einige ältere Damen, darunter Bewohnerinnen der Gerberngasse 9, sie lauschen und nicken. Die Kündigung sei eine Schande, schimpft Jimy. Als er gestern davon gehört habe, sei er direkt hinauf in den Erlacherhof, um diesen Stadträten einmal die Meinung zu sagen. Die Hayoz habe ihn sogar empfangen und zugehört und auch Verständnis gezeigt. «Jetzt wollen wir sehen, was weiter passiert.» Sie sei ja gar keine Schlechte, die Hayoz, sagt Jimy. Überhaupt habe er Respekt vor allen Gemeinderäten. «Aber manchmal studieren sie einfach zu wenig, bevor sie etwas beschliessen.» Und deshalb müsse er jetzt Stadtpräsident werden, «damit solche Fehlentscheide nicht mehr vorkommen».

Jimy hier unten im «Mülirad», bei den Leuten, die Amtsträger dort oben im Erlacherhof, weit weg von den Menschen. So politisiert er gerne. Und wenn er denn tatsächlich Stadtpräsident werden sollte, plötzlich auch dort oben sässe, ein Politiker wäre, was dann?

Jimy Hofer weiss es. «Der Stadtpräsident ist der Chef der Stadt.» In Friedenszeiten sei das ein relativ simpler Job, da müsse der Stapi vor allem gut delegieren können. Das würde er sich schon zutrauen, das mache er schliesslich schon fast sein ganzes Leben lang. Anders in Krisensituationen, da müsse der Stadtpräsident ganz klare Befehle geben. Er müsse unmissverständlich sagen, wo es langgeht. Zum Beispiel bei der Reithalle. Oder beim Zaffaraya. Oder bei Demonstrationen wie am 6. Oktober 2007.

«Wäre ich damals Stadtpräsident gewesen, ich hätte zuvorderst vorne gestanden auf dem Bundesplatz und zu diesen Chaoten gesagt: Losit, in dieser Stadt sage ich, was läuft und wer demonstrieren darf. So Chaotengesindel wie ihr hat hier nichts verloren. Und jetzt habt ihr fünf Minuten Zeit, Platz zu machen, denn sonst chlöpfts.» Jimy haut mit der Handkante auf den Tisch. «Wer diese Linie fährt, kann nichts falsch machen, denn es ist eine gerade Linie.» Heute glaubten alle in dieser Stadt, sie könnten sich alles erlauben: mööggen, wie sie wollen, demonstrieren, wann sie wollen, Eigentum zerstören, Leute überfallen. «Das hat Bern kaputtgemacht.

Ein Mann der Mitte, trotzdem

Zurück in der Wiggiswiler Broncos-Hütte, einer stillgelegten Suurchabis-Fabrik. Jimy redet von der Politik im Parlament. Er habe viel nachgedacht in den letzten Monaten. Und er glaube schon, dass er den Betrieb jetzt langsam durchschaut habe, sagt er. Im Stadtrat wolle er sich auf einzelne wichtige Themen konzentrieren. Nur so könne er verhindern, dass er aufgefressen werde vom Apparat, wie so viele Politiker vor ihm. «Sicherheit, Sauberkeit, Verkehr, da habe ich Erfahrung, da will ich mitreden. Den Rest überlasse ich gerne den anderen.» Stadtrat Jimy Hofer, ein ganz gewöhnlicher Rechtspopulist.

Und doch nicht. Die Wahlhilfeplattform Smartvote verortet Jimy Hofer erstaunlich zentrumsnah. Mit Recht: Jimy will zwar einen schlankeren Staat, aber wesentlich mehr Mittel ausgeben für Verkehr, Kultur, Bildung, Sicherheit, Tagesstrukturen und sozialen Wohnungsbau. Jimy will zwar in Sicherheitsfragen hart durchgreifen, am liebsten aber alle Drogen legalisieren, auf jeden Fall Hanf. Jimy will zwar das Problem mit der Reitschule rasch angehen, aber den Kulturbetrieb aufrechterhalten und sicher nicht der SVP-Initiative für den Verkauf zustimmen.

Es habe ihn selbst überrascht, wie nahe er der Mitte steht, «überrascht und gefreut», sagt Jimy. Er habe noch nie viel übriggehabt für extreme Positionen, weder rechte noch linke. «Ich sage immer: Es muss in der Politik wieder der gesunde Menschenverstand regieren. So wie früher.»

Die Zauberformel

«Früher» kommt häufig vor in Jimy Hofers Welt. Er wolle sich dafür einsetzen, dass Bern so sicher und sauber werde, wie er es von seiner Kindheit her kenne, verspricht Jimy bei seinem Wahlkampfauftakt im letzten September. Zwei Wochen später im «Mülirad» sagt er: «Früher hat man noch miteinander geredet. Die Politiker haben noch auf das Volk gehört.»

Helmut Schmidt sei so ein Politiker gewesen, ihn bewundere er noch heute, erzählt Jimy. Ein Mann von altem Schrot und Korn. Einer, der die Ansichten und die Ängste des Volkes noch ernst genommen habe. Zu Jimys Vorbildern zählt auch Willi Ritschard. Den habe er immer verstanden, wenn er etwas gesagt habe. «Das war stets so, wie wenn man einem Kollegen in der Beiz zugehört hätte.» Auch später habe es noch ein paar Gute gegeben. Den Peter Bodenmann zum Beispiel, auch wenn er mit dessen Linie nicht immer einverstanden gewesen sei. Ja, klar sei ihm bewusst, dass alle, die er aufgezählt hat, Linke seien. Jimy greift nach der Kaffeetasse. «Aber die wirklich Guten unter den Rechten, die waren mir immer zu extrem.»

Es gibt auch ein «Früher», das in Jimys Wahlkampf unangesprochen bleibt: sein eigenes. Er habe zu seiner Vergangenheit nichts zu sagen, meint er im Restaurant Mülirad. Man solle seine Bücher lesen, «da steht alles drin».

Tatsächlich, die Anekdotensammlungen «Ein Leben als Bronco» und «Unterwegs im Leben» erzählen viel von seiner Kindheit im oberen Kirchenfeld der Sechzigerjahre, ausführlich auch von den Anfängen der Broncos und von brenzligen Situationen, die Jimy vorzugsweise mit seinen Fäusten zu klären pflegte. Und sie berichten von einem Mann, der schon sehr früh sehr reif gewesen sein will. Das tönt dann so: «Es gibt im Leben drei Dinge zu lernen und zu befolgen. Die Zauberformel heisst: Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.»

Jimy Hofer stellt klar

Allein, Jimy Hofers Bücher haben mehr blinde Flecken als erhellende. Sie erklären nicht, weshalb es von allen Broncos gerade Jimy Hofer zum stadtbekannten Rocker bringen sollte. Weshalb Jimy Hofer gewissen Gleichaltrigen bis heute als Brutalo gilt. Oder wie Jimy Hofer zu seinem so zwielichtigen Ruf gekommen ist. Wohl nicht durch Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.

«Ja, ja, ja, ja, klar», sagt Jimy und wird ein bisschen lauter. «Um das klarzustellen: Wir Broncos haben schon manchmal dreingeschlagen, aber nie unbegründet. Wir haben nie gegen aussen Gewalt angewendet, wenn wir nicht attackiert wurden. Wir sind nie in die Stadt gegangen mit dem Ziel, Lämpen zu machen. Und vor allem sind wir nie der Allgemeinheit auf der Tasche gelegen. Das ist der Unterschied zwischen den Broncos und den Gangs von heute.»

Vielleicht ist er vor allem darin gut: hinstehen, das Maul aufreissen und auf die anderen zeigen. Zum Beispiel dann, wenn es um das Nachtfahrverbot in der Matte geht, das Jimy Hofer und seine Broncos konsequent missachten. «Klar», sagt Jimy, «in Bern ist das auch absolut legitim.» Eine Stadt, die irgendwelche Leute im Wald ohne Baubewilligung ganze Siedlungen hochziehen lasse, könne nicht erwarten, dass sich die anderen Bürger an alle Fahrverbote hielten. «Man kann das einfach nicht miteinander vergleichen. Meine Gäste fahren gelegentlich mit dem Töff durch die Matte. Die Zaffarayas hingegen missachten die Grundfesten dieses Staates.»

Sind es nicht die Bewohner des Zaffaraya, so schimpft er über die Chaoten, die Behörden, die Gemeinderäte und die Stadträte. Seine erste Broschüre für die Berner Haushalte musste er einstampfen lassen, weil der Gemeinderat sie dem Wahlmaterial nicht beilegen wollte. Jimy Hofer hatte Stadträte darin als hirnlose Chaoten bezeichnet.

Sofort voll auf die Klötze

Anfang November im Bümplizer «Sternen». Die Aschenbecher im Foyer sind gefüllt mit Marocaines und Gauloises. Im Saal: gut sechzig Besucher, die Bier trinken oder Rivella, und ein Fernsehteam, das ein bisschen zu viel Hektik verbreitet für diesen Anlass. Auf der Bühne: ein Moderator, acht Politiker und Jimy Hofer. Nach zwanzig Minuten darf er zum ersten Mal reden. Es geht um den Verkehr. Hier habe Bern riesige Defizite, sagt Jimy. «Die Ampeln stehen viel zu oft auf Rot.» Neben ihm sitzen Edith Olibet und Stephan Hügli. Vor einem anderen Publikum würden sie jetzt vielleicht schmunzeln.

Jimy kommt in Fahrt. RGM halte sich den Schwarzen Block als hauseigenen Schlägertrupp. RGM dulde Dealer, Chaoten, illegale Zonen. Mit RGM passiere in der Stadt Bern seit Jahren gar nichts mehr. Dann erzählt Jimy, wie er einmal abends hinter einem Polizeiauto über die Lorrainebrücke gefahren und dann rechts auf die Schützenmattstrasse eingebogen sei. Plötzlich habe es Steine gehagelt. Eine Attacke der Reitschul-Chaoten. Er: sofort voll auf die Klötze und die Türe aufgerissen, habe ja gemeint, es gehe jetzt dann gleich los, wollte den Polizisten helfen. Aber die Polizei: geflüchtet, einfach so, «furt». So etwas, sagt Jimy, in unserer Stadt, das sei einfach nicht zum Aushalten. Da sei jetzt einfach langsam Schluss mit Reden bei der Reithalle.

Es ist ein theatralischer Auftritt, und es ist Jimys grosser Moment an diesem Abend. Der Saal applaudiert. Nachher schweigt Jimy wieder. Und runzelt die Stirn, wenn der Junggrüne redet.

«Es braucht sicher Mut»

Nach der Diskussion steht Jimy Hofer unbeteiligt im Saal. Ein älterer Mann sucht das Gespräch mit ihm. Er habe sich immer gefragt, was der Jimy Hofer eigentlich in der Politik wolle, sagt der Rentner. Heute müsse er aber sagen: Hut ab. «Es braucht sicher viel Mut, diese ganzen Missstände beim Namen zu nennen. Uns Kleinen schaut man immer genau auf die Finger, aber die anderen können machen, was sie wollen.» Jimy Hofer nickt, so sei es, himmeltraurig. Aber er könne halt auch nichts machen, ausser hinstehen und sagen, wie es ist. «Ja», sagt der Rentner. Jimy dürfe einfach den Mut nicht verlieren.

Wieder in Wiggiswil, kurz vor 11 Uhr. Jimy redet über die Fraktion, die er bilden muss, obwohl er eigentlich gar nicht will. «Ich will mich nicht binden, deswegen bin ich auch in keiner Partei. Wo soll einer wie ich denn hin?» Andererseits sehe er auch die Vorteile, die eine Fraktion bringe. Mitsprache in den Kommissionen, Einfluss bei den strategischen Zielen. «Das ist eben schon wichtig.» Er versuche jetzt mit Listenkollege Martin Schneider und Dieter Beyeler von den Schweizer Demokraten etwas auf die Beine zu stellen. Vielleicht laufe ihnen dann ja noch ein viertes Mitglied zu.

«Ich hätte mir die Politik nicht antun müssen», sagt Jimy Hofer zum Schluss. Er hätte sich längst zurücklehnen und an dem erfreuen können, was er in seinem Leben erreicht hat. Er habe nie Ambitionen gehegt, wolle auch jetzt keine Karriere machen, sondern nur in den nächsten vier Jahren den Wählerauftrag erfüllen. Da tönt er erstmals wie ein richtiger Politiker. So geht das in der Demokratie. Nicht Politiker und trotzdem Politiker. (Der Bund)

Erstellt: 13.12.2008, 12:30 Uhr

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