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Weite Welt: Spiele oder Spitäler?

Es war wie überall auf der Welt in einem Grossflughafen am Morgen eines Arbeitstags. Hunderte von Managern strömten aus der neuen Ankunftshalle des Delhi Domestic Airport, auf dem Weg zu ihrem ersten Termin. Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches. Bei den «Prepaid Taxi Counters» bildeten sich Warteschlangen, Handys wurden gezückt, und die Absperrungen, hinter denen sich normalerweise Chauffeure drängten, die Namensschilder ihrer Kunden hochhebend, waren leer.

Es regnete. Das kommt vor in der Monsunzeit. Aber in diesem Jahr prasselt der Regen auf eine Stadt in vollem Umbau. 2010 beherbergt Delhi die Commonwealth Games, so etwas wie die Olympischen Spiele des ehemaligen britischen Weltreichs. Mit über fünfzig Staaten als Teilnehmern stellen sie für viele Sportverbände die Hauptprobe für die noch höheren olympischen Weihen dar. Für Städte mit ähnlichen Ambitionen sind sie so etwas wie ein Gesellenstück. Deshalb werden nun auch in Delhi wie wild Stadien gebaut, Sportdörfer, Schnellbahnen und nicht weniger als 35 «Flyovers», also Überführungen, welche die Autokolonnen rascher zum nächsten Stau bringen sollen.

Gewässer auf der Autobahn

Die Flughafenautobahn steht, und sie ist so etwas wie ein erster Test für die Stadt, die auf den Olympiade-Zuschlag für 2020 spekuliert. Am letzten Donnerstag sorgte eine leichte Verschärfung der Prüfungsbedingungen – eine Nacht mit Regen – dafür, dass der Kandidat glatt durchfiel. Nach einer Stunde des Wartens auf ein Taxi sass ich zwei Stunden lang im Stau, den Rest des Tages verbrachte ich auf der Kriechspur. Die Rotlichter an den Kreuzungen fielen aus, an den Enden der «Flyovers» bildeten sich Seen vom Regenwasser, das die Rampen herunterfloss. Von der Verkehrspolizei war nichts zu sehen. Autofahrer stiegen aus und fädelten die verkeilten PKWs wieder auseinander.

Wer eine Zeitung vom Flugzeug mitgebracht hatte, konnte sie, mitsamt Inseraten, von vorne bis hinten lesen. Der «Indian Express» druckte in grosser Aufmachung den Brief des Commonwealth- Sportchefs an die lokalen Organisatoren, in denen er unverblümt seiner «grossen Sorge» Ausdruck gab, dass die Spiele im Oktober 2010 nicht stattfinden könnten, so sehr hinkten die Vorbereitungen hinter den Planvorgaben her. Und die Zeitung berichtete von Spekulationen, wonach vielleicht Melbourne oder Manchester, die letzten beiden Austragungsorte, einspringen müssten.

Die Sache mit dem Hinterland

Bürokratie sowie Korruption bilden das trübe Gemisch, das aus einem Feuerwerk ein Strohfeuer zu machen droht. Dazu kommt noch eine weitere Ingredienz – Politiker. Zwar können, wie immer bei öffentlichen Aufträgen, viele dabei ihre Taschen füllen. Doch sie schielen auch auf das Hinterland, das ihnen die Wahlstimmen bringt. Und dieses ist nach wie vor ein armer Hinterhof. Warum solle der Staat, fragte Sportminister Shankar Ayer, 400 Millionen Dollar für ein Sportereignis und eine Stadt ausgeben, wenn es dem Land an Schulen, Krankenhäusern und Landstrassen fehle? Er verlor seinen Job. Auch sein Nachfolger M.S. Gill scheint nicht ganz bei der Sache zu sein, hin und her gerissen zwischen dem Drang, der Welt ein 5-Sterne-Indien zu präsentieren, und der Sorge, dass damit Grundbedürfnisse von Millionen unter den Autobahn-Teppich gekehrt werden. Das Resultat sind die Kolonnen von Flughafentaxis. Der fliegende Teppich gleicht eher einem Blechfriedhof.

Der Autor lebt als freier Publizist und Buchautor in Delhi.

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