«Die Fremde, in der ich lebe»

Diese Frau repräsentiert nicht unbedingt die typische Diplomatengattin im Hintergrund: eine Begegnung mit der schweizerisch-französischen Schriftstellerin Elisabeth Horem in Damaskus.

Elisabeth Horem: «Ich weinte, als ich Irak verliess.» (sus)

Elisabeth Horem: «Ich weinte, als ich Irak verliess.» (sus)

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«Beim Schreiben werfe ich mich ins Leere, lasse mich treiben durch die Sprache, tauche ins Fremde und werde dabei nur vom Schreiben selbst geführt»: Elisabeth Horem spricht in einer Runde aus französischen und syrischen Autorinnen über ihr Handwerk. Ort des Geschehens ist das Französische Kulturzentrum in Damaskus. Zur Diskussion steht «La littérature au féminin» (weibliches Schreiben).

«Idiotisches Thema», hat die Autorin am Vortag beim Mittagessen in der Residenz der Schweizer Botschaft undiplomatisch kommentiert. Die Schriftstellerin und Arabistin Elisabeth Horem ist mit dem Botschafter Martin Aeschbacher verheiratet. Die Einladung zum Literaturgespräch hat sie angenommen, weil die anderen Autorinnen sie interessieren.

«Orte sind meine Hauptfiguren»

Im Französischen Kulturzentrum führt die Diskussion sofort zur Frage nach der Position der Frau in der Gesellschaft. Die syrische Autorin Colette El-Khouri, ehemalige Parlamentsabgeordnete und heute literarische Beraterin im Präsidentenpalast, wehrt sich gegen das notorisch schlechte Image der arabischen Welt bezüglich Gleichberechtigung. «Der arabische Mann respektiert die Frau mehr, als dies der europäische Mann tut», sagt sie und provoziert damit die luzide Replik der französischen Autorin Isabelle Hausser: «Ist es nicht eher sein Bild der Frau, das der arabische Mann respektiert, während er mit der realen Frau doch eher seine Mühe hat?»

Für Elisabeth Horem ist das Schreiben als Frau selbstverständlich. Sie mag sich darüber nicht den Kopf zerbrechen. Lieber spricht sie über die sinnliche Arbeit des Schreibens, über das Erfassen von Stimmungen, Bildern und Tönen und das Verarbeiten zu Fiktion. Biografische Verwicklungen von Personen interessieren sie dabei weniger. «Orte und Atmosphäre sind meine Hauptfiguren», sagt sie.

Das war nicht immer so. In ihrem ersten Roman «Le Ring» (1994) hatte Horem von einem Mann erzählt, der nach dem Zerbrechen einer Liebe überstürzt in ein orientalisches Land aufbrach, sich in der rätselhaft faszinierenden Fremde verlor und schliesslich zugrunde ging. «Das Buch hatte damals grossen Erfolg, aber ich wusste, dass ich in Zukunft anders schreiben würde», sagt die Autorin heute.

In Bagdad nach der «Stunde null»

Als Diplomatengattin ist Elisabeth Horem ins kulturelle und gesellschaftliche Leben der Stadt eingebunden. Das liegt ihr auch, aber manchmal fehlt ihr in Damaskus das Alleinsein, das sie zum Schreiben braucht. Ideale, ja « traumhafte» Bedingungen fürs Schreiben, wie sie ironisch sagt, fand sie vor fünf Jahren in Bagdad. Unmittelbar nach dem Krieg wurde ihr Mann als Chef des Schweizer Verbindungsbüros in die irakische Hauptstadt geschickt. «Für mich war klar, dass ich ihn begleiten wollte, als Arabistin erst recht», sagt Elisabeth Horem. Die beiden Kinder hatten in Paris gerade die Matura gemacht, die Tochter ging zum Arabischlernen in die syrische Stadt Aleppo, der Sohn zum Studium nach Bremen. Nichts hielt sie in Paris.

Als sie im Oktober 2003 in Bagdad ankam, fand sie sich in einer Stadt mit zerstörten Palästen, schadhaften Strassen, überall Militär, täglich Stromausfall, Menschen in Not. Aus dem Haus durfte sie nur in Begleitung ihres Mannes und mit Sicherheitsleuten. «Ich hatte viel Zeit zum Schreiben», erinnert sich Elisabeth Horem. In den knapp drei Jahren, die sie in der irakischen Hauptstadt verbrachte, entstanden drei Bücher: der Roman «Shrapnels», der Erzählband «Mauvaises Rencontres» und das Tagebuch «Un Jardin à Bagdad», alle beim Westschweizer Verlag Bernard Campiche erschienen.

«Sie liebt es, aufs Dach zu steigen. Es kommt vor, dass sie den Sicherheitsleuten nichts davon sagt, eine Art Test, eine etwas billige Form von Rebellion, aber sie merken es jedes Mal, und so steigt immer auch einer von ihnen hinauf und hält sich diskret im Hintergrund. Das Dach ist eine Terrasse, die sich über die ganze Fläche des Hauses erstreckt und von einer Balustrade aus Zement umgeben ist – ausser gegen die Strasse hin. (. . .) Sie bleibt gewöhnlich nicht zu lange am Rand stehen, aus Angst, gesehen zu werden – oder eher, ins Visier genommen zu werden, denn das ist es, was sie eigentlich denkt, ohne es auszuformulieren.» (Aus «Shrapnels», übersetzt aus dem Französischen: sus.)

Auch als Fotografin unterwegs

Die Autorin ist in Bagdad auch mit der Kamera ausgerückt. In einem alten, von Bombardements zerstörten Präsidentenpalast des gestürzten Diktators Saddam Hussein hat sie Ruinen, halb eingestürzte Säle, Säulen und Torbögen fotografiert. Und einen Stuhl, dessen gepolsterte Rückenlehne zerbrochen ist und wie in einem Dalí-Gemälde zu zerfliessen scheint.

Dieses Bild, von dem ein Abzug in ihrer Wohnung in Damaskus hängt, ziert den Buchdeckel von «Shrapnels». Der Titel bezieht sich auf die Metallprojektile, die bei der Explosion von Bomben freigesetzt werden und schwere Verletzungen bewirken.

Die Sicherheitslage in Irak habe sich noch im Jahr 2003 massiv verschlechtert und sei immer mehr ausser Kontrolle geraten, erzählt Horem. Explosionen, Attentate, Ausgangssperren legten die Stadt tagelang lahm. Wenn die Autorin selbst auch verschont blieb von Gewalt, so erfuhr sie fast täglich durch ihre Bekannten von Angriffen, Entführungen und Ermordungen von Familienangehörigen.

Am Anfang ihres Aufenthaltes konnte sie hin und wieder ausgehen. Sie wurde zusammen mit ihrem Mann eingeladen, von irakischen Freunden oder anderen Ausländern, und das Botschafterpaar empfing auch selbst gerne bunt gemischte Gesellschaften in seinem Haus. Doch nach zwei Jahren kamen diese Treffen fast ganz zum Erliegen. Während die Beobachter und Analysten noch darüber stritten, ob ein Bürgerkrieg bevorstehe oder schon angefangen habe, attackierten Sunniten bereits Heiligtümer von Schiiten, und diese übten umgehend grausame Vergeltung.

In ihrem Tagebuch notierte die Autorin am 3. April 2006: «Nach dem Attentat von Samarra am 22. Februar (auf ein schiitisches Grabmal) kippt die Lage. Man spürt es an der Angst, die sich um uns herum breit macht. Und auch an der neuen Taktik unserer Sicherheitsleute, die wie alle eine aggressivere Haltung annehmen mussten. Wem kann man noch trauen? Die Kriminellen verkleiden sich gerne als Polizisten, und die wahren Polizisten sind oft Kriminelle.» (Aus: «Un Jardin à Bagdad. Journal».)

«Selbstsicher und furchtlos»

Elisabeth Horem ist heute 53 Jahre alt und hat mehr als die Hälfte ihres Lebens im Ausland verbracht. So schwierig, traurig und deprimierend das Leben in Bagdad war, wo sie so viel Leid um sich sah, ist ihr die Stadt doch ans Herz gewachsen. «Ich weinte, als ich Irak verliess, und das ist mir noch nie passiert, wenn ich aus einem Land abgereist bin», erzählt sie in ihrer Wohnung in Damaskus, wo sie seit gut einem Jahr lebt.

Mit Syrien verbindet Elisabeth Horem eine lange Geschichte. Nach einer Ausbildung zur Lehrerin und einem Jahr Arabischstudium am Institut für orientalische Sprachen in Paris kam sie 1978 als 22-Jährige nach Damaskus, um die Sprache vor Ort zu lernen. Sie lebte als Au-pair-Mädchen bei einer französischen Diplomatenfamilie. Als diese bereits nach drei Monaten nach Marokko weiterzog, hätte Elisabeth Horem mitgehen können. Allein, die junge Frau wollte nicht zuletzt aus einem bestimmten Grund dableiben: «Ich hatte gerade einen charmanten Schweizer kennengelernt.» Es war ihr späterer Mann. Sie mietete ein Zimmer in einem traditionellen Haus beim Bab Touma, einem Tor zur Altstadt. Als junge Frau habe sie in dem arabischen Land nie Probleme gehabt. «Mit meinem Kurzhaarschnitt sah ich etwas knabenhaft aus und war dabei selbstsicher und absolut furchtlos», erinnert sie sich.

Die Erfahrung des Fremdseins

Das Leben in der Fremde ist ihr selbstverständlich. Bereits ihre ersten beiden Lebensjahre hat sie mit ihren Eltern in Afrika verbracht, in Kongo-Brazzaville, das damals französisch verwaltet war. Nach ihrer Volljährigkeit war nur eines sicher: «Ich wollte auf keinen Fall in Frankreich bleiben.» Durch die Heirat mit Martin Aeschbacher wurde sie Schweizerin; sie lebte mit Unterbrüchen mehrere Jahre in der Schweiz, wo ihre beiden Kinder zur Welt kamen. Sie begleitete ihren Mann auf Aussenposten nach Moskau, Kairo, Prag, Paris, Bagdad, Tripolis, bis sie schliesslich Ende 2007 wieder in «ihrer» Stadt Damaskus landeten – 30 Jahre nachdem sie sich dort zum ersten Mal begegnet waren.

Die Erfahrung des Fremdseins zieht sich wie ein roter Faden durch das Schreiben von Elisabeth Horem, von ihrem ersten Roman, der 1996 unter dem Titel «Der Ring» im Lenos-Verlag auf Deutsch erschien, bis heute. Das habe nichts Beängstigendes, betont sie, im Gegenteil: «Man bewegt sich in der Fremde wie ein frei schwebendes Teilchen und sieht die Dinge mit einem frischen Blick. Beim Schreiben hat man immer eine Distanz zu sich selbst. Die Fremde, in der ich lebe, entspricht dieser Fremde beim Schreiben. Das verträgt sich sehr gut.» (Der Bund)

Erstellt: 08.05.2009, 14:45 Uhr

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