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Redensart: Ewiger Schnee

Die Verschiedenheit menschlicher Sprachen ist immer wieder faszinierend: Sie regt zu Spekulationen an. Von der Frage nach dem Ursprung der Sprache bis hin zum Nachdenken über Beziehungen zwischen Sprache, Denken und Kultur. In diesem Zusammenhang geistern als Beispiel immer wieder die vielen Wörter für Schnee herum, die sich in Eskimosprachen angeblich finden sollen. In Kommunikationskursen wird gerne mit bedeutungsschwangerem Unterton dieses Beispiel genannt, das alle möglichen Zusammenhänge zwischen Sprache, Umwelt und Kultur illustrieren soll. Mal ist die Rede von 9, 13, vier Dutzend, 62 oder gar über 100 Wörtern für Schnee der Eskimo (oder Inuit, wie ihre Selbstbezeichnung lautet).

Exotischer Schnee der Eskimo

Erstmals in der Wissenschaft erwähnt werden diese Eskimowörter kurz nach 1900, und zwar in der Einleitung eines Handbuchs über die Sprachen der eingeborenen amerikanischen Völker. Vier Wörter werden dort angeführt: für Schnee, der auf dem Boden liegt; für Schnee, der fällt; für treibenden Schnee und für Schneeverwehungen. Die Wörter stehen als Beispiel für unterschiedliche Klassifikationen von Begriffen in verschiedenen Sprachen. In den 1940er-Jahren wurde das Beispiel wieder aufgenommen in einem bis heute populären Werk über das Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit. Dessen Autor, ein Versicherungsexperte mit grossem Interesse an sprachethnologischen Fragen, schreibt darin, für einen Eskimo sei ein Wort wie Schnee nahezu undenkbar. Es wirke für ihn allzu umfassend, deshalb müsse er für verschiedene Arten von Schnee verschiedene Wörter benützen. Ohne Wörter zu nennen, werden an dieser Stelle sieben Arten von Schnee erwähnt. Von da an hat dieses Beispiel ein Eigenleben entwickelt.

Das heisst nicht, dass die Eskimo tatsächlich so wortreich mit Schnee umgehen. Noch weniger heisst es, dass dies überhaupt besonders erwähnens-wert wäre. Verschiedene Gruppen von Menschen verfügen über einen unterschiedlichen und unterschiedlich reichhaltigen Wortschatz: Ein Kunstmaler kennt mehr Wörter für Farben, eine Ärztin kann Knochen und Muskeln genau benennen.

In Eskimosprachen finden sich von alters her keine Wörter für Papagei oder Palme, genauso wie in der Sprache arabischer Beduinen Wörter für Walross oder Eisberg fehlen. Dies ist eigentlich nicht weiter erstaunlich – dennoch üben die Schneewörter der Eskimo einen exotischen Reiz aus. Zudem wird bei Vergleichen oft die Differenziertheit der eigenen Sprache vergessen. Im Deutschen gibt es nicht nur ein Wort für Schnee, sondern eine Reihe von Ausdrücken für verschiedene Arten von Schnee: Harsch, Sulz, Firn oder Pulverschnee.

Wortballungen

Die Eskimosprachen werden von rund hunderttausend Menschen gesprochen, zur Hauptsache in Grönland, daneben im Norden Kanadas und Alaskas sowie in einem kleinen Teil Sibiriens. Die Suche nach Eskimowörtern für Schnee ist nicht einfach, weil diese Sprachen anders gebaut sind, besonders was den Unterschied zwischen Wörtern und Sätzen betrifft.

Durch Anhängen von Nachsilben an einen Wortstamm werden Wortballungen gebildet, die in anderen Sprachen Sätzen entsprechen. Dieser Umstand macht es schwierig, festzulegen, was als Wort zählen soll. Eskimosprachen nutzen das Wort bis aufs Letzte aus. Man könnte in dieser Logik auch sagen, dass es in ihnen eigentlich nur zwei Wortstämme für Schnee gibt, nämlich einen für Schnee, der fällt (Schneeflocken), und einen für Schnee, der liegt.

Die vielen Wörter für Schnee der Eskimo sind eine Art populärstwissenschaftlicher Firn: sachlich gesehen Schnee von gestern, der aber wegen der damit verbundenen Faszination als ewiger Schnee vermeintlichen Wissens liegen bleibt.

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