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Schrecken ohne Ende

Wie wird es enden mit den USA? Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und Antworten erhalten: Mormonen könnten die Demokratie retten, ein Team von Bio-Hackern könnte das Aids-Virus besiegen und der amerikanische Westen wieder so richtig wild werden. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.

Versandete Erde: Das Kulturland verödete, Tausende Bauern mussten ihre Höfe aufgeben, weil es für sie kein Auskommen mehr gab. (Library of Congress
Versandete Erde: Das Kulturland verödete, Tausende Bauern mussten ihre Höfe aufgeben, weil es für sie kein Auskommen mehr gab. (Library of Congress

Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.

So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.

Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich abspielt, wenn eines Tages die Welt einfach so untergeht. Ungleich interessanter ist es aber eigentlich, darüber nachzudenken, was passiert, wenn die Welt einfach nicht untergeht. Sondern nur, sagen wir mal, die USA. Wer wird dann auf der Welt nach dem Rechten sehen, welches Wirtschaftssystem unser Handeln bestimmen? Zu welcher Musik werden wir in Liebeskummer versinken und wessen Modediktat folgen? Und wer sichert in dieser Zukunft noch die Werte von Freiheit, Demokratie und Blue Jeans?

Mormonen als Freiheitsapostel

Josh Levin müsste es wissen. Der Journalist hat sich diesen Sommer von renommierten Historikern, Politologen, Naturwissenschaftlern, Theologen und Ökonomen erklären lassen, wie es enden könnte mit den USA. Die Resultate hat Levin zu einer Artikelserie für das Online-Magazin «Slate» verarbeitet.

Indes, auf die oben aufgeworfenen Fragen mag Josh Levin nicht antworten. Die Zukunft voraussagen, das sei schlechthin unmöglich, sagt Levin. Einzig bei der Sicherung der amerikanischen Werte, da hege er eine Vermutung: «Es könnten die Mormonen sein, die unsere heutigen Vorstellungen von Recht und Unrecht über unser Zeitalter hinaus konservieren.» Der Grund: Das Amalgam von Religion, Geschichte und Sprache, das die Mormonen verbindet, wird sich in Krisenzeiten als besonders resistent erweisen. Hier könnten Traditionen besser als anderswo bewahrt werden. Äussere Einflüsse würden abperlen am Teflon der gemeinschaftlichen Identität. «Aber es ist, was es ist», sagt Levin, «nur eine leise Vermutung.»

Dass sich eine überschaubare, homogene Volksgruppe in einem unsicheren Umfeld besser und schneller zurechtfindet, hat Levin schon im von Hurrikan «Katrina» zerstörten New Orleans beobachtet. Dort, erzählt er, seien es die Vietnamesen gewesen, die als Erste ihre Geschäfte wieder öffneten, ihre Häuser instand setzten und ihre traditionellen Feste feierten. «Während viele Amerikaner noch auf Hilfe durch die Regierung warteten, hat die vietnamesische Gemeinde sich selbst geholfen.»

New Orleans ist Josh Levins Heimatstadt. Als Schauplatz, an dem sich vor drei Jahren die Zivilisation für mehrere Wochen auflöste, ist sie auch der Ausgangspunkt für Levins Recherchereise durch die USA. «,Katrina‘ hat uns schwer getroffen», erzählt Levin. «Ein Sturm von diesem Ausmass war für jeden von uns unvorstellbar. Unsere Dämme wurden zerstört, und unser Vertrauen in die Regierung wurde erschüttert.» Der Hurrikan habe ihm zwei Dinge vor Augen geführt. «Es wird der Tag kommen, an dem staatliche Institutionen, auf die wir uns verlassen, scheitern. Und wir gewisse Teile unserer Zivilisation werden aufgeben müssen. So wie es schon die Römer, die Spanier und die Engländer getan haben.»

Bitte keine Sciencefiction

Die USA sind dem Untergang geweiht – das ist natürlich ein alter Hut. Beeindruckend an Josh Levins Arbeit ist denn auch nicht die These. Sondern die Ernsthaftigkeit, mit welcher sich der Journalist ihren Hintergründen widmet. Der Untergang erscheint hier nicht in Gestalt eines Science-Fiction-Szenarios, das mit Geheimdienstakteuren und feindlichen Besuchern aus dem All zu einem prickelnden Schauermärchen angereichert werden kann. Der Untergang ist für Levin zunächst eine historische Gesetzmässigkeit, der sich auf lange Sicht keine Weltmacht entziehen kann – das ist der einfache Teil. Dann aber ist er auch das Resultat eines Kräftespiels mit unzähligen Unbekannten. Ein komplexes Phänomen, das sich nicht mit einem Mega-Tsunami, einer Terrorattacke oder einer Pandemie alleine erklären lässt. «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein singuläres Ereignis die USA zu Fall bringt, ist gleich null», sagt Levin.

Zum Beispiel Rom

Gestützt wird diese Aussage vom deutschen Historiker Alexander Demandt. Dieser hat sich Anfang der 1980er-Jahre darangemacht, sämtliche Ursachen, die jemals für den Untergang des Römischen Reichs vorgebracht wurden, zu sammeln und zu ordnen. Am Ende zählte Demandt nicht weniger als 210 mögliche Gründe. Viele davon widersprüchlich, manche sogar reichlich absurd, etwa der «Mangel an Ernsthaftigkeit» oder eine «romantische Vorstellung von Frieden». Um ein Weltreich zu Fall zu bringen, braucht es schon ein bisschen mehr als einen zeitweiligen Anflug von Pazifismus.

Josh Levin drückt es so aus: «Nur ein Dummkopf kann ernsthaft behaupten, er kenne die exakten Gründe für den Untergang der USA.» Zu viele Faktoren beeinflussten den Weltenlauf, zu wichtig sei die Rolle, die unvorhersehbare Ereignisse und Entwicklungen dabei spielen. Statt die Hände in den Schoss zu legen und das Ende abzuwarten, begibt sich Josh Levin auf eine Recherchereise durch die Bildungstempel und Forschungszentren der USA. Um, wie Levin sagt, «zumindest eine Ahnung davon zu vermitteln, wodurch der Untergang ausgelöst werden könnte».

Szenario: Wilder Westen

In Buffalo erfährt er von einem Professor für Architektur und Raumplanung, weshalb sich mittelfristig ein Grossteil der amerikanischen Bevölkerung in der Gegend rund um die Great Lakes niederlassen wird. Robert Shibleys Erklärung: Infolge Klimawandel versumpfen und verwittern die Küstenregionen, mithin die heutigen Ballungszentren Nordamerikas. Zugleich wird der Mittlere Westen, die Kornkammer der USA, von anhaltenden Dürren heimgesucht – gerade so, wie es schon in den 1930er-Jahren, der Zeit der Staubstürme, geschehen ist. Damals verliessen Tausende von Bauern ihre versandeten Felder und zogen nach Westen, um in Kalifornien als Wanderarbeiter zu dienen. Die Klimaflüchtlinge der Zukunft werden nach Norden fliehen. Nur dort findet sich dereinst noch ein erträgliches Klima, und nur dort steht den Menschen dank den grossen Seen ausreichend Süsswasser zur Verfügung. Auf die Entvölkerung folgt alsbald die Entstaatlichung: Die Regierung sieht sich aus Kostengründen gezwungen, die unwirtlichen Küsten- und Wüstenregionen aufzugeben. Zurück bleiben Aussteiger, Einsiedler und marodierende Outlaw-Banden. Der Westen wird wieder wild.

Szenario: Balkanisierung

Ganz anders sieht es der emeritierte Ökonomie-Professor in Vermont. Sein Kleinstaat, erklärt Thomas Naylor, wird sich schon in naher Zukunft aus der Umklammerung Washingtons befreien. Damit wird ein Domino-Effekt ausgelöst: Hat sich erst mal ein Bundesstaat für unabhängig erklärt, werden andere schnell folgen. Das Resultat: eine Balkanisierung der USA. Ein Flickenteppich anstelle der halbwegs homogenen Staatenunion. Und noch etwas weiss der Professor: Die kleinen Republiken täten gut daran, sich bei der Gestaltung ihrer politischen Institutionen eng an das Vorbild der Schweiz zu halten.

Nochmals anders sieht die Zukunft im Büro von Jamais Cascio aus. Der kalifornische Futurologe und «Wall Street Journal»-Publizist hat unlängst drei Vorhersagen für die nächsten 50 Jahre veröffentlicht. Eines der Szenarien, die «lange Krise», beinhaltet unter anderem: einen nuklearen Konflikt zwischen Indien und Pakistan (2024), einen Nuklearen Winter (2024–2034), eine weltweite Hungersnot (2025–2028), einen Computervirus, der die Finanzmärkte lahmlegt (2037–2047), eine synthetisch erzeugte Weizen-Fäule (2037), die weltweite Hungersnot II (2038–2045), die Spaltung der USA in acht Staaten (2039) und den grossen russischen Bürgerkrieg, der durch den Einsatz schwerer biochemischer Waffen beendet wird (2039–2046). Immerhin: 2026 knacken afrikanische Bio-Hacker das Aids-Virus. Und 2051 gibt es ein globales Freudenjahr, weil die Gesamtbevölkerung der Erde erstmals seit 2020 wieder zugenommen hat. Sie liegt dann bei rund 6 Milliarden.

Das Unwahrscheinliche bedenken

Zugegeben, die Szenarien sind nach abnehmendem Wahrscheinlichkeitsgrad geordnet. Während der Rückzug an die Grossen Seen noch halbwegs realistisch erscheint, hätte man Jamais Cascio wohl schon lange für verrückt erklärt – betonte dieser nicht immer wieder, dass er selbst nicht an seine Szenarien glaube und dass es ihm auch gar nicht darum gehe, ein glaubhaftes Szenario zu entwerfen. «Fast alles, was ich über die Zukunft erzähle, wird sich als falsch herausstellen», sagt Cascio. «Aber einzelne Elemente meiner Szenarien werden uns in Zukunft begegnen. Und dann werden wir wissen, wie wir darauf reagieren können.»

Hier wird Josh Levins Artikelserie über das Ende der USA richtig spannend. Futurologen wie Jamais Cascio entwickeln ihre Szenarien nicht mit dem Ziel, die Zukunft präzise vorauszusagen – ihnen ist bewusst, dass das unmöglich ist. Futurologen arbeiten, um das Denken in neue Richtungen zu lenken. Oder andersherum: um sicherzustellen, dass auch das Unwahrscheinliche bedacht wird. Warum das so wichtig ist? Weil uns Menschen angesichts einer Zukunft, in der alles möglich ist, ein grober Denkfehler unterläuft: Wir halten uns an Wahrscheinlichkeiten.

Wahrscheinlich ist zum Beispiel, dass der islamistische Terror den Westen nicht zu Fall bringt. Wahrscheinlich ist auch, dass Diktaturen wie Nordkorea, Burma, Kuba oder China ihre Bürger nicht ewig in Unfreiheit halten können. Wahrscheinlich scheint auch, dass der Kapitalismus sich weiter über den Planeten verbreitet. Und es mag sogar wahrscheinlich sein, dass die Welt ihre Hunger-, Armuts- und Klimaprobleme irgendwann in den Griff bekommt.

Einzig: Dass am Ende alles genau so herauskommt, wie wir es aufgrund der einzelnen Wahrscheinlichkeiten erwarten, ist schrecklich unwahrscheinlich. Gerade so, wie es unwahrscheinlich ist, dass an einem Spieltag in der Super League nur jene Mannschaften gewinnen, die als Favoriten auf den Platz gehen. Sicher, in jeder Ausmarchung liegt der statistische Vorteil aufseiten der besseren Mannschaft. Aber dass sich in einem komplexen System mit Hunderten von zusammenhängenden Entscheidungen immer jenes Ergebnis mit der relativ höchsten Wahrscheinlichkeit einstellt, ist ausgesprochen selten. Man bezeichnet dieses Paradoxon als die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen. Um es zu verstehen, muss man kein Mathematiker sein. Da kann man jeden Sport-Toto-Spieler fragen.

Das wird die Welt erschüttern

Auf die Zukunft der USA und der Welt angewandt, sagt uns das Paradoxon Folgendes: Die scheinbar unaufhaltsame Verbreitung von Wohlstand und Demokratie wird durch unberechenbare, weil unwahrscheinliche Ereignisse gebremst, wenn nicht sogar ins Gegenteil verkehrt. Ein Erdbeben, ein Putsch, eine revolutionäre Erfindung, ja sogar ein Student, der auf einen Kaiser schiesst, vermögen eine Ereigniskette auszulösen, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Statt Stabilität herrscht Chaos, statt Friede und Freiheit: Schrecken ohne Ende.

Wer aber könnte ein Interesse an Szenarien haben, deren Vorhersagen sich grösstenteils als falsch erweisen werden? Ein Blick in die Kundenkartei von Jamais Cascios Institute for the Future, ein Think-Tank mit gut 30 Angestellten, zeigt Erstaunliches. Die Auftraggeber sind Regierungen, global agierende Konzerne, grosse Unternehmen und politische Organisationen. Sie alle entwickeln ihre langfristigen Strategien aufgrund von positiven und negativen Szenarien, die an den Schreibtischen der Futurologen entstanden sind. Dass die einzelnen Details dann nicht unbedingt stimmen, damit müssen sie leben. In einer globalen Perspektive ist es ja auch nicht von Belang, ob der nukleare Konflikt nun zwischen Pakistan und Indien, China und Nordkorea oder Israel und Iran ausbricht. Der Schaden wäre in jedem Fall gigantisch.

Grösser wäre er wohl nur, wenn sich die Maya-Vision des Kometeneinschlags bewahrheiten würde. Auch die Bedrohung durch einen Himmelskörper hat Jamais Cascio übrigens auf seiner Rechnung. Zwar nicht für 2012, dafür im Jahr 2033. Im Gegensatz zu Emmerichs Untergangsstreifen gibt es das Lodern im Himmel dann ganz umsonst – inklusive Happy End. Denn: 2029 werden die amerikanische und die chinesische Raumfahrtbehörde ein Programm zur Abwehr des Himmelskörpers lancieren. Und wenn die beiden Weltmächte zusammenspannen, dann kann ja nichts schiefgehen. Selbst Jamais Cascio sieht das so.

Josh Levins Artikelserie «How Is America Going to End?» findet sich unter www.slate.com.

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