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Liselotte Pulver: «Verwöhnt vom Schicksal»

Sie war Vreneli und Piroschka, Fräulein Ingeborg und Tony Buddenbrook. Das ist alles lange her und unvergessen. Morgen feiert Liselotte Pulver ihren 80. Geburtstag.

Und jetzt sitze ich endlich Vreneli gegenüber, der unehelichen Tochter des «Hagel-Hans» mit dem grossen Herzen und dem nicht minder grossen Liebreiz. Für einen Moment kann ich es nicht fassen. Die entzückende Jungbäuerin war meine erste Fernsehliebe, seit ich sie als Achtjähriger in den Gotthelf-Verfilmungen «Uli der Knecht» und «Uli der Pächter» mit ungläubigen Kinderaugen verschlungen hatte. Ihretwegen fasste ich eine Zeit lang ernsthaft eine Zukunft als Bauer im Emmental ins Auge, natürlich sollte das Zentrum meines Wirkens der «Glungge-Hof» bilden. Aber eben, Vreneli erhörte den Uli und war ihm die beste Ehefrau, die sich ein Achtjähriger wünschen kann. Und sie waren ja wirklich ein schönes Paar.

Vreneli bestellt in der Cafeteria des Berner Burgerheims einen Eisbecher mit einer Vanille- und einer Erdbeerkugel, garniert mit Schlagrahm. Der Gast schliesst sich an. Wenn sie hier sei, sagt Liselotte Pulver mit einem Augenzwinkern, esse sie fast täglich eine Portion. Sie lächelt. In diesem Lächeln schlummert ihr berühmtes Donnerlachen. Ein Naturschauspiel sozusagen, wenn die Pulver zuerst den Kopf nach hinten wirft, den Mund weit öffnet und diesen Lach-Orkan entfacht. «Mein Lachen ist halt eine Tatsache», sagt Lilo Pulver lakonisch. «Es ist wie ein Reflex. Mich reizt alles zum Lachen, die kleinsten Dinge auf der Strasse oder in der täglichen Routine.» Das Lachen als Schutzschild gegen all die lauernden Zumutungen des Alltags und als anarchische Detonation unbändiger Lebenslust.

Curd Jürgens, ihr Filmpartner in «Gustav Adolfs Page», pflegte sie während der Dreharbeiten jeweils liebevoll als «Knallcharge» zu begrüssen. Ihre Schwester, die Publizistin Corinne Pulver, hat einmal über den Erfolg ihrer Schwester im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit räsoniert: «Das damals bis ins Innerste erschütterte deutsche Volk liess sich nur zu gern von einer Schweizer Träumerin trösten, die dem Ernst der Stunde nichts anderes entgegenzusetzen hatte als ein hartnäckiges Lachen.» Kino als Fluchtort, wo die Bernerin Lilo Pulver mit ihrem befreienden Lachen für viele Deutsche die Gespenster der NS-Vergangenheit verscheuchte.

Eintritt ins «Kloster»

Lilo Pulver macht sich lustvoll über die Glace her. Einige Minuten zuvor hatte ein Pensionär am Nebentisch seinen Tischgenossen aus einer Sonntagszeitung vom Vortag vorgelesen: «Lilo Pulver gehört zu den grossen Stars des deutschen Nachkriegsfilms – und bleibt damit eine der erfolgreichsten Schweizer Schauspielerinnen. Am 11. Oktober wird sie achtzig.»

Kaum ist der letzte Satz verklungen, erscheint die Gewürdigte leibhaftig in der Cafeteria; es ist kein Auftritt einer Diva, eher beiläufig mit federndem Schritt kommt die zierliche Frau auf einen zu. Der ältere Herr am Nebentisch schwenkt die Zeitung, «es steht etwas drin über Sie». Lilo Pulver bleibt stehen, beugt sich höflich über den Artikel, «den habe ich noch nicht gelesen». Später wird sie sagen, dass sie alle diese Geburtstagsartikel nicht lese; eine Bekannte von ihr sammle die Berichte und mache ihr ein Album zum Geburtstag. «Das Bild, das ist doch die Piroschka?», fragt eine Frau am Tisch. Allgemeines Nicken. «Ein gutes Bild», ergänzt der Mann. «Ja, das Bild ist gut», bestätigt Lilo Pulver trocken. Auf dem Bild aus «Ich denke oft an Piroschka» lächelt die ungarische Gänseliesel aus der Puszta uns in landestypischer Tracht arglos-vergnügt an – wer könnte diese Einladung ausschlagen?

Seit fast zwei Jahren hat Lilo Pulver – neben ihrem Hauptwohnsitz am Genfersee – in ihrer Geburtsstadt Bern vorübergehend ein Zimmer im Burgerheim gemietet. «Ich kann ja nicht bleiben, hier wird alles abgerissen und umgebaut.» Dieser Schritt brachte sie in die Schlagzeilen der Boulevardpresse, es wurde hemmungslos über die quälende Einsamkeit der «Frohnatur» und den gebrochenen Lebenswillen des «Glückskindes» spekuliert.

«Müssen wir uns Sorgen machen um Lilo Pulver?», fragte eine auf Royals und Fernsehprominente spezialisierte Schweizer Zeitschrift mit geheuchelter Anteilnahme, um gleichzeitig erbarmungslos die Kapitulation eines in die Jahre gekommenen Stars vor den Heimsuchungen des Alters zu verkünden.

In den Medien von ihr kolportierte Aussagen wie «Ich will meinen Lebensabend nicht mit Angestellten verbringen» und «Ich habe Angst, dass irgendwann all meine Freunde und Bekannten weg sind und ich die Letzte bin» machten die Runde. «Da kann man gar nichts dagegen machen», sagt Lilo Pulver zu diesen Gerüchten, «es hat keinen Sinn, das zu berichtigen.» Aber sie wundert sich über die Reaktionen: «Es scheint ein Tabu zu sein, wenn ältere Leute sich für betreutes Wohnen in einer Seniorenresidenz entscheiden.» Als ob sie hier im Getto wohnen würde. «Schauen Sie sich doch um, es ist hier wie in einem Hotel mit Restaurant, Coiffeur und Massage. Es ist eine Art Kloster, in das man eintritt», sagt sie und schmunzelt ob des Vergleichs. Lebt Liselotte Pulver, die 1964 im Film «La religieuse» von Jacques Rivette eine Äbtissin spielte, die sich in eine Novizin verliebt – lebt sie heute das Leben einer Nonne?

Abends schreibt sie Tagebuch

Als ihr 2007 in Berlin die Goldene Kamera für ihr Lebenswerk verliehen wurde, schilderte sie einer Boulevardzeitung ihren Alltag: «Ich lebe allein. Ich stehe morgens auf, trinke Kaffee, gehe spazieren, plane die nächsten Tage und Wochen. Abends gehe ich früh zu Bett.» Im Moment schreibt sie abends vor allem Tagebuch, «das ist meine Hauptbeschäftigung». An eine Veröffentlichung denkt die Autorin von vier autobiografischen Büchern nicht: «Es ist eine tägliche Buchhaltung, die ich für mich mache.»

Seit ihrer Kindheit hat sie regelmässig schreibend über ihr Leben nachgedacht, diese Tagebücher lagern jetzt in der Burgerbibliothek, «damit sie nicht in falsche Hände geraten». In der Porträtsendung der Reihe «Legenden», die im vergangenen Juni vom Ersten Deutschen Fernsehen über Liselotte Pulver ausgestrahlt wurde, sagte sie am Ende: «Man müsste das gleiche Leben noch einmal leben können. Man wüsste genau, wie mans machen müsste.»

Wo alles anfing: Von ihrem «Kloster» aus erreicht Lilo Pulver zu Fuss in einer Viertelstunde die Stätten und Schulen ihrer Kindheit, das Elternhaus etwa in der vorderen Länggasse, in dem heute ihr älterer Bruder wohnt. «Das ist schon einmalig in einer Zeit, in der alles abgerissen wird», sagt Lilo Pulver«, «alle Gebäude meiner Jugend sind noch da.» Es komme ihr auf den Spaziergängen manchmal vor, «als ob in Bern die Zeit stehen geblieben wäre».

Auf einer dieser Erkundungen habe ich sie, sportlich im rosaroten Trainer, vor Monaten einmal gesehen, selbstverständlich habe ich sie nicht belästigt. Aber ich suchte diskret den Augenkontakt, um ihr dezent zu signalisieren: Ich freue mich über diesen kurzen Moment der Begegnung. Sie kann sich natürlich nicht daran erinnern. Eigentlich werde sie in Bern kaum angesprochen auf der Strasse, «ich bin meistens ungeschminkt und schaue schon darauf, dass man mich nicht so einfach erkennt».

Eine Leinwand-Rachegöttin?

Geboren wurde Liselotte Pulver am 11. Oktober 1929 als jüngstes von drei Kindern in eine alteingesessene Berner Familie, der Vater war Tiefbau-Ingenieur, die Mutter Sängerin. Die Nachzüglerin war, wie Bruder Emanuel bezeugt, ein ausgesprochen «munteres Mädchen». Der jederzeit zu Spässen aufgelegte Familienclown wurde von der Mutter früh auf die Möglichkeit hingewiesen, ihr überschäumendes Temperament dereinst beim Theater auszuleben. Aber zunächst besuchte sie die Handelsschule und arbeitete eine Zeit lang als Mannequin, ehe sie am Berner Konservatorium die Ausbildung zur Schauspielerin absolvierte.

Sie hat es schon oft erzählt, wir möchten es dennoch nochmals aus ihrem Mund hören. «Frau Pulver, war tatsächlich Ihr unglückliches Liebesleben dafür verantwortlich, dass Sie Schauspielerin wurden?» Sie wiegt den Kopf hin und her: «Ich habe mit den schönsten Männern gefilmt, das war meine Rache.» Die erfrischend burschikose Lilo Pulver als eine im Innern von enttäuschter Liebe getriebene Leinwand-Rachegöttin? Sie winkt ab, während sie ihren Eisbecher auslöffelt. Als junges Mädchen habe sie kein Glück mit den Männer gehabt: «Entweder wurden meine Gefühle nicht erwidert, oder sie liessen sich zwar scheiden, aber nicht für mich.» Aber dieselbe Lilo Pulver sagt auch: «Man muss wissen, was man will. Ich wollte ganz nach oben, ich wollte den Oscar, ich war wahnsinnig ehrgeizig.» Ihr Filmdebüt gab sie 1949 in Leopold Lindtbergs «Swiss Tour» über amerikanische Soldaten auf Urlaub in der Schweiz.

Vorerst stand jedoch das Theater im Vordergrund, in Bern wurde sie nur auf «Gastspielbasis» für einzelne Produktionen engagiert, «aber ich wollte spielen». Am Schauspielhaus Zürich konnte sie dann rasch grössere Rollen in Goethes «Clavigo» und «Faust II», in Brechts «Dreigroschenoper» und in Schillers «Kabale und Liebe» übernehmen – auch erste Hosenrollen gehörten dazu, für die sie mit ihrer knabenhaften Erscheinung prädestiniert war.

«Auf der rosaroten Wolke»

Für den Film entdeckt wurde Lilo Pulver vom Produzenten Friedrich A. Mainz, der sie in Zürich sah und mit dem sie schliesslich zehn Filme machte: «Mainz hat mich irgendwie in meinem Wesen erkannt und wusste mich auf unmerkliche Weise zu korrigieren», sagt Lilo Pulver. Mainz hielt auch nach einigen Reinfällen zu seiner Entdeckung , «deshalb bin ich nicht frühzeitig untergegangen». Der grosse Durchbruch kam 1955 mit «Piroschka», ein Jahr zuvor hatte sie erstmals Vreneli gespielt, «das war für mich ein persönlicher Aufbruch». Den Erfolg von «Ich denke oft an Piroschka» kann sie sich noch heute nicht schlüssig erklären: «Es war ein gutes Buch, die Leute wollten ein Märchen sehen. Und ich als Figur war anders, eine so junge Frau sah man vorher nicht im deutschen Film.»

Der androgyne Wildfang aus der Heimat von Heidi war bald abonniert auf komödiantische Rollen («Die Zürcher Verlobung», «Das Wirtshaus im Spessart»). «Am Anfang segelte ich auf einer rosaroten Wolke, war blind für alle Fallstricke und Absturzgefahren», erinnert sich Lilo Pulver an die Unbekümmertheit der Jugend. Dabei hätte sie um ein Haar ihre vielversprechende Karriere früh zerstört. Sie hatte zwei Verträge, einen mit dem Schauspielhaus Zürich und einen mit dem Filmproduzenten Mainz. Und es kam, wie es kommen musste: Es gab Terminkollisionen, das Arbeitstier Pulver glaubte, die Verpflichtungen beim Film und im Theater nebeneinander erfüllen zu können. «Aber dann verlangte ich von Mainz mehr Geld für einen Film, in dem ich vorgesehen war. Und er warf mich kurzerhand raus.»

An ihrer Stelle lancierte eine andere Schweizerin in «Dr. Holl» eine grosse Karriere: Maria «Seelchen» Schell. Liselotte Pulver konnte zwar am Schauspielhaus spielen, glaubte aber nach dem Erfolg der Schell, mit der Filmkarriere sei es bereits vorbei «und niemand will mehr etwas von mir wissen». Aber sie versöhnte sich mit ihrem Förderer F. A. Mainz und avancierte zu einer der populärsten Filmschauspielerinnen in Deutschland: eine eigenständige, helvetisch geerdete Mischung aus Audrey Hepburn und Doris Day.

«Wir waren die Elite, Könige»

«Schampaar gekrampft» habe sie in diesen Jahren, eingedeckt mit Filmverträgen (sodass sie auch nicht in weiteren Gotthelf-Verfilmungen wie etwa «Die Käserei in der Vehfreude» mitwirken konnte), eine wegen ihrer Fröhlichkeit beliebte Kollegin ohne Allüren (die sich nach eigenen Aussagen in fast jeden ihrer männlichen Filmpartner verliebte), stets mustergültig vorbereitet und mit grosser Professionalität an der Arbeit. Die «komplexeste Rolle», die sie gespielt habe, sei die lebenslustige Tony Buddenbrook in der Verfilmung von Thomas Manns Familienroman 1959 gewesen.

«Eine unglaubliche Zeit war das, wir waren die Elite, Könige. Vor die Kamera zu dürfen, das war eine Auszeichnung, das haben wir entsprechend genossen.» 1957 spielte sie unter der Regie von Douglas Sirk in «Zeit zu lieben und Zeit zu sterben», einem Melodrama über deutsche Kriegsheimkehrer. Sie hatte gerade in der Verfilmung von Thomas Manns «Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull» (neben Horst Buchholz) mitgewirkt, als sie in den Ferien in Griechenland das Angebot von Sirk erreichte.

Gleichzeitig war sie für die Inszenierung von «Emilia Galotti» an den Salzburger Festspielen verpflichtet. «So bin ich jeweils todmüde zwischen Dreharbeiten und Theaterspielen hin und her gereist und war schliesslich so ausgepumpt, dass ich nicht das Maximum aus den Rollen herausholen konnte. Das war mein Fehler.»

So grossartig die Erfahrung war, in Salzburg mit «Schauspielermonumenten» auf der Bühne zu stehen: Das Theaterspielen betrachtet sie im Rückblick als eine «Energieverschwendung», niemand wisse heute mehr, dass sie in Salzburg gespielt habe. «Wenn ich jungen Schauspielern einen Rat geben darf, dann den: Bündelt die Kräfte, verzettelt euch nicht.» Es sei ihr eingeredet worden, dass die «Filmerei» minderwertig sei, Unterhaltung eben, und dass sie darum grosse Rollen am Theater spielen müsse. «Aber wenn man wirklich etwas erreichen will», sagt sie energisch, «muss man einen Plan haben. Nehmen Sie Audrey Hepburn, die hat nur etwa 20 Filme gemacht, ein Film war besser als der andere.»

Fast wäre sie ein Weltstar geworden

Zweimal lag die internationale Karriere in Griffweite, zweimal hat es nicht geklappt, «dafür könnte ich mich noch heute in den Hintern beissen». Lilo Pulver, der Fast-Weltstar. Ende der 1950er-Jahre war Hollywood auf das Berner Meitschi aus der Länggasse aufmerksam geworden. Sie erhielt Angebote, in den Monumentalfilmen «Ben Hur» und «El Cid» (beide mit Charlton Heston in der Hauptrolle) mitzuwirken.

Und wieder gab es Probleme mit Verträgen. In Deutschland sollte sie im Film «Gustav Adolfs Page» spielen, gleichzeitig wären die Dreharbeiten zu «El Cid» angelaufen. Lilo Pulver versuchte alles, beide Projekte gleichzeitig zu machen. Doch die Hollywood-Produzenten beanspruchten sie exklusiv. Schliesslich übernahm eine gewisse Sophia Loren Lilo Pulvers Part. «Wenn ich härter gewesen wäre, hätte ich gesagt, ich zahle die Konventionalstrafe für meinen Vertragsbruch in Deutschland und mache dafür ,El Cid‘, der mein Sprungbrett nach Hollywood hätte sein können.» Aber Pulvers Umfeld drängte darauf, dass sie ihre Verpflichtungen in Deutschland erfüllte.

Beschäftigt sie diese vergebene Chance heute noch? «Irrsinnig», lautet ihre prompte Antwort. Eine Dialogzeile aus einem Stück, in dem sie mitgespielt hat, kommt ihr in den Sinn: «Es ist schlimmer als ein Verbrechen, es ist ein Fehler.»

Als eine Kompensation für die verpasste Hollywood-Chance sieht sie ihre Mitwirkung in Billy Wilders in Berlin angesiedelter Kalter-Krieg-Satire «One, Two, Three» (1961), wo sie das ebenso tüchtige wie kesse Fräuleinwunder Ingeborg spielte und in einem gepunkteten Kleid zum Vergnügen von Kommunisten und Kapitalisten ausgelassen auf einem Tisch tanzte. «Um in einem Film von Billy Wilder mitzuspielen, hätte ich jede Rolle gespielt.»

Beruflich würde sie also anders handeln, «privat jedoch nicht»: Denn während der Dreharbeiten zu «Gustav Adolfs Page» verliebte sie sich in ihren Filmpartner Helmut Schmid, sie heirateten 1961 und gründeten eine Familie: 1962 wurde Sohn Marc-Tell geboren, 1968 Tochter Melisande.

Der veränderte Zeitgeist

Die zweite Chance auf eine internationale Karriere tauchte in der Gestalt des französischen Komikers Louis de Funès auf, der mit ihr Mitte der 1960er-Jahre einen Film in der erfolgreichen Reihe mit dem «Gendarm von St-Tropez» machen wollte. Lilo Pulver sollte seine Frau spielen. «Ich hatte aber gerade mein erstes Kind bekommen und keine Lust zu arbeiten.» So habe sie eine höhere Gage verlangt, gepokert und verloren. «Das war meine letzte Chance vor den 68er-Jahren. Ich habe damals wahnsinniges Pech gehabt, dass ich den veränderten Zeitgeist nicht früh genug wahrgenommen habe.» Dazu kam, dass der dritte Spessart-Film nicht mehr so erfolgreich wie erwartet war. In Deutschland hatte sich der «Neue Deutsche Film» und damit eine neue Generation von Regisseuren mit kämpferischen Parolen gegen «Opas Kino» zu Wort gemeldet. Und Liselotte Pulver, die unbekümmerte Galionsfigur des deutschen Nachkriegsfilms, erlitt einen Karriereknick.

1964 feierte sie in «Kohlhiesels Töchter» an der Seite ihres Ehemanns Helmut Schmid nochmals einen grossen Erfolg mit der virtuos interpretierten Doppelrolle eines unterschiedlich attraktiven Geschwisterpaars. Lilo Pulver erinnert sich gerne an den Film, eine freie Adaption von Shakespeares «Der Widerspenstigen Zähmung»: «Es hat viele spannende Brüche in diesem Stoff, die Hässliche der beiden Schwestern ist eigentlich eine tragische Figur.»

In einem Duett, das über Nacht zum Ohrwurm avancierte, singen die beiden ungleichen Schwestern: «Jedes Töpfchen find sein Teckelchen, jeder Kater find die Katz, jedes Knöpfchen find sein Fleckelchen, jedes Mädchen seinen Schatz.»

Mit ihrem «Schatz» Helmut Schmid machte sie später viel Tourneetheater. «Für mich war es ideal, einen Schauspielerkollegen zum Mann zu haben.» Wenn der Partner denselben Beruf ausübe, sei das gegenseitige Verständnis für die Bedürfnisse und Ängste des anderen grösser. Überhaupt ihr Mann. Lilo Pulver atmet hörbar aus: «Uhh! Er war eine Ausnahmeperson, sah fantastisch aus.» Aber die Tourneetheater hätten ihr viel Substanz geraubt, «darauf hätte ich lieber verzichtet». Später wandte sie sich dem Fernsehen zu, zehn Jahre gehörte sie zum deutschen Team der Kindersendung «Sesamstrasse». Ihre letzte grössere Rolle spielte sie 1996 in Sönke Wortmanns Komödie «Das Superweib».

«Innere Seelenruhe» mit Seneca

Wenn Lilo Pulver über ihre grosse Karriere spricht, über ihren Starruhm, wirkt sie nüchtern und frei von Nostalgie, obwohl sie gerne Anekdoten und Episoden erzählt. Sie scheint ihre eigene Karriere im Rückblick mit einer gewissen Distanz zu besichtigen – als ob dieser Filmstar, dem vor einem halben Jahrhundert ganz Deutschland zu Füssen lag, eine andere Person gewesen wäre. «Frau Pulver, haben Sie mit der Schauspielerei definitiv abgeschlossen?» Das ganze Drumherum behage ihr nicht mehr, die Lust zum Arbeiten fehle, gab sie vor einiger Zeit zu Protokoll. Sie schweigt einen Moment. Grosse Rollen würde sie, da sei sie realistisch, kräftemässig nicht mehr durchstehen. Aber der Hauptgrund sei ein anderer: «Die Menschen wollen mich nicht so sehen, wie ich heute aussehe, sie denken immer an die Rollen, die ich als junger Mensch gespielt habe.» Der Journalist protestiert und wittert Koketterie. Aber Lilo Pulver bleibt gelassen: «Wissen Sie, das ist eine Typfrage. Anne-Marie Blanc etwa konnte eine alte Frau spielen, ich dagegen wirke nicht alt, aber gleichzeitig bin ich auch nicht mehr so, wie ich einst war. Nein, die Leute wären enttäuscht.»

Ein 80. Geburtstag ist ein Anlass für eine Lebensbilanz. Eine Boulevardzeitung habe kürzlich geschrieben, ihr Leben sei gar nicht lustig gewesen. «Das ist nicht wahr», sagt Lilo Pulver, «ich wurde verwöhnt vom Schicksal und hatte viel Glück.» Wie alle Menschen habe auch sie Schicksalsschläge erlebt, «aber damit muss man rechnen».

Im Juni 1989 stürzte ihre 21-jährige Tochter Melisande vom Berner Münster in die Tiefe. Kurz darauf erlitt ihr Mann Helmut Schmid einen Schlaganfall; er starb 1992 im Alter von 67 Jahren. Corinne Pulver hat später in Büchern der Schwester vorgeworfen, Sohn und Tochter, die oft von Kindfrauen betreut wurden, auf Kosten der Karriere vernachlässigt zu haben. Dazu will sich Lilo Pulver nicht äussern. Sie bittet darum, ihre Tochter nicht «hineinzuziehen», und wenn sie erwähnt werde, dann solle nicht von Selbstmord gesprochen werden: «Was auch immer in den Medien behauptet wird, die Todesumstände sind bis heute nicht geklärt.»

Lilo Pulver bezeichnet sich als religiösen Menschen. «Ich habe eine persönliche Beziehung zum lieben Gott, er ist mein Freund, mit dem ich in einem ständigen Zwiegespräch bin.» Nach dem Tod ihrer Tochter schenkte ihr eine Bekannte ein Buch mit Schriften des römischen Philosophen Seneca. Die Stoiker lehrten die Kunst der Seelenruhe, die darin besteht, sich innerlich von allem loszusagen, was uns vom Schicksal entrissen werden kann. «Diese innere Seelenruhe zu erreichen, ist natürlich sehr schwierig, aber ich bemühe mich und orientiere mich daran. » Eines habe sie, sagt Lilo Pulver, gelernt: Nach einer «harten Phase» komme im Leben stets etwas, was Trost spende, «nur muss man es bemerken und ergreifen, dann geht das Leben weiter».

Nein, sagt sie mehr zu sich, sie habe sehr viel Glück gehabt in ihrem Leben. Plötzlich lacht sie auf, das Glück habe sie auch beim Autofahren nie verlassen, «ich überstand einige ziemlich schwere Unfälle ohne gravierende Folgen».

Selbstgespräche mag sie nicht

Lilo Pulver scheint mit sich im Reinen – nur die Selbstgespräche, die sie in letzter Zeit mit sich zu führen angefangen habe, «die gehen mir auf die Nerven, ich schimpfe dann mit mir und ermahne mich, mit dieser Unsitte aufzuhören».

Der Eisbecher in der Cafeteria des Burgerheims ist längst abgeräumt, Lilo Pulver begleitet den Gast noch zum Ausgang. Am 11. Oktober wird Vreneli 80 Jahre alt – unglaublich, aber wahr. Uli ist nicht mehr an ihrer Seite. Einer neuen Partnerschaft wäre sie nicht abgeneigt: «Ich suche aber keinen Mann, ich gebe auch keine Annoncen auf», stellt sie klar. Aber sie nehme an, dass da schon etwas im Busch sei: «Häufig ist es doch so, dass man sich in jemanden verliebt, den man schon lange kennt und von dem man nie auf die Idee gekommen wäre, dass er der Mann ist, der zu einem passt.» Das klingt nach einem Aufbruch zu neuen Ufern. So spricht keine Frau, die vom Leben nichts mehr erwartet.

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