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«Sie wagen Aussichtsloses»

Ein professioneller Beobachter wechselt die Fronten und wird Politiker: Rudolf Burger, stellvertretender «Bund»-Chefredaktor, lässt seinen Weg vom «Underdog» zum Gemeindepräsidenten von Bolligen Revue passieren.

Die Geschichte beginnt vor ungefähr zwei Jahren in der «Linde» Habstetten. Nach dem Training in der Turnhalle Eisengasse sitzen dort die Veteranen des FC Bolligen zusammen und reden über dies und das. Irak ist ein Thema, aber auch die Dorfpolitik. Die Kollegen wissen, dass ich gerne Gemeinderat werden würde und als erster Ersatzmann auf der Liste von Bolligen Parteilos (BP) nach dem Rücktritt des bisherigen BP-Vertreters gute Chancen habe. Aber wieso nicht gleich als Gemeindepräsident kandidieren? Schliesslich ist die Amtsinhaberin nicht unumstritten, und die Stimmbürger schätzen eine Auswahl. Der Stammtisch der FCB-Veteranen malt sich aus, was ein Gemeindepräsident Burger in der Gemeinde alles anpacken könnte, es wird gewitzelt, aber dabei bleibt es. Ein Jahr später gehört die Turnhalle in der Eisengasse am Freitagabend den Junioren, der Stammtisch in der «Linde» entfällt, das Thema Gemeindepräsident ist vergessen.

Es kommt erst wieder hoch, als es um die Vorbereitung der Wahlen 2008 geht. Meine Vorgesetzten machen deutlich, dass sie keinen Gemeinderat Burger wollen, sie sehen Probleme mit der Führungsposition beim «Bund» und der Arbeit in einem Exekutivamt. Die Lösung wäre das Gemeindepräsidium: Es ist ein Halbamt, da könnte man den Chefposten aufgeben, aber zu 50 Prozent Journalist bleiben. Jetzt müsste nur noch die Wählerschaft mitziehen.

Die Frage der Wahlchancen

Am 3. September macht Bolligen Parteilos eine Pressekonferenz, um seine Kandidaten für den Gemeinderat, die diversen im Proporz gewählten Kommissionen und das Gemeindepräsidium vorzustellen. Von den vielen eingeladenen Medien kommen nur der «Bund» und – mit Verspätung – die BZ. «Sie wagen Aussichtsloses», sagt der BZ-Journalist, «Sie können die bisherige Gemeindepräsidentin Margret Kiener Nellen nicht aus dem Amt drängen.» Ich antworte, was ich mir vorher zurechtgelegt habe, wovon ich aber auch überzeugt bin: «Ich bin zwar nicht Top-Favorit, sondern eher der Underdog. Doch wenn ich keine Chance sähe, würde ich nicht kandidieren.»

Mit seiner Aussage hat der Mann von der BZ aber die Stimmung gut getroffen. Kiener Nellen schaffe die Wiederwahl schon im ersten Wahlgang, erklärt mir eine gute Bekannte. Er wohne zwar noch nicht lange in Bolligen, meint ein ehemaliger Kollege aus SRG-Zeiten, aber Freunde hätten ihm gesagt, meine Kandidatur sei chancenlos. Ich ringe ihm, dem erklärten SP-Anhänger, das Versprechen ab, doch mich zu wählen, wenigstens im ersten Wahlgang, damit ich nicht allzu sehr abfalle und mein Gesicht wahren könne.

Begegnung mit dem eigenen Plakat

Das ist überhaupt das Gewöhnungsbedürftigste an einer Kandidatur: Plötzlich ist das eigene Gesicht omnipräsent. Auf Postkarten, Flugblättern, im Wahlprospekt, in Zeitungen. Es ist ein komisches Gefühl, beim Bahnhof am eigenen Plakat vorbeizugehen und zu wissen, dass man so gut eigentlich gar nicht aussieht. Zum Glück reagiert die Familie gnädig. Als ich von meiner Kandidatur erzähle, wird das ohne Protest zur Kenntnis genommen. Die Aussicht, dem Vater auf Plakaten zu begegnen, erschreckt den Nachwuchs nicht allzu sehr.

Was braucht es, um in der Lokalpolitik Wahlchancen zu haben? Ich habe das als Politologiestudent in den 70er-Jahren anhand der Einwohnerratswahlen in Windisch und Birsfelden untersucht, aber wenig Überraschendes herausgefunden: Wichtig sind Ortsverbundenheit, Bekanntheitsgrad, Vereinszugehörigkeit, Beruf mit hohem Sozialprestige. Wer viele Kinder hat, ist im Normalfall besser integriert und vielen Eltern anderer Kinder indirekt bekannt. Da liege ich mit drei Söhnen und einer Tochter nicht schlecht, aber beim allerwichtigsten Kriterium, bisherige politische Erfahrung, ist bei mir ausser dem Mandat in der Schulkommission nichts vorhanden.

Mit einem gemeinsamen Auftritt aller Parteien im Dorfmärit Bolligen beginnt der Wahlkampf. Die meisten Passanten sind freundlich, aber es gibt auch Leute, die einen Bogen um den Stand von Bolligen Parteilos machen. Aufsteller des Tages sind die Töchter des FDP-Präsidenten, die in der Gegenwart ihres Vaters verkünden, sie würden mich wählen – wo sich doch die FDP für den SVP-Kandidaten entschieden hat.

Wahlkampf ist immer und überall

Zum Wahlkampf gehört auch eine Podiumsdiskussion im Reberhaus. Es kommen vor allem Leute, die schon wissen, für wen sie stimmen werden. Sie sind dabei, weil sie sich bestätigen lassen wollen, wie gut sich ihr Favorit und wie schlecht sich die Konkurrenz schlägt. Am Schluss wird der eigene Kandidat für seine ausgezeichnete Leistung beglückwünscht. So ungefähr verläuft auch der Abend im Reberhaus.

Wer Kandidat ist und sich im Dorf zeigt, wird automatisch des Wahlkampfs verdächtigt. «Aha, du zeigst dich jetzt im Coop», heisst es etwa, durchaus nicht böse gemeint. Wahlkampf ist, wenn du in der Bäckerei ein Brot kaufst. Beim Seifenkistenrennen zuschaust. Im «Beverello» ein Bier trinkst. Auf der Post einen Brief aufgibst. Wahlkampf ist immer und überall, Freund und Feind spricht dich darauf an, alle wollen wissen, wie die Wahlchancen aussehen. Weil alle Leute in dir nur noch den Wahlkämpfer sehen, sieht man auch sich selbst kaum mehr anders. Das heisst: die alten Jeans im Schrank lassen, die Schuhe gut putzen, alle Leute freundlich grüssen.

Überraschung auf dem Bantiger

Ein Wahlkampf hat auch Vorteile. Beim Prospektverteilen lernt man unbekannte Winkel der Gemeinde kennen. Es stellen sich Leute vor, die man schon vorher gerne gekannt hätte. Man schaut überall genauer hin, ärgert sich über den kahlen Dorfmärit-Platz, freut sich am Engagement beim Kirchenbasar. Es wird einem bewusster, was das Leben in einer Gemeinde ausmacht.

Endlich kommt der Tag der Entscheidung. Nach der Mittagszeit steige ich aufs Mountainbike und fahre via Habstetten und Bantigental auf den Bantiger. Dort oben auf dem Turm, viel früher als erwartet, erfahre ich, dass das Resultat schon feststeht: Burger mit 20 Stimmen vor Erich Sterchi und über 100 Stimmen vor Margret Kiener Nellen. Die Überraschung ist perfekt.

In der folgenden Nacht schlafe ich schlecht. Jetzt muss ich mich ernsthaft mit einem teilweisen Berufswechsel befassen. Kann ich das, will ich das? Am nächsten Morgen gebe ich das Schreiben, in dem ich meine Teilnahme am zweiten Wahlgang erkläre, bei der Gemeindeverwaltung ab.

Es folgen drei lange Wochen – man fragt sich, wie ein Obama oder ein McCain einen zweijährigen Wahlkampf aushalten. Die FDP bleibt bei der Unterstützung für Erich Sterchi. Die SP lädt zum Vorstellungsgespräch und fragt meine politische Haltung und die des SVP-Kandidaten ab. Die SP kommt zum Schluss, dass sie keinen der beiden unterstützen könne. Aus «Bund» und BZ ist aber zu erfahren, dass die SP eher zu Burger tendiere. Das ist ein gutes Zeichen, denn alles hängt davon ab, wie sich die rund 800 Leute entscheiden, die im ersten Wahlgang Margret Kiener Nellen unterstützt haben.

Erlösung kurz vor dem Alpenblick

Zwei Wochen vor den Wahlen werben an öffentlichen und privaten Standorten wohl über ein Dutzend Plakate für den SVP-Kandidaten. Die SVP mobilisiert, heisst es, manche, auch ich, sehen meine Wahlchancen schwinden. Zum Glück hat die Gemeinde ein Plakatierungsreglement, an einigen Orten müssen die Sterchi-Plakate wieder abgebaut werden, und zehn Tage vor der Stichwahl sind auch die gebuchten Burger-Plakate präsent. In E-Mails an zahlreiche Bolliger Bürger und in zwei Inseraten setzt sich ein Komitee «Bolligen aktiv» für den SVP-Kandidaten ein, aber dank vielen Telefonaten wächst mein Unterstützungskomitee auf über 150 Personen. Gemessen an den Aktivitäten hüben und drüben, sieht es nach einem knappen Wahlausgang aus.

Und doch habe ich am Wahltag ein gutes Gefühl – ich gewinne mit 200 Stimmen Vorsprung, verkünde ich zu Hause. Nach der Mittagszeit fahre ich auf der üblichen Route Richtung Bantiger. Das Brüggstock-Beizli in Bantigen, sonst immer gut für einen Kaffee und eine der selbst gebackenen Schnecken, ist für eine geschlossene Gesellschaft reserviert. Ist da schon jemand am Feiern? Ein paar Hundert Meter weiter, kurz vor dem Restaurant Alpenblick, das erlösende Telefon. «Es war nicht knapp», sagt meine Frau, «du hast mit 500 Stimmen Vorsprung gewonnen.» Diesmal entfällt der Aufstieg zum Bantiger, die Medien wollen Auskunft. Im Dorfbeizli warten die ersten Gratulanten von BP – Bolligen Parteilos, der Nicht-Partei, die ab 1. Januar den Gemeindepräsidenten stellt.

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