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«Ganzheitlich denken»

«Kleiner Bund»:Können Sie einige Beispiele nennen, wie Hersteller Produkte so gestalten, dass sie schnell verschleissen?

Walter Stahel:Die besten Beispiele sind Produkte, deren Bestandteile nicht ersetzt werden können. Bei einem Laptop sind das die Batterien, beim Auto Elektronikteile, beim Kühlschrank Dichtungen und so weiter. Aber die Technik ist nur die eine Seite des geplanten Verschleisses.

Und die andere Seite?

Man bringt die Leute dazu, zu kaufen, was sie nicht brauchen. Ein Taxi fährt im Durchschnitt 600000 Kilometer, ein Privatauto wird nach 100000 Kilometern ersetzt. Der Taxifahrer braucht sein Auto als Werkzeug; für den privaten Autobesitzer ist es ein Spielzeug, das man gerne ersetzt. In den USA ist «planned obsolescence» ein gebräuchlicher Begriff, hierzulande jedoch kaum. Woran liegt das?

Die Angelsachsen sind ehrlicher. Zudem gibt es vor allem in Deutschland eine ausgeprägte Technologiekultur. Der deutsche Ingenieur ist erzogen im Glauben, dass das Neue auch das Bessere sei. Die Amerikaner sind da skeptischer.

Ist denn das Neue nicht besser?

Ich besitze einen 39-jährigen 6-Zylinder-Jaguar mit einem 2,8-Liter-Motor. Der braucht weniger Benzin als der neueste VW mit demselben Motor. Oder nehmen Sie einen Kühlschrank: Ein neuer Kühlschrank, der auf dem Balkon an der Sonne steht, ist weniger effizient als ein alter im kühlen Keller. Wenn die Leute den Kühlschrank falsch platzieren, können Sie aber nicht den Kühlschrankhersteller dafür verantwortlich machen.

Die Werbung betont, dass ein Kühlschrank effizienter sei. Das kann die Leute dazu verleiten, ihn am falschen Ort aufzustellen. Es geht mir darum, dass man ein ganzes System betrachtet, also nicht nur das Gerät, sondern auch, wie es eingesetzt wird. Noch ein Beispiel: Heute gibt es Waschmittel, die mit kaltem Wasser waschen. Da ist die älteste Waschmaschine plötzlich effizienter als die neueste der Energieeffizienz-Klasse A, wenn man ihr Heizaggregat ausschaltet. Aber mit solchen Einsichten verkauft man natürlich keine Waschmaschinen.

Sowohl das Bundesamt für Umwelt als auch Umweltorganisationen betreiben einen grossen Aufwand, um die Leute zum Kauf energieeffizienter Geräte zu verleiten. Ist das also zu kurzsichtig?

Natürlich. Niemand denkt ganzheitlich. Dabei hiesse Nachhaltigkeit primär: ganzheitlich denken.

Könnte eine wachsende Wirtschaft ohne einen immer schnelleren Verschleiss überhaupt auskommen?

Eine Wirtschaft mit gesättigten Märkten braucht zweifellos den Verschleiss. Das Problem ist, dass wir wirtschaftlichen Erfolg am Bruttosozialprodukt messen, also daran, wie viel Material durch die Wirtschaft hindurchgeschleust wird. Wie könnte man es besser machen?

Man soll wirtschaftlichen Erfolg am Nutzwert der vorhandenen Güter messen, nicht an Produktionszahlen. Ich nenne das eine «performance economy», eine Dienstleistungs-Wirtschaft. Eine Wäscherei ist ein Beispiel für eine solche Wirtschaft: Sie verkauft eine Dienstleistung, kein Gerät. Sie nutzt Waschmaschinen als Werkzeug und nicht als Spielzeug, und sie hat kein Interesse an schnellem Verschleiss.

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