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Geld und Geist, Town und Gown

Dieses Jahr feiert die Universität Cambridge ihr 800-jähriges Bestehen. Im Grunde könnte die Stadt gleich denselben Geburtstag mitfeiern. Den Marktflecken am Flüsschen Cam gab es zwar schon vor der Unigründung, doch alles was Cambridge ist (und je sein wird), geht auf seine berühmte Hochschule zurück: Cambridge ist der Prototyp der Universitätsstadt.

Es wird läuten, als würde die Stadt in Flammen stehen. Der Anlass ist allerdings ein feierlicher, wenn am heutigen Samstag die Glocken der Universitätskirche Great Saint Mary's ihre Melodien spielen werden, im Chor mit Dutzenden anderen Kirchen und Kapellen in Cambridge. Die Spitzenuniversität feiert ihr 800-jähriges Bestehen, und das will man nicht nur lokal feiern: Zum Start des Jubeljahrs sind die ehemaligen Absolventen aufgerufen, von möglichst vielen Orten der Welt aus zu gratulieren.Die Kleinstadt im Norden Londons fällt auf der Landkarte kaum auf, doch akademisch ist Cambridge eine internationale Grossmacht. Die Absolventen kommen aus der ganzen Welt – 5000 der insgesamt 18000 Studierenden und Doktoranden sind Ausländer. Nicht wenige von ihnen bringen es zu grosser Prominenz und tragen so den Namen ihrer Hochschule wiederum in die Welt hinaus. Cambridge hat über 80 Nobelpreisträger hervorgebracht – so viele wie keine andere Universität der Welt. Zu den Alumni und den ehemaligen Dozenten gehören Salman Rushdie, Nick Hornby, John Cleese, Ludwig Wittgenstein, John Maynard Keynes, Charles Darwin oder Erasmus von Rotterdam. Der Astrophysiker Stephen Hawking sitzt heute auf demselben Lehrstuhl wie Isaac Newton im 17. Jahrhundert. Was Cambridge auszeichnet, sind Tradition und Kontinuität.Studentenfutter im RittersaalVieles hat sich über die letzten 800 Jahre kaum geändert. Das wirkt gerne auch skurril: Studierende wohnen noch in jahrhundertealten Gebäuden, Mensen sehen aus wie Rittersäle, die gepflegten Rasenflächen dürfen nur die Dozenten betreten. «Als ich als Student hierher kam, fand ich diese Dinge natürlich merkwürdig», erzählt der Bauingenieur Keith Seffen, während er von seinem Büro mit den hohen Wänden und den Stuckaturen auf den neogotischen Innenhof des Colleges hinausblickt. «Aber unterdessen sehe ich, wie sehr sie das Fundament für Cambridge sind.» Zum Beispiel auch der erhöhte Tisch für die Dozenten in der Dining Hall, der Mensa – dieser markiere Autorität, und er zeige das Alter der Institutionen und Formen, die bis heute Erfolg garantierten.Seffen ist Fellow, also Dozent, im Corpus Christi College, einem von 31 Colleges, die gemeinsam mit den Fakultäten die Universität bilden. Sie tragen so klingende Namen wie King's oder Trinity und sind eigenständige, Internaten ähnliche Institutionen für je 200 bis 1100 Studierende und Doktoranden. Die ersten wurden im 13. Jahrhundert gegründet, als Cambridge noch ein Bauernstädtchen war. Heute ist Cambridge mit 125 000 Einwohnern und dem mittelalterlich gebliebenen Stadtkern, wo etwa jedes dritte Haus etwas mit der Uni zu tun hat, immer noch überschaubar klein. Doch die Universität liess die ganze Stadt allmählich zu einem Forschungszentrum sondergleichen werden, brachte Wachstum und Arbeitsplätze – akademische, aber auch für Handwerker, Pförtner, in Hausdienst und Administration – und lockt Touristen en masse an. Universitas mit ContainerhafenDie Zahl der Colleges vermehrte sich mit den steigenden Studentenzahlen kontinuierlich, jedes Jahrhundert kamen einige dazu, und so stehen heute ehrwürdige Bauten aus dem Mittelalter neben den jüngeren wie Churchill (1960), Darwin (1964) oder Robinson College (1977). Zentral geblieben ist aber immer das Prinzip, nach dem Studierende und Fellows im College in Ruhe leben und lernen, das College bildet eine Art akademische Burg. Drinnen, zwischen englischem Rasen und gotischer bis klassizistischer Architektur, glaubt man den intellektuellen Geist der Jahrhunderte zu spüren. Die Burg grenzt ab, gegen Ablenkungen der Stadt, gegen Störenfriede wie Touristen.Der Geist kommt (nicht nur, aber auch) mit dem Geld. Die Colleges verfügen über enorme finanzielle Mittel – Stiftungen und Schenkungen von ehemaligen Absolventen oder anderen Gönnern sowie Ländereien, die ihnen von alters her gehören. Trinity College, 1546 von Henry VIII gegründet, ist das grösste und reichste College. Der Rektor des Colleges, wo auch Prinz Charles studiert hat, wird noch immer von der Queen ernannt. Trinity soll über 700 Millionen Pfund an Stiftungsvermögen verfügen, plus immensen Landbesitz, darunter Teile der Innenstadt Cambridges und ein ganzer Containerhafen an der Küste.Ihre Mittel ermöglichen den Colleges einen Hochschulbetrieb auf höchstem Niveau, grosszügige Stipendien und eine Infrastruktur mit eigener Bibliothek, Mensa, Bar, Kapelle, Fitnessstudio und Hausdienst, der auch die Zimmer der Studierenden putzt. Der Unterricht in den Universitätsinstituten wird in den Colleges vertieft – einer der Hauptgründe dafür, dass die Ausbildung in Cambridge so gut ist. Im Einzelunterricht wird Stoff aus der Vorlesung repetiert, es werden Fragen geklärt, Aufgaben gelöst. Die Studierenden schwören darauf. Anonymität gebe es hier nicht, man müsse immer vorbereitet sein, werde aber auch sehr persönlich gefördert, sagt die Geschichtsstudentin Vicky Wilson. «Die Dozenten sind oft Koryphäen auf ihrem Gebiet, haben Standardwerke geschrieben. Der direkte Dialog im Unterricht mit ihnen bringt viel.»Aufgenommen wird in Cambridge, wer hervorragende Schulnoten hat und ein ausführliches Bewerbungsgespräch in einem der Colleges meistert. «Wir erkennen so, ob die Bewerber fachlich das Potenzial haben, aber auch, ob sie teamfähig und belastbar sind», sagt der Fellow Keith Seffen. Wer die Hürde nimmt, hat beste Chancen auf einen Abschluss. Die Abbrecherquote beträgt weniger als zwei Prozent.Oxford vs. Cambridge: Alte RivalitätTradition bedeutet jedoch nicht zwingend Konservativismus, denn Cambridge will gleichzeitig bei der modernen Spitzenforschung die Nase vorn haben. Der Spagat gelingt gut – in den Rankings der weltweit besten Universitäten belegt man jeweils Rang 2 oder 3. Geschlagen wird Cambridge regelmässig bloss von der amerikanischen Privatuniversität Harvard, im 17. Jahrhundert notabene gegründet von einem Cambridge-Absolventen. Mit ihrer Gründung im Jahr 1209 ist Cambridge eine der ältesten Universitäten Europas. (Vorläufer waren Bologna im 11. und die Pariser Sorbonne im 12. Jahrhundert, in der Schweiz folgte Basel 1460, Bern und Zürich erst im 19. Jahrhundert.) Zusammen mit Oxford war Cambridge während Jahrhunderten die einzige Universität Englands – eine Sonderposition, die sich bis heute stark bemerkbar macht. Absolventen aus Cambridge und Oxford – man spricht von Oxbridge, weil sich die beiden durch ihr College-System und ihre Reputation vom Rest der britischen Bildungslandschaft abheben – bilden eine Elite, die die britische Politik, Regierungsbehörden, Justiz und nicht zuletzt die Medien dominiert. In der Wirtschaft finden Oxbridge-Abgänger spielend Jobs und verdienen von Anfang an mehr als solche anderer Unis. Gewisse Stellenvermittler bieten gar nur Jobs für Oxbridge-Abgänger an.Das Verhältnis von Cambridge und Oxford ist geprägt von Respekt und Rivalität, vom Wissen, dass es in dieser Liga nur noch eine andere gibt – the other place, wie man in beiden Städten sagt. Eine Rivalität, die bei den Uni-Rankings genauso ihren Ausdruck findet wie bei den Sportwettkämpfen: Oft ist es zweitrangig, wie die Cambridger Rugby-, Cricket- oder Fussballteams in der Meisterschaft abschneiden – Saison-Höhepunkt sind die Matches gegen Oxford. Das Ganze kulminiert im «Boat Race», dem seit 1829 ausgetragenen Ruderrennen zwischen den beiden Uni-Mannschaften auf der Londoner Themse, einem knallharten Prestigekampf vor Millionen von (Fernseh-)Zuschauern.Konflikte zwischen Uni und StadtCambridges Anfänge gehen auf Oxford zurück: 1209 flohen Gelehrte aus Oxford, wo es schon seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert universitäre Schulen gab, weil sie sich in einem Gerichtsverfahren von der Justiz unfair behandelt fühlten, und gründeten im ruhigen Cambridge die ersten Lernhäuser, die Vorläufer der Colleges. Man ärgert sich in Cambridge auch 800 Jahre später noch ein bisschen darüber, dass die Erzrivalin Geburtshelferin war.Die Ankömmlinge aus Oxford lösten im beschaulichen Städtchen am Fluss Cam eine einschneidende und nachhaltige Entwicklung aus. «Die Uni war von Anfang an etwas Besonderes, sie hob sich von der Stadt ab», erzählt Doug Dennis, pensionierter Geschichtslehrer, der seit einigen Jahren als Touristen-Guide arbeitet. «Das führte immer wieder zu Konflikten.» Während wir über das Kopfsteinpflaster der Queens' Lane schlendern, erklärt er, die ersten Colleges seien von Königen, Adligen und Bischöfen gegründet worden. Das galt als religiöser Akt, die Vermittlung von Wissen wurde aus der Tradition von Kirche und Klöstern übernommen, viele Lehrer waren Kleriker. Entsprechend erhielten die Gelehrten von der Kirche und vom König Schutz und Sonderrechte. «Man stelle sich einmal vor», sagt Dennis, «die Gelehrten konnten nun den alteingesessenen Händlern Masse, Qualität und Preise für ihre Ware diktieren.» Und über Fragen der Moral in der Stadt habe der Uni-Rektor entschieden.Immer wieder lehnten sich die Städter gegen diese Bevormundung auf, am heftigsten 1381, als sie Colleges plünderten und eine grosse Menge von Büchern und Urkunden verbrannten – darunter auch viele, die man jetzt zum runden Geburtstag gerne vorzeigen würde. Die Krone liess sich jedoch nicht beeindrucken, sie erneuerte die Sonderrechte, ja weitete sie aus.Besonders einschneidend war, dass Gelehrte und Studierende, die in der Stadt angeklagt wurden, zum Beispiel wegen einer Schlägerei im Wirtshaus, innerhalb der Colleges nicht belangt werden konnten. Doug Dennis zeigt auf das wuchtige hölzerne Eingangsportal des Queens' College und den massiven Torturm, Baujahr 1448. Er steht hier wie ein überdeutliches Symbol für die Trennung zwischen Stadt und College, zwischen Town und Gown (wie der Talar, das schwarze Akademikergewand, im Englischen heisst).Rechtsfreier Raum College?Dennis hat vor 40 Jahren hier studiert, und auch ihm wurde noch gesagt, wenn er etwas angestellt habe, solle er sich im College verschanzen, hier sei er sicher. «Theoretisch hätte wohl nicht mal die Polizei mich holen können, ohne dass es der Rektor erlaubt hätte», sagt er und schmunzelt.Auch andere Pfeiler der Vormachtstellung der Universität hielten sich während Jahrhunderten. Bis weit ins 19. Jahrhundert konnte die Universität Prostituierte wegsperren lassen, Alkoholausschank und Theater lizenzieren. Bis 1974 hatte sie Anrecht auf vier Sitze im Stadtrat, und immer wieder gestaltete sie die Stadt um. Die Colleges brauchten Platz – und wollten diesen an zentraler Lage am Fluss. 1441 liess Henry VI ein ganzes Quartier am Cam dem Erdboden gleichmachen, Hunderte Häuser von Handwerkern und Kaufleuten verschwanden, weil der König dort das King's College plante. Allerdings zeigten er und seine Nachfolger sich dann als wenig entschlussfreudige Bauherren, gebaut wurde nur die heute weltberühmte gotische King's Chapel. Der Rest des Gebiets blieb fast 300 Jahre unberührt, Ödland an bester Lage.Die Verlockungen fernhaltenDie Colleges wuchsen und wuchsen, die Stadt dagegen blieb lange klein und ländlich, um 1800 hatte sie gerade mal 10000 Einwohner. Die Industrialisierung fand in Cambridge kaum statt, mangels Rohstoffen und weil die Universität kein Interesse an Fabriken hatte. Überhaupt, mit der Modernisierung tat man sich schwer: Im 19. Jahrhundert verhinderten die College-Oberen lange, dass die Eisenbahn nach Cambridge kam. Als 1845 doch ein Bahnhof gebaut wurde, geschah dies weit ausserhalb des Zentrums; der Weg zu den Versuchungen Londons sollte den Studenten nicht so leicht gemacht werden.In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Heiratsverbot für Fellows aufgehoben, neue Akademikerfamilien entstanden. Zudem nahmen die Studentenzahlen stark zu, nicht zuletzt auch, weil nun Frauen an die Universität durften (wobei Cambridge ihnen erst 1948, als letzte britische Uni, auch Abschlussdiplome gab). Zusammen mit dem allgemeinen Bevölkerungswachstum – die Stadt hatte Anfang des 20. Jahrhunderts 40000, 1950 doppelt so viele Einwohner – wurde es bald einmal zu eng im Zentrum. Expandieren, etwa um neuen Wohnraum zu schaffen, war aber nur möglich, wenn die Colleges ihr Plazet gaben – und geben, denn bis heute besitzen sie viele Grundstücke in der und um die Stadt. Als Francis Crick und James Watson 1953 in Cambridge die Struktur der DNA entdeckten, forschten sie noch mitten im Zentrum, im Cavendish-Labor. 1973 zog dieses in moderne Gebäude im Westen der Stadt. Dort entstanden auch die jüngeren Colleges. Der grosse Boom für Cambridge kam in den 70er-Jahren. Auslöser war wieder die Universität, als sie den ersten Science Park für externe Firmen gründete, die in der Forschung tätig sind und die Studienabgänger und Know-how benötigten. Die Uni setzte ein besonderes Schwergewicht auf Naturwissenschaften und lockte bis heute Tausende Firmen in den Grossraum Cambridge, beispielsweise im Biotech- und IT-Bereich. Sie bringen gut bezahlte Arbeitsplätze; es entstand eine wirtschaftliche Topregion, die ständig weiter wächst – und die unter ihrem eigenen Erfolg leidet. Die Stadt wird täglich vom Pendlerverkehr überrollt, die Hauspreise stiegen markant. Als Doug Dennis eine Familie gründen wollte, blieb ihm wie vielen anderen nichts anderes übrig, als ins Umland zu ziehen, um sich ein Haus leisten zu können. Er sagt, die Konflikte zwischen Town und Gown hätten sich heute abgeschwächt, das Symbiotische dominiere. «Es ist wie eine mittelmässige Ehe; oft gab es Streit, aber es kam nie zur Scheidung, man hat sich arrangiert.»Ein elitärer, abgeschlossener Zirkel? Für die aus Cambridge stammende Studentin Vicky Wilson war der universitäre Kosmos lange etwas Fremdes, «die Colleges waren eine andere Welt in meiner Stadt, zu der ich keinen Zutritt hatte». Eigentlich habe sie immer ein wenig über die Studierenden gelacht, erzählt die 28-Jährige, «wenn sie mit ihren Schals und Talaren herumliefen». Reiche Schnösel an einer Oberschicht-Uni – so stellt man sich die akademische Welt in Cambridge gemeinhin vor. Was früher, als Adlige noch viel zahlten und prüfungsfrei Diplome erhielten, richtig war, ist heute ein Vorurteil, gegen das die Universität verzweifelt ankämpft: Jeder mit guten Noten sei willkommen; wer sich das Studium nicht leisten könne, der erhalte in Cambridge mehr Stipendien als anderswo. Allerdings kommen noch immer über 40 Prozent der Cambridge-Studierenden aus Privatschulen, obwohl diese nur rund 6 Prozent aller Schüler ausbilden. Die Universität gelangt deshalb an staatliche Schulen, versucht dort das Image der Oberschicht-Uni zu korrigieren, zu erklären, dass mit Elite einzig akademische Spitzenleistung gemeint sei. Pachtverträge über 350 JahreBei Vicky Wilson hat es funktioniert. Als sie von einem Programm des Lucy Cavendish College für Studierende im fortgeschrittenen Alter hörte, wagte sie doch noch den Schritt in die andere Welt. «Ich war nervös, glaubte die ganze Zeit, gleich klopfe mir jemand auf die Schulter und weise mich hinaus, weil ich nicht hierher gehöre», erzählt sie. Doch nichts dergleichen. Sie hat unter den Kommilitonen «ganz normale Leute» getroffen, die klug, aber nicht abgehoben sind. Sie fühlt sich zunehmend zu Hause, baut jenes Selbstvertrauen auf, das diese besondere Universität vermittelt. Das Wissen, zu den Besten zu gehören.Es ist das Selbstvertrauen einer Hochschule mit 800 Jahren Erfolg im Rücken. Als die Universität in den 90er-Jahren einen viktorianischen Bibliotheksbau im Zentrum nicht mehr benötigte, verpachtete sie ihn an ein benachbartes College. Für eine Laufzeit von 350 Jahren. Dies ist der zeitliche Horizont, mit dem man hier plant.>

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