Die Pubertätsmaschine

Technisch war er banal, bloss ein Diktafon mit einem Kopfhörer. Trotzdem hat er die Welt verändert: Er hat sie erträglich gemacht. Jetzt wird er 30 – eine Ode an den Walkman.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Meinen ersten Walkman fand ich im Schnee, an einem Wintermorgen in den frühen Achtzigerjahren. Es war ein WM-24 von Sony, er war aus knallrotem Plastik, und er war seinem Besitzer aus der Tasche gefallen.

Ich spürte keine Reue, keinen Moment. Wahrscheinlich habe ich nur dank diesem Gerät die Sekundarschule und das Gymnasium überlebt. Doch es machte mich bei den Erwachsenen zum Monster. Ihre stummen Gesichter im Bus waren ein einziger Vorwurf, und was sie damit meinten, konnte man damals in den Zeitungen und Illustrierten lesen: Das Abendland ging unter. Wegen des Walkmans.

Der neue Apparat machte zwar Schluss mit dem Plärren aus den Transistorradios in Parks und Schwimmbädern. Das anerkannte zum Beispiel der «Stern». Doch geheuer war ihm die Jugend mit den zugestöpselten Ohren dann doch nicht: Der Walkman sei ein «Spielzeug für die Einsamkeit». Und das war noch das Mildeste in der ganzen Aufregung um dieses Gerät.

Dass sich die Jugendlichen «abkapselten» und «volldröhnten» mit ihrer Musik, dass sie der Welt der Erwachsenen damit ihr Interesse aufkünden konnten, und das in aller Öffentlichkeit – das war der Skandal. Da war die Rede von «Privatismus» und «Narzissmus», von «Kontaktarmut» und «Selbstausbürgerung» aus dem sozialen Miteinander. Der «Spiegel» fürchtete gar, jetzt werde «der Rest zwischenmenschlicher Kommunikation absterben». Der Aufruhr war so gross, dass sogar die HiFi-Magazine gesellschaftskritisch wurden: Der Walkman sei eine «Technik für eine Generation, die nichts mehr zu reden hat», hiess es in «Stereoplay».

Pädagogen blickten derweil entsetzt auf die Verkabelung von Apparat und menschlichem Ohr und sahen darin die «Transfusion» einer «akustischen Droge». Der Fall war klar: Da wuchs eine Generation von Zombies heran, und weil die Jugend, auch wenn sie nichts dafür kann, immer die Zukunft ist, war die ganze Menschheit auf dem Weg in Apathie und Asozialität.

Irgendwie kam hier alles zusammen, was besorgte Zeitgenossen damals ohnehin plagte: der fehlende Familiensinn, die urbane Anonymität, die vielen Singles, der Individualismus, der ganze Verlust an Verbindlichkeit und Wirklichkeit. Zudem meldete sich um 1980 das «Null Bock»-Gefühl aus den jugendlichen Subkulturen, und das brachte die Erwachsenen erst recht aus dem Häuschen.

«Auf sich begrenzt, ja abgeschnitten von der Umwelt, von Passanten auf der Strasse, von Kunden in den Läden, Gästen in den Kneipen» – so stellte man sich bei der FAZ die Kopfhörerjugend vor. Genau so war es tatsächlich, und das war das Tolle am Walkman: Er machte Schluss mit den Zumutungen der Welt da draussen, mit den Grässlichkeiten einer Realität, die einen richtigen Pubertierenden sowieso nur abstossen kann. Der Walkman war nichts anderes als die Übersetzung dieses Lebensgefühls in einen Apparat: Indem er einen Soundtrack zur Wirklichkeit lieferte, verwandelte er sie in einen Film. Der Film war zwar übel, aber wenigstens war es nur noch ein Film. Und die Musik dazu war immer grandios.

Es gab vernünftige Erwachsene, wenn auch nur wenige, die merkten, was für ein Kulturfortschritt in diesem Apparat steckte. Zum Beispiel Klaus Pokatzky, der sich 1981 in der «Zeit» als Walkman-Nutzer outete und sich gegen den Vorwurf der «Kommunikationsunfähigkeit» wehrte: «Seit wann kommunizieren denn Leute, die einander nicht kennen, im Bus oder in der S-Bahn miteinander?» Den Kritikern riet er, einmal mit Chopin durch einen Herbstwald zu gehen: Da könne man «fast high werden, ganz ohne Drogen».

Und es gab den Schriftsteller Peter Glaser, der später von seinem Selbstversuch berichtete: «Als ich mir die erste dieser akustischen Zigarettenschachteln zulegte und mit Tschaikowskis voll aufgedrehtem Ersten Klavierkonzert durch den Hamburger Hauptbahnhof walkte, bekam ich Gleichgewichtsstörungen, weil ich den Eindruck hatte, nicht mehr auf Beton zu gehen, sondern auf Musik.»

Im Juli 1979 hatte Sony den ersten Walkman auf den Markt gebracht, den TPS-L2 (Bild), zunächst in Japan, ein Jahr später auch in Europa und den USA. Die Ingenieure müssen geahnt haben, was sie da anrichteten, denn auf der Schmalseite des Geräts gab es eine orangefarbene Taste. Das war die «Talk-Line»; wenn man sie drückte, wurde die Musik leiser, und über ein Mikrofon wurde die Aussenwelt eingeblendet. Die «Talk-Line», in deutschen Fachmagazinen auch «Verbindung-zur-Aussenwelt-Taste» genannt, war eine Sicherheitsleine, eine Nabelschnur. An den späteren Modellen gab es sie nicht mehr.

Für die Präsentation der Neuheit hatte Sony Jugendliche auf Rollschuhen engagiert. Den Erwachsenen machte der Konzern derweil kluge Geschenke: Die Grossen der Musikwelt bekamen einen der Apparate, und Udo Lindenberg, Cliff Richards, aber auch Herbert von Karajan bedankten sich mit Gratisreklame für den Walkman. In Bayreuth wurde sogar der Avantgardekomponist Pierre Boulez mit verstöpselten Ohren gesehen.

«Bravo» stellte den Walkman als Geheimtipp vor, der noch den Rockstars und ihren Roadcrews vorbehalten sei. Prompt kam es zu Lieferengpässen, die den Hype weiter anheizten. Der Marketingerfolg war so gross, dass der Modellname zum volkstümlichen Begriff für die ganze Gattung wurde. Und heute heissen auch die MP3-Handys von Sony «Walkman».

Der Konzern behauptet immer noch das Gegenteil, doch technisch war der Walkman kein Wurf. Er war aus einem Diktiergerät entwickelt worden. Und keines seiner Teile war neu, weder die «Compact-Cassette» noch der Stereokopfhörer. Wirklich neu sei die Kombination von beidem gewesen, schreibt die Historikerin Heike Weber.

Bis dahin waren Kopfhörer nämlich nur an der Stereoanlage daheim benutzt worden. Und die tragbaren Kassettenrekorder hatten Lautsprecher und dazu höchstens noch einen rudimentären, einseitigen Ohrstecker. Aufgeweckte Teenager hatten sich zwar schon das Tapedeck aus dem Auto in den Rucksack gesteckt. Aber erst mit Sonys Walkman kam der «mobile Kopfhörer-Einsatz» (Weber) zum Durchbruch. Er verpflanzte das Stereo-Erlebnis aus der Stube nach draussen und machte die Musik zur Körpererfahrung. Salopper sagte es «Bravo»: «Ihr werdet abschnallen, wenn ihr den Sound dieses taschenbuchkleinen Geräts hört.»

1982 verbot der US-Bundesstaat New Jersey die Benutzung des Walkmans ausserhalb von Parks. Dahinter stand kein Generationenkrach, sondern die Furcht vor Unfällen. Und auch sonst war Amerika weit weg von der Hysterie, den der Walkman in Europa auslöste: Er war sofort willkommen. Jedenfalls in der weissen Öffentlichkeit, denn die ereiferte sich über die Ghettoblaster mit den supergrossen Lautsprechern, mit denen die jungen Schwarzen offensiv Strassen und U-Bahnen beschallten. Darum erkannte die «New York Times» im Walkman eine «zivilisierte Alternative» für die Unterwegsmusik, und das «Wall Street Journal» begrüsste ihn als «Antwort der Mittel- und Oberklasse» auf den Unterschichtenlärm.

In Europa dauerte es länger, doch um die Mitte der Achtzigerjahre sah man auch hier die ersten «gesitteten Erwachsenen» («Stereoplay») mit Kopfhörern auf der Strasse. «Zugegeben», so die «Funkschau» 1984, «es gehört schon ein bisschen Mut dazu.» Dass sich gesetzte Zeitgenossen plötzlich auf den verteufelten Apparat einliessen, erklärt Heike Weber mit den Anstrengungen der Industrie: Sie lancierte nun auch teurere Geräte für die Audiophilen, mit Bandsortenwähler, Equalizer und anderen Extras aus dem HiFi-Sektor.

So wurde der Walkman erwachsen. Und mit ihm das Walkman-Gefühl. Zugestöpselte Ohren waren nicht mehr das Privileg der Pubertät; der Rückzug in den «portablen Schutz- und Entspannungsraum» (Weber) wurde Wellness für den Alltag. Der Walkman sei ihr «Herzschrittmacher», erklärt eine erwachsene Britin in einer Nutzerstudie aus dem Jahr 2000: «I wear it all the time, like a pacemaker! A life support machine!»

Glückliche Zombies. (Der Bund)

Erstellt: 17.07.2009, 14:07 Uhr

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Blogs

KulturStattBern An der Sache vorbeigelärmt

Zum Runden Leder Budi reloaded

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...