«Der kleine Bund»

«Denkt ein bisschen nach»

1989 schenkt ein Vogelfreund seinen Schwarzschwänen eigenmächtig die Freiheit, auf dem Thunersee zu schwimmen und über der Stadt zu fliegen. Das Volk ist entzückt, die Lokalzeitung stimmt in den Jubel ein. Die warnenden Stimmen der Naturschützer mag niemand hören: eine Geschichte, die zeigt, wie aus einem kleinen Problem ein grosses wird.

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Die Nachricht klingt wie ein Hilferuf. «Ich danke Ihnen für Ihren Kommentar», steht in der E-Mail einer Frau Verena Wagner. «Ihre Worte sind Balsam für alle, die noch einigermassen an Recht und Gerechtigkeit glauben.» Recht und Gerechtigkeit?

Das war am 21. Mai letzten Jahres. Tags zuvor hatte der Kanton Bern bekannt gegeben, maximal zehn der vor zwanzig Jahren verbotenerweise in die Freiheit entlassenen Schwarzschwäne würden auf dem Thunersee vorläufig noch toleriert. Allerdings unter strengeren Bedingungen als bisher. Der «Bund» berichtete über den neusten Schritt in dieser langen Geschichte und hielt in einem Kommentar fest, die Freunde der schwarzen Schwäne hätten sich womöglich «selber ein Ei gelegt». Denn der Kanton hatte die Schraube offensichtlich nur deshalb angezogen, weil die Schwanenfreunde 2007 in einer von 5858 Personen unterschriebenen Petition die praktisch uneingeschränkte Vermehrung ihrer Lieblinge gefordert und damit den Bogen überspannt hatten. Aber warum sollte es gleich um Recht und Gerechtigkeit gehen? Was war da los?

Verena Wagner ist die Präsidentin von Pro Natura Region Thun. Seit 13 Jahren schon. Ehrenamtlich. Sie wohnt mit ihrer Familie etwas ausserhalb der Stadt, in Hilterfingen. Leicht erhöht am Hang. Die Aussicht ist atemberaubend. Also. Was ist das Problem?

Der Fall ist «oberklar»

Verena Wagner legt einen dicken Ordner auf den Tisch, bietet etwas zu trinken an und beginnt zu erzählen. Aus ihrer Sicht ist es eine Geschichte ohne Happy End. Noch. Eine Geschichte, die zu einer gesetzeswidrigen Situation geführt habe in Thun. Und das will sie und das wollen andere Natur- und Vogelschützer nicht akzeptieren. Wolle man in dieser Rolle glaubwürdig bleiben, «muss man sich ans Gesetz halten». Deshalb wolle Pro Natura Region Thun in dieser Sache keine Kompromisse unterstützen – höchstens die jetzt hängige Verfügung mit den Auflagen, sagt sie. Weil man gesehen habe, wohin Kompromisse führen. Und weil die fachliche und gesetzliche Grundlage in diesem Fall klar sei. «Oberklar», sagt sie.

Nicht selten hört man aus ihrer Stimme Ungeduld heraus. Es ist die Ungeduld von Leuten, die überzeugt sind, etwas erkannt zu haben, und nicht begreifen können, dass es andere nicht auch erkennen. Nach anderthalb Stunden ist klar: Die Naturschützer stecken in Thun in einer schwierigen Situation. Gleich in mehrfacher Hinsicht. Das Einzige, was auf ihrer Seite steht, ist – das Gesetz.

Der Bund verbietet das Aussetzen von Tieren, die nicht zur einheimischen Artenvielfalt gehören. Und der Schwarzschwan, der Cygnus atratus, gehört eindeutig nicht dazu. Er ist in Australien heimisch. Hierzulande wird er als Zier- und Zoovogel gehalten. Wenn solche Tiere, Neozoen, wie man sie auch nennt, in der Schweiz in die freie Wildbahn gelangen, müssen die Kantone dafür sorgen, dass sie sich nicht ausbreiten und vermehren können. So weit wäre alles klar. Eigentlich.

«Mein liebes Thun»

In Thun aber ist die Realität eine andere. Seit zwanzig Jahren schwimmen nun Schwarzschwäne auf dem See, mittlerweile um die zehn. Es sind Tiere, die aus der Zucht von Markus Krebser stammen. 1984 hatte er drei Exemplare vom Zürcher Zoo erhalten. Der 73-Jährige war Geschäftsinhaber der gleichnamigen Thuner Buchhandlung, die heute sein Sohn führt. Krebser hat über ein halbes Dutzend Bücher geschrieben, darunter «Mein liebes Thun» und zuletzt «Schwäne auf dem Thunersee». 2004 wurde ihm der Thunpreis zugesprochen – ihm, «dem Vollblut-Thuner im Banne der Natur», wie die Lokalzeitung berichtete. Zusammen mit seiner Frau bewohnt er eine prächtige Liegenschaft in Hünibach. direkt am See, mit riesigem Garten, in dem die Familie seit Jahrzehnten Wasservögel hält. Schöner wohnen ist im Kanton Bern fast nicht möglich.

1989 hat Markus Krebser die Flügel seiner Schwarzschwäne erstmals nicht mehr kupiert – und die Tiere fliegen lassen. Ohne Bewilligung. Die Thunerinnen und Thuner störte das nicht. Im Gegenteil. Sie fanden Gefallen an ihnen. So sehr, dass für den Kanton Bern Ende 2004, nachdem erstmals ausserhalb von Krebsers Vogelpark Junge geschlüpft waren, ein hartes Durchgreifen schon nicht mehr möglich war – nur noch ein Kompromiss. Maximal zehn Schwarzschwäne dürfen sich seither, gemäss Vereinbarung mit dem Kanton, auf dem See aufhalten. Auf Zusehen hin.

Der erste Bruterfolg ausserhalb Krebsers Garten hatte 2004 eine Debatte in Gang gebracht, die bis heute andauert. Damals traten fünf Naturschützer auf den Plan, unter ihnen Verena Wagner. Sie pochten aufs Gesetz und schrieben in einem Leserbrief, der Schwarzschwan habe auf hiesigen Gewässern «wirklich nichts zu suchen». Die Reaktionen waren teilweise heftig. Dass der Kanton drei Junge einfangen und in die Wildstation nach Utzenstorf verfrachten liess, wo sie später starben, wurde plötzlich der Erstunterzeichnerin des Briefs angelastet, einer Biologin aus der Region. Diese erlebte «eine Hetzkampagne», wie sie heute sagt: Sie habe anonyme Telefonanrufe und Briefe mit Beleidigungen erhalten – und sogar eine Morddrohung. Verena Wagner weiss ebenfalls, wie es ist, wenn Ehemann und Kinder mit Vorwürfen und Drohungen konfrontiert werden, «wenn das Unbehagen den Schlaf raubt», wie sie sagt.

«Auch eine gewisse Bereicherung»

Die Entrüstung vieler Thunerinnen und Thuner fand auch in den Leserbriefspalten der Lokalzeitung ihren Niederschlag: Sie sei sehr enttäuscht von dieser «Super-Biologin», schrieb eine Leserin des «Thuner Tagblatts». Sie hätte doch wissen müssen, «dass man einer Schwanenmutter nicht ihre Jungen wegnimmt». Eine andere Leserin konstatierte, es sei grundsätzlich «sicher richtig, dass das übermässige Auswildern von exotischen Tieren kontrolliert werden muss». Eine Nulllösung, wie sie die Naturschützer möchten, sei aber «total übertrieben und auch nicht mehr zeitgemäss. Schliesslich lassen sich auch die Menschen jeglicher Herkunft auf der ganzen Welt nieder – wieso nicht auch Tiere?» Diese Leserin war nicht die Einzige, die den Bogen zu den Menschen schlug: «Gut, die aus Australien stammenden Trauerschwäne sind Exoten», schrieb ein Leser und fragte: «Sind aber die weissen Höckerschwäne senkrechte Eidgenossen?»

Zwischen den Naturschützern und dem aufgebrachten Volk stand der Kanton – und lavierte. Die Ornithologen hätten zwar recht, liess sich der damals zuständige Stellvertreter des Jagdinspektors, Martin Zuber, im «Thuner Tagblatt» zitieren, die Nulllösung stehe aber nicht zur Diskussion, denn: Sehr viele Leute hätten Freude an den Schwarzschwänen, und diese stellten «auch eine gewisse Bereicherung» dar. Drei Jahre später räumte Zuber gegenüber dem «Bund» ein: «Wir meinten es zu gut.»

Naturschützer gegen Tiere

Die Tatsache, dass Schwarzschwäne Neozoen sind, führt zu einer ungewöhnlichen Verdrehung und damit zu Problem Nr. 1: Normalerweise setzen sich Naturschützer für Tiere ein. Für Luchs und Wolf zum Beispiel. In Thun aber sind sie plötzlich gegen Tiere. Dass sie nur deshalb gegen die Schwarzschwäne sind, weil diese eine Bedrohung für das Übergeordnete, die einheimische Artenvielfalt, das Ökosystem darstellen – dieser Gedankengang ist schwierig zu vermitteln. Sie möge schwarze Schwäne auch, sagt Verena Wagner. Sie sei ebenfalls beeindruckt von ihrer Schönheit und Eleganz. Dann schiebt sie ihr grosses Aber nach: Das künstliche Ansiedeln oder unbeabsichtigte Freisetzen von fremden Tier- und Pflanzenarten stelle eine der grössten Gefahren für die biologische Artenvielfalt dar. «Weltweit.» Beispiele gebe es genug.

Tatsächlich ist auch der weisse Schwan seinerzeit nicht von sich aus in die Schweiz gekommen, was von den Freunden der schwarzen Schwäne gern betont wird. Er wurde als Statussymbol an Höfen gehalten und gelangte von dort auf die hiesigen Seen. Einen wesentlichen Unterschied gibt es aber: Der Höckerschwan stammt aus dem nordeuropäischen, russischen Raum, wie Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach erklärt. Von dort aus hätte er «locker» in die Schweiz fliegen können. Beim Schwarzschwan wäre das nicht möglich gewesen. Für die Tierschützer ist dies entscheidend. Wandern fremde Tierarten aus eigener Kraft ein, ist dies eine natürliche Entwicklung. Die Türkentaube sei ein solches Beispiel, sagt Kestenholz. Diese sei in den letzten Jahrzehnten von Südosteuropa nach Zentraleuropa vorgedrungen – «das gab nie die geringste Diskussion».

Der schwierig zu vermittelnde Standpunkt ist aber nicht das Hauptproblem für Verena Wagner. Am meisten ist sie darüber enttäuscht, dass die Naturschützer kaum Gelegenheit erhalten hätten, ihn auch erklären zu können – Problem Nr. 2. Auf das «Thuner Tagblatt» ist sie deswegen nicht besonders gut zu sprechen. Journalismus habe doch etwas mit Verantwortung zu tun, mit Fairness und damit, «dass alle Seiten ausreichend zu Wort kommen», sagt sie. Die Argumente der Naturschützer seien aber weitgehend ausgeblendet worden. «Man hätte uns doch zumindest einmal zu einem Streitgespräch einladen müssen», klagt sie und wirft der Redaktion vor, in dieser Sache «faktenresistent» zu sein. Was im Lokalblatt zu den Schwarzschwänen geschrieben wurde, habe nichts mehr mit Berichterstattung zu tun. «Ich spreche konsequent nur noch von einer Kampagne.» Und als sie einen Kommentar von Chefredaktor René E. Gygax aus ihrem Ordner holt, spricht sie von «ideologischer Verblendung».

Mit Scheuklappen auf dem Irrweg

Dieser Kommentar erschien am Montag, 12. November 2007. Zwei Tage zuvor hatte das «Thuner Tagblatt» eine Pressemitteilung von Pro Natura in voller Länge abgedruckt. Das habe sie selber überrascht, sagt Verena Wagner. In der Mitteilung argumentierte Pro Natura gegen die ungehinderte Ausbreitung der Schwarzschwäne und verwies auf das Gesetz. Die Reaktion des Chefredaktors war ungewöhnlich: «Wie wir leider erst nachträglich erkannt haben, hat Pro Natura Thun unsere Zeitung gezielt missbraucht, um mit ihrem Artikel eine Sitzung zu beeinflussen, die heute stattfindet», schrieb René E. Gygax. Es handelte sich um eine Sitzung, an der Stadt- und Kantonsbehörden zusammen mit Schwanenfreunden und Naturschützern das Problem beraten wollten.

Und dann holte Gygax aus: «Wir möchten den tierschützerischen Fundamentalisten zurufen: Lest doch einfach das Buch von Markus Krebser zum Thema, denkt ein bisschen nach und legt eure ideologischen Scheuklappen ab, jene Scheuklappen nämlich, die den Blick auf die Natur verdecken und auf den Irrweg führen, der Mensch müsse ihr ständig dreinfunken.» Und er fuhr fort: «Wer tatsächlich ,pro natura‘ ist und wer Tiere real schützen statt töten will, soll endlich die Finger von der schussbereiten Flinte gegen die schwarzen Schwäne nehmen. Und diese faszinierenden Tiere dem selbst regulierenden Kreislauf der Natur überlassen.»

Ein Blick ins Archiv bestätigt Verena Wagners Eindruck. Das «Thuner Tagblatt» hat in dieser Sache wenig übrig für den Standpunkt der Naturschützer. Aber auch nicht für jenen der Behörden. Als der Kanton Bern vor bald einem Jahr, am 19. Februar 2008, als Folge der überzogenen Forderung der Petition mitteilte, die Schwarzschwäne seien illegal auf dem Thunersee und müssten «daher so rasch als möglich eingefangen und zum Besitzer zurückgebracht werden», kommentierte diesmal die zuständige Redaktorin: «Doch es geht hier nicht primär um Gesetze oder um diese friedlichen Tiere», schrieb sie. «Es geht um Macht, Kleinkrämertum, Paragrafenreiterei und einen Tierschutz, der sich schämen sollte.» Ihren Kommentar schloss sie mit den Worten: «Jetzt bleibt nur noch die Hoffnung auf echte Tierschützer wie Adrian Amstutz und Ursula Haller und ihre Vorstösse auf nationaler Ebene.»

Die Leserbriefseite, die am Tag darauf erschien, war überschrieben mit «Leserinnen und Leser sind empört über den Entscheid der Bürokraten». Ein Blick in Markus Krebsers Schwanenbuch wiederum bestätigt, dass die Nähe der zuständigen Redaktorin zum Autor mehr ist als bloss ein Eindruck: Diese hatte für ihn das Schlusslektorat erledigt, «ebenso kritisch wie feinfühlig», wie Krebser im Vorwort vermerkte und ihr dafür «ganz besonders» dankte.

Nicht nur die Lokalzeitung und das Volk wandten sich gegen die Naturschützer und die Behörden: Der Sigriswiler SVP-Nationalrat Adrian Amstutz, einer der Erstunterzeichner der Schwarzschwan-Petition, hatte auf den Entscheid des Kantons ebenfalls reagiert – gewohnt heftig. «Wenn man hier jemandem die Flügel stutzen muss», liess er sich im «Blick» zitieren, «dann diesen Bürokraten, die solchen Verhältnisblödsinn entscheiden.» Und tatsächlich machte er den Freunden der schwarzen Schwäne Hoffnung: «Wir werden uns Aktionen überlegen, wie wir diesen bösartigen Kabis verhindern können.» Vorstösse auf nationaler Ebene sind bis jetzt keine eingereicht worden.

Der Züchter muss mitbezahlen

Ganz ohne Wirkung blieben all die Kommentare, Leserbriefe und grossen Worte aber nicht. Im Mai erliess der Kanton eine Verfügung, in der er von seinem im Februar eingeschlagenen harten Kurs wieder etwas abwich: Das Jagdinspektorat nehme den Artenschutz ernst, heisst es darin, es anerkenne «aber auch die Sympathie der Bevölkerung für eine begrenzte Anzahl von Schwarzschwänen auf dem Thunersee». Konkret verfügt wurde: Die bisher frei lebenden Schwarzschwäne – maximal zehn – dürfen sich weiterhin im unteren Thunerseebecken in einem bestimmten Perimeter aufhalten. Auf das Einfangen der Tiere wird verzichtet – dies wäre «unverhältnismässig», hiess es plötzlich.

Dann folgten aber Bestimmungen, die es – erst auf den zweiten Blick – in sich haben: Markus Krebser wird stärker in die Pflicht genommen. Er muss die Schwarzschwäne, die er in seinem Garten hält, und deren Nachkommen mit einem Fussring markieren und dafür sorgen, dass ihre Gehege ausbruchsicher sind. Dasselbe gilt übrigens auch für seine anderen nicht einheimischen Vogelarten. Der Kanton fordert einen höheren Zaun zum See hin sowie die Überdeckung des Grundstücks mit einem Netz. Die Eier der frei lebenden Schwarzschwäne werden – wie bisher – angebohrt. An den nicht unbeträchtlichen Kosten, die das Suchen und das Zerstören der Gelege verursachen, muss sich Markus Krebser neu beteiligen.

Markus Krebser kann und will nicht

Diese Massnahmen haben zur Folge – und das ist der springende Punkt –, dass die bisher freie Zirkulation zwischen Garten und See unterbunden wird. Die frei lebenden Schwäne können nicht mehr in Krebsers Garten zurückkehren, und jene, die er in seinem Garten hält, nicht mehr hinaus auf den See. Weil die Gelege der frei lebenden Tiere zerstört werden, heisst das nichts anderes, als dass die Schwarzschwanpopulation zum Aussterben verdammt ist. Ausser, der Kanton würde es erlauben, die Gruppe von Zeit zu Zeit wieder aufzustocken. Diese Möglichkeit wird in der Verfügung nicht ausgeschlossen.

Das Jagdinspektorat hat offenbar den wunden Punkt getroffen. Am 30. Juni letzten Jahres trat der neu gegründete Verein Thunersee-Schwanensee vor die Medien. Der Spiezer Fürsprecher Matthias Kummer, der in der Zwischenzeit das Präsidium des Vereins übernommen hat, sagte, der Perimeter und die Abschottung des Gartens seien «im Verbund effektive Eliminierungsinstrumente». Jede Behinderung des Zugangs der Schwäne zu ihrer «täglich genutzten Heimat- und Futterbasis» führe dazu, dass die Schwäne zwangsläufig restlos ausgewildert und gezwungen würden, ihr Futter ausserhalb des Perimeters zu suchen – «um dort abgeschossen zu werden». Markus Krebser erklärte an dieser Medienkonferenz: «Ich kann und will die Auflagen des Kantons nicht erfüllen» – er lege Beschwerde ein. Das hat er getan. Der Entscheid des Kantons steht noch aus.

«Extrem viele Rückmeldungen»

Wenn die Leute von Anfang an objektiv informiert gewesen wären, «dann wäre in dieser Geschichte ganz vieles ganz anders gelaufen – da bin ich überzeugt», sagt Verena Wagner. Das sei für sie ein «ganz wichtiger Punkt». Nachdem Pro Natura Bern, Pro Natura Region Thun und der Kantonalverband des Schweizerischen Vogelschutzes letzten Frühling im Amtsanzeiger «auf gekauftem Platz» einen ganzseitigen offenen Brief an die Bewohner der Region Thun gerichtet hatten, seien «extrem viele Rückmeldungen» hereingekommen, sagt sie: Ganz viele «Ahas» seien zu vernehmen gewesen, und viele Leute hätten ihr versichert, dass sie die Petition der Schwarzschwanfreunde nicht unterschrieben hätten, wenn sie über die grösseren Zusammenhänge informiert gewesen wären. Die Naturschützer hatten im Brief auf die Bedrohung der Artenvielfalt hingewiesen und dargelegt, der Thunersee dürfe «nicht zum erweiterten Garten oder Wildpark von Privatpersonen werden». Ihre vorgeschlagene Lösung: Die Schwäne einfangen und dem Besitzer zurückbringen.

«Konsequent» auch Gegner befragt

René E. Gygax, Chefredaktor des «Thuner Tagblatts», sagt, die Schwarzschwäne hätten von Anbeginn auf die Sympathie seines Blattes zählen konnen. Bereits 1995 habe das «Tagblatt» geschrieben, die Thuner Touristiker müssten sich etwas einfallen lassen, um diese Attraktion zu nutzen. An dieser Grundhaltung habe man festgehalten. Die zuständige Redaktorin betreue das Thema seit 2001 in diesem Sinn. Als die Sache im Herbst 2007 dann zum Politikum wurde, sei intern «ganz klar» geregelt worden, dass sie sich «ausschliesslich als Journalistin mit dem Thema befasst und ihre persönliche, private Haltung zum Thema in der Zeitung nicht zum Ausdruck bringt», sagt René E. Gygax. So habe sie bei der Recherche zum Thema «wie bis anhin konsequent auch immer Gegner der Schwarzschwäne befragt» und deren Position in die Berichte miteinbezogen. Den Vorwurf, das «Thuner Tagblatt» betreibe Kampagnenjournalismus, weise er «in aller Form zurück» – zumal dieser Vorwurf von einer «fundamentalistischen Vertreterin des Naturschutzes» komme. Der Umstand, dass diese mitunter «auch aggressiv gegen uns geschossen hat», habe «die Lust, sie gross herauszubringen, vielleicht nicht gerade erhöht».

«Sicher ein bisschen emotional»

Sein Kommentar sei, im Nachhinein betrachtet, «sicher ein bisschen emotional» ausgefallen. Aber ein Kommentar sei ja dazu da, die eigene Meinung zu äussern. Zu dieser Meinung steht René E. Gygax heute noch. Was in Markus Krebsers Buch stehe, habe ihn viel mehr überzeugt als alle Erklärungen der Vogelwarte, sagt er. So grosse Tiere wie Schwäne könne man doch nicht mit anderen Exoten vergleichen, wie etwa mit Flusskrebsen, «die man nicht sieht und die sich in ganz anderen Zahlen vermehren als Schwäne». Sollte man bei den Schwänen den Eindruck gewinnen, es gebe zu viele und sie böten Probleme, «könnten die Behörden diese rasch wieder in den Griff kriegen».

Damit spricht René E. Gygax ein drittes Problem an, das die Naturschützer in Thun haben. Sie bekämpfen einen Missstand, der nüchtern betrachtet noch gar kein richtiger Missstand ist – und das vielleicht auch gar nie sein wird. Schon in ihrem ersten Leserbrief hatten die fünf Naturschützer darauf hingewiesen. Jede Freisetzung von fremden Tieren stelle «eine potenzielle Gefahr für die einheimische Artenvielfalt dar», schrieben sie. Wie sich die Situation bei den Schwarzschwänen entwickeln werde, «weiss heute niemand».

«Die grosse Freude der Leute»

Auffallend ist, wie alle Schwanenfreunde diese mögliche Gefährdung mehr oder weniger ausblenden, dafür umso stärker auf den «gesunden Menschenverstand» verweisen. Der Thuner SVP-Grossrat Andreas Lanz spricht von «einer Angst zum Voraus, die nicht berechtigt ist». Schwarzschwäne wären bei Bedarf, anders als Spinnen oder Eidechsen, innert Kürze eliminiert – «nicht innert Tagen, innert Stunden». Lanz spricht auch von «Verhältnismässigkeit», denn er weiss, was in Thun passieren würde, wenn der Kanton die Nulllösung durchsetzen wollte: «Das käme nicht gut heraus.»

Lanz hat im vergangenen März zusammen mit Carlo Kilchherr, auch er SVP-Grossrat aus Thun, im Kantonsparlament einen Vorstoss eingereicht. Es sollen sich weiterhin 10 bis 15 Schwarzschwäne auf dem Thunersee aufhalten können, fordern sie und schreiben: «Der Schwan – ob weiss oder schwarz – ist standorttreu und kehrt in der Regel immer wieder an seine Geburtsstätte zurück.» Der Regierungsrat hat das Anliegen abgelehnt, der Grosse Rat die Behandlung wegen der noch hängigen Beschwerde verschoben.

Nicht nur um Verhältnismässigkeit, sondern sogar um «Menschlichkeit in der Rechtsanwendung» geht es Matthias Kummer, Präsident des Vereins Thunersee-Schwanensee. Es stimme schon, dass Markus Krebser 1989 gegen das Gesetz verstossen habe, als er die Schwäne fliegen liess, sagt er. Aber darum gehe es doch längst nicht mehr. Jetzt sei da «diese grosse Freude der Leute». Deshalb gehe es ihm «heillos auf die Nerven», wie die Naturschützer sich ob solcher Kleinigkeiten ereifern könnten, «wo es für sie doch weiss Gott andere Probleme zu lösen gäbe».

Sogar Zeitungen wie die «NZZ am Sonntag» («Schwanengesang der Vernunft») oder das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» («Einwanderer auf der Abschussliste»), welche das Thema kürzlich aufgegriffen haben, machten sich vom Ton her eher lustig über die Naturschützer. «In der Schweiz haben Schwäne nun einmal weiss zu sein. Schwarze Schwäne sind keine eidgenössischen Schwäne», schrieb der «Spiegel», und die «NZZ am Sonntag» liess einen Freund von Markus Krebser sagen, das Markenzeichen an dieser Geschichte sei die Absurdität.

Ausflug an den Neuenburgersee

Erstaunlich ist auch, wie wenig die Schwanenfreunde darüber beunruhigt sind, dass vier Thuner Schwarzschwäne diesen Herbst einen sechswöchigen Ausflug unternahmen. Die vier hielten sich lange am Neuenburgersee auf, Ornithologen haben sie auch am Genfersee gesichtet. «Genau vor dieser Entwicklung haben wir gewarnt», sagte der eidgenössische Jagdinspektor Reinhard Schnidrig gegenüber dem «Bund». Eine «unkontrollierte Ausbreitung» könnte nun bevorstehen, denn in den ausgedehnten Schilfflächen des Neuenburgersees wäre es viel schwieriger und auch viel aufwendiger, die Gelege zu finden, als am Thunersee.

Dass es in Europa mehrere frei lebende Schwarzschwanpopulationen gibt, die sich bisher relativ stabil verhalten, beruhigt Fachleute nicht unbedingt. Eine Ausbreitung erfolge nicht von einem Tag auf den anderen; solche Entwicklungen müssten langfristig betrachtet werden. Bei der amerikanischen Schwarzkopfruderente, die zur Bedrohung für die europäische Weisskopfruderente wurde, habe es vom ersten Entweichen aus einem Vogelpark «bis zum Problem» rund vierzig Jahre gedauert, sagt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach.

Markus Krebser selber beurteilt die Frage einer möglichen Ausbreitung aufgrund seiner Erfahrung anders: Bei einer Ratte oder einem Wildkaninchen sei es möglich, dass sich eine Population explosionsartig vergrössert – «bei einem Schwan nie». Zu seiner hängigen Beschwerde, aber auch zu seiner Haltung den Naturschützern gegenüber äussert er sich nicht. In «dieser heiklen Phase», in der alle Parteien auf den Entscheid des Kantons warten, wollte er den «Bund» zunächst überhaupt nicht empfangen. Schliesslich willigte er ein zu einem Treffen – aber nicht bei sich zu Hause.

Über eine Stunde erzählt er im Thuner «Bahnhof-Buffet» schliesslich von seinen Wasservögeln, den Gänsen, den Schwänen – von seinem Leben. Als Jugendlicher hätte er am liebsten Zoologie studiert, daraus wurde nichts, weil er das Geschäft übernehmen musste. Und er wiederholt dann doch, was in anderen Zeitungen auch schon zu lesen war: Er habe gewusst, dass es «nicht ganz hundertprozentig» gesetzeskonform war, als er 1989 die Schwäne fliegen liess. Er habe es aber «mit Bedacht» getan, sei sich seiner Verantwortung bewusst gewesen. Als er gesehen habe, dass sie immer wieder zurückkommen, da habe er gewusst, «da kann nach menschlichem Ermessen nichts schiefgehen». Noch bestärkt worden sei er in seiner Überzeugung später durch die Reaktion der Thunerinnen und Thuner, sagt er – und gerät darob ins Schwärmen: «Wenn zwei Schwäne – egal ob weisse oder schwarze – über die Häuser fliegen, ist das einfach wahnsinnig. Das ist wahnsinnig.» Als im Herbst die vier Schwarzschwäne von ihrem sechswöchigen Ausflug an den Neuenburgersee zurückkehrten, freute sich Markus Krebser sehr darüber. Eine Ausbreitung erachtet er als wenig wahrscheinlich. Das Schilfgebiet Fanel am Neuenburgersee sei «relativ besetzt», sagt er. Die Parzellen seien vergeben – «wie bei den Menschen auch». Theoretisch ja, theoretisch könnte eine Ausbreitung dorthin erfolgen, räumt er ein. Und wenn dies tatsächlich passieren sollte? Markus Krebser antwortet mit einer Gegenfrage: «Und dann?» Vielleicht würden ja die Leute in Neuenburg im Schwarzschwan «eine echte Bereicherung» sehen – «warum nicht?» «So wie damals in Thun vor über 100 Jahren, als der weisse Schwan angesiedelt wurde.»

«Rasches und stringentes Handeln»

So weit ist es noch nicht. Der Ball liegt nun – bereits recht lange – beim Kanton. Der Entscheid wird aber nicht nur in Thun mit Spannung erwartet. Einer, der die Entwicklung in der Schweiz mit grösstem Interesse verfolgt, ist Sebastian Werner vom deutschen Landesbund für Vogelschutz. Er ist an den oberbayrischen Seen tätig und kennt das Thema bestens. Exotische Vögel – darunter auch solche, die von Tieren abstammen, die dem berühmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz entwichen waren – hätten an diesen Seen «nachweislich für gravierende ökologische Probleme gesorgt». Diese Probleme seien viel zu spät wahrgenommen und «entsprechende Entscheidungen sind verschleppt und vertrödelt worden», sagt Werner. Den Berner Behörden empfiehlt er deshalb «ein rasches und stringentes Handeln». Als Aussenstehender zögert er nicht, deutlich zu sagen, was das heisst: «Die vollständige Entnahme der Schwarzschwanpopulation aus der freien Natur innert kürzestmöglicher Frist. Gegebenenfalls durch Abschuss.» (Der Bund)

Erstellt: 23.01.2009, 14:26 Uhr

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