Bulgari auf Öl

Am Kaspischen Meer, wo Europa und Asien sich treffen, liegt Baku. Hier entfesselten Revolutionäre wie der junge Stalin ihren Terror, hier schickten die Ölbarone einander Mörder ins Haus, und auf den Strassen lagen tote Muslime, Christen und Juden. Mittlerweile funkelt Baku mit westlichem Schick. Doch die Metropole bleibt eine Fata Morgana in einer Katastrophenlandschaft.

In Aserbaidschan bedient sich eine kleine Kaste zusammen mit den internationalen Konzernen an diesem Reichtum – den anderen bleibt der tägliche Kampf um ihre Existenz in einem verwüsteten Land.

In Aserbaidschan bedient sich eine kleine Kaste zusammen mit den internationalen Konzernen an diesem Reichtum – den anderen bleibt der tägliche Kampf um ihre Existenz in einem verwüsteten Land.

(Bild: Keystone)

Wir fliegen nach Baku, doch auf dem Boarding-Pass von Turkish Airlines TK 1338 steht nicht Baku, sondern Haidar Alijew. So heisst der Flughafen der aserbaidschanischen Hauptstadt. Und so heisst der gloriose Führer dieses Landes, der einem von überall her entgegenwinkt.

Alijew starb zwar achtzigjährig bereits 2003, er hört aber nicht auf zu winken und zu lächeln mit seinem eisig-kalten Blick. Noch rechtzeitig vor seinem Tod gelang es ihm, seinen Sohn Ilham zum Nachfolger zu salben. Beobachter sprachen von Wahlmanipulation. Mittlerweile regiert der Spross bereits in zweiter Amtszeit, und doch lässt er Baku viel sparsamer mit seinem eigenen Konterfei tapezieren – wenn, dann vereint mit dem Vater. Als möchte er seinem Volk die Botschaft verkaufen: Schaut her, ich bin so gut und gross, wie er war, darum bin ich auch euer verlässlicher Führer!

Das zweite Leben des Haidar Alijew

Ein schlaues Programm. Schliesslich hat Aserbaidschan Vater Alijew die Unabhängigkeit zu verdanken. Der ehemals stramme Sowjet-Ideologe mit KGB-Karriere, ein Hardliner von Breschnews Gnaden, mochte Gorbatschows Reformkurs nicht mittragen, sodass ihn dieser wegen Korruption aus dem Politbüro bugsierte. Doch Anfang der Neunzigerjahre gelang es Alijew, seinen Hals so zu wenden, dass er mit Parolen wie Moral, Demokratie und Pluralismus zum Präsidenten gewählt wurde. Wem das nicht gefiel und wer zu frech wurde, landete hinter Gittern, die Presse wurde an die kurze Leine genommen. Vielen Aserbaidschanern scheint das bis heute keine grosse Mühe zu machen, schätzen sie doch die von den Alijews garantierte Ordnung im Land.

Haidar Alijews Comeback fiel zusammen mit der Entdeckung neuer grosser Öl- und Gasreserven im Kaspischen Meer. Und so begann der Potentat auch die Marktwirtschaft zu loben und schüttelte fortan die Hände von Thatcher, Chirac, Clinton, Albright, Bush und andern Repräsentanten des Westens. Internationale Energiekonzerne begannen um seine Gunst zu werben und liessen sich in Aserbaidschan nieder.

Das Land verfiel bald in einen Goldgräberrausch. Wenn auch nicht alle vom frischen Geld profitierten, sind doch die ersten Eindrücke von Bakus Kulissen die einer aufstrebenden Metropole. Über eine mehrspurige Autobahn nähert sich das Taxi auf seiner nächtlichen Fahrt dem Zentrum. Behutsam mit Tempo 80; daran halten sich alle. Eine Übertretung könnte nicht nur eine Busse kosten, sondern auch noch ein gepfeffertes Supplement für die private Tasche der Polizisten.

Hell erleuchtete Prachtbauten schieben sich ins Blickfeld: in neogotischem und neubarockem Stilmix hochgezogene Villen von Ölbaronen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts; imposante Paläste, von denen das Regierungsgebäude am Platz der Freiheit, dem ehemaligen Lenin-Platz, eines der pompösesten ist. Früher hiess es Dom Sowjet; deutsche Kriegsgefangene mussten es für Stalin bauen, und es erinnert unangenehm an den gigantomanischen Parlamentspalast in Bukarest, den Rumäniens Diktator Ceausescu als «Haus des Volkes» hinklotzte.

Boulevards wie in Paris

Auf dem Platz der Freiheit rebellierte vor zwanzig Jahren die Bevölkerung Bakus mit Demonstrationen und Ausschreitungen gegen die Sowjet-Macht. Das war 1990, als sie schon am Zerfallen, aber noch immer imstande war zu einem brutalen Gemetzel an den protestierenden Massen. Daran erinnert sich hier niemand gern. Doch inzwischen leuchtet Bakus Zentrum hell, und so manches Gebäude ist mit Sorgfalt frisch renoviert worden: das Nizami-Literaturmuseum oder die Philharmonie. Aber auch die von Mauern umgebene mittelalterliche Altstadt mit ihren engen Gassen, Minaretten, Karawansereien und dem Jungfrauenturm kontrastiert mit dem neuen Zentrum. Dort sind ehemalige Plattenbauten Gebäuden aus Glas und Sandstein gewichen, grosszügige Boulevards versprühen einen Hauch von Paris, und die Kombination von Alt und Neu wirkt an manchen Stellen so originell wie in Barcelona.

Nichts zwischen gestern und morgen

Noch sind nicht all die geplanten Akzente fertig: Die Stadt ist von Baustellen durchlöchert. Auf den Bretterwänden kleben Bilder, die das Baku des 19. Jahrhunderts zeigen oder virtuell vorführen, wie schön die Zukunft aussieht. Alles ist in dieser Stadt Vergangenheit oder Zukunft, die Gegenwart dagegen ist eine Baustelle, die hinter den Versprechungen von Politik und Wirtschaft versteckt bleibt.

«Euro-Remont», so heisst das Motto. Es meint: im Eiltempo den westlichen Konsumstandards hintennach. Dass das Ziel auf hohem Niveau schon beinahe erreicht ist, springt einem auf Schritt und Tritt ins Auge: Bulgari, Dolce&Gabbana und Boss haben an bester Lage ihre Luxusläden platziert, es kurven noch mehr Offroader herum als in Zürich, Mädchen und Frauen richten ihr Outfit nach dem letzten Schrei, Liebespaare amüsieren sich in Cafés und Parks.

Oder auf dem «Bulvar», der prachtvollen Strandpromenade, an der gerade das zukünftige «Baki Biznes Markezi Center» hochgezogen wird. In einem der vielen Restaurants auf dem Boulevard treffen wir Tschingis Babajew, 45-jährig, Konzeptkünstler. Das Glitzern des neuen Baku betrachtet er mit Skepsis. «Sicher ist das spektakulär», findet er, «doch hat jemals irgendwer die Menschen hier gefragt, ob sie anstelle der teuren nächtlichen Lichtshows vielleicht nicht lieber etwas mehr zu essen hätten?»

Tatsächlich herrscht an den Rändern Bakus, in all den Vororten, die weit in die Dürre des umliegenden Landes hinauswuchern, eine Tristesse, die das Zentrum wie eine Fata Morgana erscheinen lässt. Doch Polemik liegt dem feingliedrigen, ruhig sprechenden Tschingis fern. Wenn er Dissens äussert, dann mit einem Augenzwinkern. «Jede Hochzeit ist bei uns eigentlich Konzeptkunst», sagt er und beklagt spitz die Oberflächlichkeit in seinem Land: Hier gebe es keine ernst zu nehmende Kunstkritik, «dafür unzählige, mit üppigem Glamour angerichtete Hochglanzmagazine». Und doch, sagt er mit Nachdruck, lebe er gerne in Aserbaidschan: «Ich habe hier meine Wurzeln und meine Freunde. In einem andern Land leben zu müssen, würde mir den Boden wegziehen.»

Als Gast in Graubünden

Was die politisch-gesellschaftliche Situation in seiner Heimat betrifft, bleibt Tschingis Babajew zurückhaltend. Ihn kümmere Politik wenig; man müsse auch aufpassen, was man sage. Als «Produkt der Sowjet-Zeit» weiss sich Tschingis mit einem monopolitischen System zu arrangieren, das bei allzu offenem Widerspruch rasch mit Sanktionen droht. Das Blabla staatlicher Würdenträger und Kulturbeamter geht ihm auf die Nerven, spektakuläre Auftritte mag er nicht.

Deshalb freut er sich umso mehr, in diesem Sommer als Artist in Residence im Künstlerhaus des bündnerischen Nairs in Ruhe arbeiten und sich mit Kulturschaffenden ganz verschiedener Herkunft austauschen zu können. Das braucht er, gerade weil er in Aserbaidschan für sich lieber die Isolation wählt. «Ich will Kunst machen, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Und meine Kritik an unseren Verhältnissen kleide ich lieber poetisch ein, als sie laut in die Welt zu schreien.»

Aserbaidschan ist zu über neunzig Prozent ein muslimisches Land. In Baku ist das kaum zu bemerken: Alkohol gibt es fast überall, und verschleierte Frauen sieht man nur selten. «Das ist nicht unser Kleidungsstil», sagt eine Stoffhändlerin im Warenhaus Kontinental trocken. Präsent, wenn auch gelegentlich verschämt versteckt und wohl eher für westliche Nostalgiker als für Einheimische gedacht, sind die Insignien der ehemaligen Brudergenossen aus dem alten Imperium: In Souvenirläden werden neben Samowars und Babuschkas auch Hammer und Sichel sowie Orden aus Sowjetzeiten angeboten. Zwischen vielem Plunder schauen immer wieder Büsten und Bilder von Marx, Lenin und – am häufigsten – von Stalin hervor.

Gerade der ist in Bakus Vergangenheit kein Unbekannter: Joseph Dschugaschwili, wie der Schustersohn und Priesterschüler aus Georgien damals noch hiess, organisierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Streiks und Demonstrationen gegen die Ölbarone. Und aus dem Untergrund gab er die Zeitung «Der Arbeiter von Baku» heraus, die über Ausbeutung und die Zustände auf den Ölfeldern berichtete.

Krieg auf den Strassen

Mit dem Öl floss damals das Blut. Davon wusste ein ganz eigensinniger Mann in seinen Büchern sehr drastisch zu berichten: Lev Nussimbaum (1905–1942) alias Essad Bey alias Kurban Said. Er kannte das explosive Gemisch von Rohstoffen, Religionen, Ideologien und Gewalt aus eigener Anschauung. «Leute verschwanden spurlos, und die Banden, die immer zur Verfügung standen, bekamen ein doppeltes Gehalt. Mehr als ein Ölbesitzer wurde getötet», notierte er in «Öl und Blut», seinen Erinnerungen, die in den Dreissigerjahren ein Bestseller waren. «Der nationale Hass auf den Strassen tobte, Frauen, Kinder und Greise wurden in ihren Wohnungen getötet, in den Moscheen wurden Blutbäder angerichtet.»

Nussimbaum wechselte mehrmals in seinem kurzen Leben die Identität. Sein Vater war ein georgischjüdischer Ölbaron, die Mutter eine russischjüdische Sozialrevolutionärin, die im Dunstkreis illegaler Gruppierungen rund um den jungen Stalin verkehrte – eine Spannung, die sie schliesslich in den Selbstmord trieb. Vater Abraham Nussimbaum hingegen stand als Ölmillionär auf der Todesliste der Bolschewisten. Das zwang ihn zur Flucht mit seinem Sohn: zuerst nach Turkmenistan und Persien, dann auf Umwegen bis nach Berlin. Dort konvertierte Lev 1922 zum Islam, nannte sich Essad Bey und fantasierte sich fortan in entsprechender Verkleidung in die Rolle eines orientalischen Prinzen hinein. 1937 veröffentlichte er als Kurban Said den bis heute auch bei uns viel gelesenen Liebesroman «Ali und Nino».

Baku war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Hexenkessel. Ölbarone – darunter die Nobels, die Rothschilds, die Ramasanows – bereicherten sich am schwarzen Gold und lieferten sich bittere Konkurrenzkämpfe. Doch nicht genug: Christen, Juden und Muslime trugen ihre Fehden aus, während bolschewistische Revolutionäre die Gegend mit Terror überzogen. In Beys Geburtsstadt ging der Schrecken um. So erwähnt er entsetzt einen gewissen Stepa-Lalai, der gleichzeitig Kommunist und Ölmagnat war: «Er suchte in der ganzen Stadt nach mohammedanischen Kindern, ergriff sie an den Beinen, wirbelte sie durch die Luft und zerschlug ihnen den Schädel an den Pflastersteinen.»

Mit dem Taxi in die Hölle

Aserbaidschan war und ist: Öl, Öl, Öl. Besonders anschaulich zeigt sich das in der Nähe Bakus auf der Halbinsel Abscheron, die wie der Schnabel eines Adlers ins Kaspische Meer hinausragt. Wir fahren mit Muslim dorthin. Er ist 35-jährig, trägt Turnschuhe von Adidas und ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Where, There, Here». Er war früher Chauffeur für den Boss der grössten Hühnerfarm im Land. Als diese pleiteging, wurde Muslim arbeitslos und kaufte sich einen schwarzen Mercedes. Mit dem bietet er nun auf eigene Faust Taxidienste an.

Die Fahrt durch Abscheron führt durch eine ökologische Hölle. Hier sitzen die Ölbohrtürme gespenstisch wie ein Käferschwarm auf dem Land und quietschen und glucksen unaufhörlich. Diesiges Licht liegt über der staubig braunschwarzen Erde. Doch das war nicht immer so. Lange vor unserer Zeit gelangte die vorislamische Glaubensgemeinschaft der Zoroaster aus Iran hierher, nachdem sie von den Arabern vertrieben worden war. Die Zoroaster liessen sich in kleinen Häusern nieder, in deren Mitte aus dem ölgetränkten Boden Feuer züngelten. Aserbaidschan wird deshalb bis heute auch «Land des Feuers» genannt.

«Jeden Tag kämpfen»

In Surachany steht noch ein Feuertempel der Zoroaster. Er wurde allerdings erst im 18. Jahrhundert an der Stelle einer alten Kultstätte neu erbaut; heute soll sein Feuer aus einer Gasleitung gespeist werden. Auf dem Dach des gegenüberliegenden Kassenhauses sitzt eine alte Frau auf einem Stuhl, lässt sich vom Wind das Haar zerzausen, liest ein Buch und blickt zwischendurch streng auf die Touristen herab, denen es verboten ist, den Tempel zu fotografieren.

Der steht heute als ziemlich einsames Kulturrelikt auf Abscheron. Überall breiten sich braune Ölpfützen aus, der Wind wirbelt Staub auf, Bauruinen zerfallen, der Kehricht türmt sich zu Bergen, das Öl glänzt auf dem Meer an den Stränden. Nur auf einer kurzen Strecke auf dem Weg nach Baku ist alles blitzblank – eine Oase mitten in einem spukhaft-zerstörten Landstrich. Hier steht eine der Residenzen von Präsident Ilham Alijew. «Bei uns haben zehn Familien allen Reichtum», sagt Muslim achselzuckend, «alle anderen müssen jeden Tag kämpfen.»

Auch auf der gegenüberliegenden Seite der Halbinsel, südlich von Baku, stehen die Ölförderanlagen, soweit das Auge reicht. Der Wind weht aus Asien herüber und erklärt den persischen Namen, den die Stadt trägt: «Bad Kube» – Windstoss. Auf der weiten Terrasse der Bibi-Heybät-Moschee zischt er unerbittlich, während der aufgehende Vollmond die Hafenanlagen, die alten Pumpen und rostigen Rohre ins silbrige Licht einer üblen Sciencefiction taucht.

Das neueste Eldorado

Hinter dem Gotteshaus röhrt der Verkehr auf einer mehrspurigen Ausfallstrasse. Sie führt an schäbigen Wohnbaracken und unwirtlichen Stränden vorbei, hinaus zu den Anlagen der Ölkonzerne, die sich seit den Neunzigerjahren immer gnadenloser ins Hinterland fressen, bis nach Sangaçal. In dieser Gegend liegt das neueste Eldorado.

Einer der grössten Öl- und Gas-Terminals der Welt ist Ausgangspunkt der Baku-Ceyhan-Pipeline, die seit 2005 in Betrieb steht. Sie führt – ohne die heiklen Länder Russland und Armenien zu tangieren – durch Aserbaidschan und Georgien in die Türkei, direkt ans Mittelmeer. So fliesst der Reichtum dieses Landes vorbei an den Menschen rund um Baku. Vorbei an den Fischern, die nichts Essbares mehr aus dem Meer ziehen können. Vorbei an den Bauern, die ihr Land und ihre Existenz für den Bau der Pipeline verloren haben.

Durch diese Rohre fliesst der Treibstoff für den Komfort anderer Leute, und sie enden dort, wo wir herkommen: vor unserer Haustür.

Der Bund

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