Bern, doppelt visionär?

Beim Seilziehen um die Zukunft des Progr ging es oft um das Wie und das Wieviel. Was am Waisenhausplatz in den letzten fünf Jahren entstanden ist, drohte dabei ein wenig vergessen zu gehen. Ein subjektiver Blick eines Zugezogenen auf ein junges Berner Wahrzeichen, ein Plädoyer für ein einmaliges Kulturexperiment.

Maleratelier von Alex Güdel. (Beat Schweizer)

Maleratelier von Alex Güdel. (Beat Schweizer)

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Ich mag Karten. Das erste, was ich mir in einer fremden Stadt beschaffe, ist ein Stadtplan: eine Anleitung zum Schlendern. Diese kleinen Karten sind oft mehr als einfache Strassenpläne, es sind kondensierte Städteführer. Was sich zu sehen lohnt wird auf dem Plan dunkel hervorgehoben. Diese Orientierungspunkte ähneln auffallenden Gesichtsmerkmalen; Bern beispielsweise hat eine prägnante Nase (die Altstadt), eine hässliche Warze auf der Stirn (den Bahnhof), Segelohren (Paul Klee rechts, Westside rechts).

Sollte ein Verlag gerade an einem Neuentwurf für einen Berner Stadtplan sein, wird er gut daran tun, die nächste Woche abzuwarten. Es wird auf die Stimmbürger ankommen, ob der Gebäudekomplex am Waisenhausplatz 30 eingefärbt und als Kulturzentrum markiert wird. Oder ob er wiederum im Pastell der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

Es soll hier nicht um Politik gehen, um behördliche Verfahren und mehr oder weniger solide Finanzierungspläne. Es geht um einen Ort. Einen, der Bern zu einem prägnanteren Gesicht verhilft – eigentlich ganz unabhängig davon, wie stark er von den Stadtbernern wahrgenommen wird. Hand aufs Herz: Wie oft waren Sie in den vergangenen Jahren im Münster? Man braucht nicht allwöchentlich den dortigen Gottesdienst zu besuchen, um stolz zu sein auf das Berner Wahrzeichen. Dasselbe gilt für den Progr: Man braucht nicht genau zu verfolgen, was sich im ehemaligen Progymnasium so alles tut, um ein wenig stolz zu sein auf dieses wohl europaweit einmalige Kulturexperiment. Aber es kann natürlich nicht schaden, mal etwas genauer hinzuschauen.

Für die Berner Bevölkerung ist das Progr vor allem die Turnhalle. Sie ist gewissermassen die Kantine des Künstlerhauses. Die Turnhalle profitiert ganz entscheidend von der besonderen Atmosphäre im Progr, hier werden die verschiedensten kretativen Zutaten gemischt.

Man darf sich keinen Illusionen hingeben – Allreal, die Investorengruppe hinter dem Gesundheitszentrum, verspricht zwar, die Turnhalle weiterzuführen, aber das Lokal wäre unter dem neuen Besitzer nicht mehr wiederzuerkennen. Die Betreiber haben denn auch vermeldet, sie würden nur im Progr weiterwirten, das Projekt Doppelpunkt böte keinen passenden Rahmen. Dasselbe gilt für den Veranstalter der Bee-Flat-Konzerte, die zweimal wöchentlich in der Turnhalle stattfinden, und Musikperlen aus der ganzen Welt in die Schweiz holen, nicht selten exklusiv.

Ich weiss noch, wie ich von Freunden belächelt worden bin, als ich verkündet habe, ich würde von Zürich nach Bern ziehen. Vor allem kulturell traut man der Hauptstadt nicht allzu viel zu. Kaum einem Zürcher käme es in den Sinn, für einen Anlass nach Bern zu fahren – Zeichen auch einer behaglichen Sattheit, Zürich ist ein kulturelles Schlaraffenland (und zieht daraus Kapital, Zürich gilt nicht zuletzt der jungen Kulturszene wegen als spannende, attraktive Stadt – es geht beim Standortmarketing nur in zweiter Linie um die alteingesessenen Kulturinstitutionen wie das Opernhaus). Ich habe dem jeweils entgegnet, vor allem in Sachen Musik könne Bern durchaus mithalten mit Zürich. Tatsächlich habe ich in Bern oft Entdeckungen gemacht, die erst später auch in Zürich auftauchen. Und diese Entdeckungsreisen führten mich immer wieder in die Turnhalle. So auch vergangenen Mittwoch, Krystle Warren, eine Frau und eine Gitarre. Und pure Magie.

Aber der Progr ist nicht in erster Linie ein Vranstaltungs- sondern ein kultureller Herstellungsort. Das Haus versammelt ein bemerkenswertes Spartendurcheinander. Im Progr wird gemalt, getanzt, designt, getextet, getüftelt, fotografiert. Der eigentliche Progr-Clou ist aber ein anderer: Das Haus vereint alle Produktionsschritte, von der eigentlichen Herstellung über Finanzierung und Vermittlung bis hin zur Präsentation. Hier gibt es bildende Künstler, es gibt Grafikbüros, es gibt Theaterorganisatoren und Kulturvermittlungsspezialisten. Spartenübergreifende Kulturhäuser gibt es auch noch andere, doch es ist dieser strukturelle Mix, der den Progr einzigartig macht. Der Progr ist kein Künstlerhaus, das subventionierte Ateliers zur Verfügung stellt, er ist eine Produktionsstätte, eine Kulturfabrik im eigentlichen Sinn des Wortes.

Kultur wird immer irgendwo gemacht. Meistens bekommt man davon kaum etwas mit, weil in der Kulturlandschaft üblicherweise eine starke Zersiedelung herrscht, passende (und erschwingliche) Räumlichkeiten liegen in einer Stadt oft weitherum verstreut. Hier hat sich ein Maler eine Etage in einer alten Fabrik gemietet, dort probt eine Band in einem Luftschutzkeller, da ist ein Grafikbüro in einer Bürogemeinschaft untergekommen, hier arbeitet eine Modedesignerin in der eigenen Wohnung. Am Waisenhausplatz war plötzlich Platz für alle diese Kulturunternehmungen, hier gab es über die letzten Jahre eine kulturelle Verdichtung, wie sie auch in angesagten Künstlervierteln in London oder New York selten anzutreffen ist.

Tief bin ich versunken in einem ehrwürdigen ledernen Ohrensessel, Norbert Klassen, das Berner Kultur-Urgestein, setzt sich dazu und gerät ins Schwadronieren, mit seinem dunklen Schauspieler-Timbre und der lebhaften Stimme des geübten Erzählers. Er hat sich für einen Moment in sein kleines Privatmuseum zurückgezogen, Ostflügel, zweiter Stock. Die Wände sind mit einer Unzahl afrikanischer Masken geschmückt, überall stehen kleine Preziosen herum, zeitgenössische Kunst mischt sich zwanglos mit Altem, hiesiges mit fremdländischem. Den Gang runter, auf der Kleinen Bühne, laufen die Proben zu einem Stück von Thornton Wilder, das Klassen diesen Sonntag im Theater an der Effingerstrasse zur Premiere bringen wird. Wo würden sie denn proben, wenn sie den Raum im Progr nicht zur Verfügung hätten? Klassen zuckt mit den Schultern, «vielleicht irgendwo in Hinterkappelen».

Klassen, der Schauspieler, Performance-Künstler, Regisseur, hat noch die Zeit miterlebt, als Harald Szeemann die Berner Kunstszene Ende der 60er Jahre mit kontroversen Ausstellungen aufgemischt und die Stadt damit für ein paar Jahre in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit gerückt hat. Er sieht im Progr etwas entstehen, das womöglich noch interessanter ist für Bern als die Szeemann-Jahre. «Früher gab es hie und da mal Schwerpunkte», wo sich etwas entwickelt habe, aber so gross und zentral «gab es das in Bern noch nie». Der Progr sei «ein Biotop, eine Wundertüte», man wisse nicht, was da noch alles rauskomme, das eben finde er das Tolle. Aber er traut den Bernern nicht so recht zu, dass sie verstehen, wie wichtig der Progr für ihre Stadt ist: «Vermutlich wird es wieder so sein, dass man später dann, wenn es vorüber ist, Bücher darüber schreibt» – sentimentale Blicke zurück, im Bedauern, dass man die Chance damals nicht gepackt hat. Er wischt den Gedanken beiseite. Endlich, sagt er, spüre er in dieser Stadt wieder mal einen «Effekt, der sich aufschaukelt».

Gäste aus dem Ausland seien jeweils begeistert vom Progr, wird Klassen noch sagen. Das höre ich immer wieder im Gespräch mit den Künstlern, man neidet den Bernern diesen Ort, sei es in Berlin, Paris oder Kopenhagen. Man erzählt auch, es gebe bereits die eine oder andere Initiative, in anderen europäischen Städten Ähnliches entstehen zu lassen. Bern als visionäre Stadt? Manchmal habe ich das Gefühl, es sei den Bernern selbst nicht ganz wohl bei dem Gedanken. Man versteht sich nun mal als Kleinstadt, die nicht mithalten kann (besser: nicht mitzuhalten braucht) mit den Grossen. Nur ja nicht übermütig werden. Sophie Schmidt, eine bildende Künstlerin aus Berlin, die «superfroh» ist, in Bern zu arbeiten, findet diese Bescheidenheit ganz richtig. Bern müsse ja gar nicht so tun, als sei es eine Metropole – «genau deshalb funktioniert der Progr ja so gut.»

Für mich indessen war rasch klar: Durch den Progr ist Bern weitläufiger und welthaltiger geworden. Dieses Haus hat viel dazu beigetragen, dass ich mich in der neuen Stadt rasch heimisch gefühlt und Zürich gar nicht allzu sehr vermisst habe.

Sophie Schmidt sagt dann noch, es wäre, wenn der Ball bei den Künstlern bliebe, «mal nicht der übliche Verlauf einer Gentrification.» Der Begriff beschreibt die Dynamik in Städten, wonach heruntergekommene Viertel zunächst von Künstlern besiedelt und dadurch wieder attraktiv gemacht werden, was wiederum den Künstlern früher oder später zum Verhängnis wird, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können. So geschieht es in allen grossen Städten der Welt, und weil die Künstler nirgends eine Lobby haben, nimmt man es achselzuckend hin. Wird Bern gleich doppelt visionär? Gentrification, selbstverwaltet? Mischung statt Umschichtung? So oder so, die Quartieraufwertung hat auf jeden Fall bereits stattgefunden. Die Speichergasse war, bevor der Progr Leben in die Gegend gebracht hat, ein grauer, toter Stadtraum. Nun haben auch gegenüber des alten Schulhauses etliche Bars eröffnet, die Strasse wirkt nicht mehr so ungemütlich am Abend. Wenn man sich umhört, klingt es überall ähnlich; Walter Oberleitner vom Gummi- und Outdoorgeschäft Gobag findet stellvertretend für viele, «der Progr tut der Gegend gut».

Der Progr ist Raum für gut 150 Kulturschaffende. Wenn dieser Raum verlorenginge, müssten viele Leute ganz konkret eine neue Bleibe suchen. Das allein wäre kein riesiges Drama. Es geht aber nicht nur um schöne und gut gelegene Räume. Nicht nur diejenigen, die Miete zahlen, müssten ausziehen. Das Haus bietet Platz für viel mehr: für Zürcher mit urbanem Heimweh, für Theaterschaffende, die Proberäume brauchen, für ein Kurzfilmfestival. Und für vielerlei Gäste.

Einer von ihnen ist Julian Sartorius, einer der umtriebigsten jungen Schlagzeuger der Schweiz. Es ist nicht ganz einfach, ihn zu erreichen, momentan ist er mit Sophie Hunger auf Europatournee. Sartorius hat selber kein Atelier im Progr, aber auch er würde eine Heimat verlieren, wenn das Kulturzentrum schliessen würde. «Sehr viele meiner Projekte haben ihren Anfang irgendwo im Progr genommen, in Proberäumen von Freunden, in der Turnhalle», sagt er. So zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Jürg Halter (alias Kutti MC), mit dem er eine Vertonung dessen Gedichte erarbeitet hat.

Man muss die Rechnung so machen: Es ist eine kleine Minderheit, die im Progr eingemietet ist. Es sind schon einige mehr, die den Progr nutzen, arbeitend oder konsumierend. Schliesslich, frech hochgerechnet: So gut wie jeder, der in den letzten Jahren eine kulturelle Veranstaltung in Bern besucht hat, hat in der einen oder anderen Form vom Progr-Netzwerk profitiert. Ob er nun am Auawirleben-Festival war sich einen Film im Kunstmuseum-Kino angesehen hat.

«Es ist ein kleines Internet», sagt die Tänzerin Sabine Mommartz, und sie meint damit zunächst die vielfältigen Beziehungen der Künstler im Haus. Aber das Netz greift nach aussen. Und es ist längst zum wichtigen Knotenpunkt geworden, in Bern und über die Stadt hinaus. Ein Beispiel ist Optickle, ein Büro für Neue Medien. Hugo Ryser, einer der beiden Optickle-Köpfe, ist auch Dozent an der Hochschule der Künste Bern. Er betont die enge Verknüpfung mit der Schule, der Progr sei eine wichtige Plattform für junge Kunst. Optickle selbst arbeitet eng mit anderen Progr-Mietern zusammen, «mal holen wir bei Electric Blanket rasch eine Tonspur, mal fragen wir einen Website-Gestalter um Rat». Ihre Animationen wiederum zieren regelmässig die Clubnächte in der Turnhalle.

Die Gegner des Weiterbetriebs sprechen oft davon, dass der Progr nie wirklich selbsttragend sein, dass er ewig Steuergelder schlucken wird. Sie bedienen damit das alte Klischee vom Künstler, der in immer prekären Umständen lebt, der nie auf einen grünen Zweig kommt. Natürlich gibt es diese Überlebenskünstler auch im Progr, und es mag sein, das manche von ihnen sogar die Nase rümpfen ob einem sauber aufgestellten Jahresbudget. Aber man missversteht die Idee hinter diesem Haus, wenn man denkt, der Progr sei ein Asyl für prekäre Künstlerexistenzen. Das Haus bietet auch Akteuren Raum, die schon lange zum etablierten Kulturbetrieb gehören.

Westflügel, erster Stock: Hier, in einem der ehemaligen Schulzimmer, hat die Camerata Bern ihr Probelokal. Die Camerata ist ein kleines Berner Schmuckstück, das Ensemble wird bei Gastauftritten auf der ganzen Welt gefeiert. Eigentlich hielte man die Camerata für «zu fein» für ein etwas in die Jahre gekommene Schulhaus – aber woanders hat das Orchester nie eine feste Heimat gefunden, über gut vierzig Jahre hat es ein Nomadenleben geführt, hat in Gemeindehäusern und Schulaulen geprobt. Die Situation war chaotisch, und sie war, macht man den internationalen Vergleich, beschämend für Bern: Es gibt nicht viele ähnlich renommierte Kammerorchester auf der Welt, eines davon ist in Sydney beheimatet – und das hat seine Proberäume im berühmten Opernhaus.

Nun habe man endlich einen passablen Raum an guter Lage gefunden, und noch dazu in einem inspirierenden Umfeld, sagt ein Mitglied der Camerata. Das Orchester stehe voll hinter dem Progr-Projekt. Allreal habe aber auch eine Mietofferte gemacht. In doppelter Höhe, wohlverstanden. Das zusätzliche Geld würde wohl nur durch eine Erhöhung der Subventionen zu beschaffen sein.

Platz hat es im Progr auch für ganz und gar Unspektakuläres, für beinahe Biederes, ist man versucht zu sagen. Während ich sonst meist bedenkenlos in die Ateliers eingetreten bin, traue ich mich in den Raum 59 nur zögernd hinein: Ein ruhiges, sehr ordentliches Büro im Parterre, drei Leute sind in ihre Unterlagen vertieft. Es sind die Räumlichkeiten der Stiftung Artlink, die sich um die Vermittlung von Künstlern aus Afrika und Asien kümmert. Man empfängt mich gern, aber lange Zeit zum Plaudern hat man nicht, «wir müssen noch eine Offerte fertigmachen.» Auch die Artlink-Leute sind glücklich im Progr-Sammelsurium, könnten sich nicht recht vorstellen, im Allreal-Haus weiterzuarbeiten, die Nähe zu den Künstlern ist der Stiftung wichtig.

Es sind nur zwei Beispiele von vielen, es gibt eine grosse Zahl von Progr-Mietern, deren Geschäftsmodell rein gar nichts mit «Von der Hand in den Mund» zu tun hat. Tröstlich ist, dass diese wenig Mühe hätten, neue Räume zu finden, beziehungsweise mit Allreal ins Geschäft zu kommen. Aber das Netzwerk wäre dann gekappt, das ganz besondere Berner Internet tot.

Ich habe übrigens nachgefragt bei Media Swiss, dem Schweizer Marktführer für Gratisstadtpläne: Die nächste Erneuerung für den Berner Plan ist für Ende Jahr anvisiert. Nächstes Wochenende wird schon mal eine Detailfrage geklärt. Das ehemalige Progymnasium, in Zukunft ein farbloser oder ein ausgezeichneter Ort. (Der Bund)

Erstellt: 09.05.2009, 13:07 Uhr

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