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Temporär verzweifelt

Die Meldung von letzter Woche, ein Arbeitsloser sei in seiner Wohnung in Osaka verhungert, löste selbst bei der mittlerweile Hiobsbotschaften gewohnten japanischen Öffentlichkeit einen Fernsehabend lang Betroffenheit aus. Der 49-Jährige hatte in einer Bank gearbeitet, die seinen Temporärvertrag wegen der Finanzkrise nicht verlängerte. Auch der junge Amokläufer, der letzten Juni mit seinem Auto und einem Messer sieben Menschen tötete und zehn verletzte, war ein frustrierter Teilzeitangestellter. Dies sind Extrembeispiele, die auf grausige Weise strukturelle Mängel des japanischen Arbeitsmarkts offenlegen. In einem System, das jahrzehntelang die Anstellung auf Lebenszeit und damit auch den sozialen Frieden garantierte, kämpft inzwischen rund ein Drittel der Beschäftigten als Konjunkturpuffer ums tägliche Überleben. Soziologen hören eine gesellschaftliche Zeitbombe ticken.Entbehrliche MassenParadoxerweise war die Teilzeitbeschäftigung 1985 zum Wohl der Arbeitnehmer eingeführt worden. Sie sollte einigen gesuchten Spezialisten, etwa mit Fremdsprachen- oder Computerkenntnissen, eine flexiblere Lebensgestaltung ermöglichen. Doch nachdem Zeitarbeitsverträge 2003 im Zug der Deregulierung auch auf die verarbeitende Industrie ausgedehnt wurden, begannen Arbeitgeber, gezielt Kosten zu sparen, indem sie den Anteil der Temporärangestellten erhöhten. Diese leisteten bei guter Auftragslage für geringeren Lohn die gleiche Arbeit wie Festangestellte und konnten in Krisenzeiten leicht wieder entlassen werden. Vermittlungsagenturen schossen wie Pilze aus dem Boden, und in den Personalabteilungen der ehemals fürsorglichen Grosskonzerne hielten amerikanische «Hire and fire»-Methoden Einzug. Obdachlos und lebensmüdeLaut Erhebungen des Arbeitsministeriums verschwinden allein von Oktober 2008 bis Ende März 2009 mehr als 85000 Teilzeitjobs. Besonders betroffen ist die exportabhängige Automobilindustrie. Doch auch Sony baut wegen der weltweiten Rezession 8000 Stellen ab. Da viele der Entlassenen zugleich ihren Platz im Wohnheim verlieren, schnellt die Zahl der Obdachlosen in die Höhe. Ausgerechnet über die in Japan sehr besinnliche Neujahrszeit wuchs im Tokioter Hibiya-Park – notabene in Sichtweite des Arbeitsministeriums – eine Zeltstadt mit über 500 Bewohnern. Um die Regierung endlich zu Taten zu bewegen, hatten Gewerkschaften und Hilfswerke damit begonnen, entlassenen Teilzeitarbeitern täglich Mahlzeiten zu servieren. Die ausführlichen Medienberichte verliehen der Aktion den Charakter eines Volksfestes. Als die überforderten Behörden das Camp am 6. Januar schlossen, wurden die Insassen provisorisch in Turnhallen untergebracht. Endstation TojinboIn einer Gesellschaft ohne religiöse Tradition von Barmherzigkeit gilt öffentliche Fürsorge nicht als Recht, sondern als beschämendes Almosen. Wer trotzdem um Sozialleistungen nachsucht, wird in der Regel an seine Familie zurückverwiesen. Die Hoffnungslosen kommen nach Tojinbo. Die bizarr geformten Basaltfelsen am Meer ziehen jedes Jahr mehr Selbstmörder an als die Golden-Gate-Brücke in San Francisco. Laut dem Mitarbeiter einer lokalen Hilfsorganisation, die das Gespräch mit den Verzweifelten sucht, seien in Tojinbo seit einigen Monaten überwiegend Teilzeitangestellte anzutreffen. Der Autor ist Korrespondent für diverse deutschsprachige Medien und lebt in Tokio.

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