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Weite Welt: Back in Switzerland

Eigentlich dürfte ich für die «Weite Welt» gar nicht mehr berichten, denn vor gut einem Monat habe ich meine Zelte in New York abgebrochen und bin zurück in die – das Sprachspiel drängt sich auf – enge Welt der Schweiz zurückgekehrt.

Allerdings: Auch New York ist eine gleichzeitig enge und weite Welt. Auf der Insel Manhattan stapeln sich fast zehn Millionen Menschen – und über eine Million Haustiere.

Kein Wunder, dass jedermann über Allergien klagt. Kurz vor meiner Abreise meldeten sich auch bei mir die ersten Anzeichen, das Gefühl eines leichten Würgens, begleitet von Symptomen wie einer triefenden Nase und unerklärlichen Ohrenschmerzen. Während meine Ärztin mir ein Antibiotikum verschrieb, wie man das so tut in amerikanischen Praxen, erkundigte sie sich, wann ich in die Staaten gezogen sei. Vor drei Jahren? Ja, dann sei das ganz normal: Die Allergien würden Ausländer immer nach drei Jahren überfallen, aus medizinischer Sicht sei das unerklärlich, und dann rennen diese in Panik geratenen Ausländer den Ärzten buchstäblich die Türen ein, denn in New York gibt es ja fast ausschliesslich Ausländer.

Too much

Doch New York ist, indeed, die weite Welt: Wie ich diese Stadt schon jetzt vermisse, ich bin so eine richtig sehnsüchtige Ex-Exilantin! Wie ich es vermisse, auf dem Dach meines Wohnhauses, das ich mittels einer Feuertreppe erklimme, mitten im Latino-Quartier morgens einen Kaffee zu trinken und bei Sonnenaufgang die zartrosa leuchtende Skyline der Bronx zu betrachten.

Wie ich die Griechin Angela vermisse, die mir mein vorzügliches Egg-Sandwich zubereitet und lachend mit mir schimpft, weil ich ein zu seltener Gast bin. Wie ich dem jamaikanischen Greis nachweine, der meine Schuhe geflickt hat, und dies mit der nervenaufreibenden Gemütlichkeit der Inselbewohner. Und wie ich mich selbst nach dem Geruch des Menschenfleisches sehne, der einem entgegenschlägt, wenn man in eine U-Bahn-Station hinabsteigt. Too much, too many people, too much.

Get a life!

New York ist eine Zumutung, aber die Stadt macht frei. Hier bewegt man sich gänzlich unbeobachtet, wie ein glitzernder Fisch im Meer, denn wenn Millionen auf kleinstem Raum koexistieren, dann verliert das Tun des Einzelnen an Gewicht.

Nirgendwo gibt es so viel Toleranz für alles andere, alle anderen, denn Toleranz ist hier Überlebensstrategie: Wer sie nicht hat, wird eliminiert oder läuft Amok. Tu, was du willst! Sei hart im Nehmen! Jeder Zweite hat ein härteres Schicksal als du! Get a life! New York ist nicht ein Ort, wo man einfach lebt. Doch wer lernt, die Widrigkeiten zu überwinden, den umarmt diese Stadt und lässt ihn nicht mehr los. Manchmal, wenn sie New York verlasse, schreibe sie ein Gedicht an die Stadt, sagte einmal eine Freundin von mir. Sie bitte die Stadt jeweils zu bleiben, wie sie ist, bis zu ihrer Rückkehr. So long, New York!

Heute Morgen spazierte ich hier in Bern zu meiner Arbeit, durch den Schnee, die Äste der Bäume bogen sich unter dem Gewicht, Schneeflocken fielen auf mein Gesicht. Still ist es hier, als ob Gott den Atem angehalten hätte. Weit ist es hier, die Gedanken breiten sich aus wie die Felder vor dem Wald auf dem Hügel, wo ich meine Kindheit verbrachte.

Es ist gut, hier zu sein. Weit oder eng: It is the mind that matters.

Isabelle Jacobi verabschiedet sich hiermit als Kolumnistin. Ihre Nachfolge wird 2009 die Schriftstellerin Verena Stefan in Montreal antreten.

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