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Der Geist des alten Abe

Vor zwei, drei Jahren konnte man jeweils frühabends auf der Mall, der mehr als drei Kilometer langen, von Monumenten und Museen gesäumten Achse quer durch Washington D.C., einen schlanken schwarzen Jogger sehen, der sein Fitnessprogramm kurz unterbrach, um die Stufen des Lincoln Memorial hinaufzuspurten und dort kurz innezuhalten, mit seinen Gedanken allein. Er liess seinen Blick über die gigantische Statue Abraham Lincolns gleiten und über die in die Wände dieses Tempels der Demokratie eingemeisselten wichtigsten Reden des frühen Präsidenten, in denen er von der «Wiedergeburt der Freiheit» gesprochen hat, von grossen nationalen Krisen, die in gemeinsamer Anstrengung überwunden werden, und davon, dass die «Regierung des Volkes, für das Volk, durch das Volk» nicht von der Erde verschwinden dürfe. Dann wandte der Jogger sich um, lief zurück zu seinem Appartement und bereitete sich auf den nächsten Arbeitstag im Kapitol vor. Dort vertrat er als «Junior Senator» den Staat Illinois. Sein Name war Barack Obama, und in ihm reifte allmählich ein Plan. Es gehört zu den ersten und vergleichsweise angenehmen Pflichten des 44. Präsidenten, seinen Landsmann aus Illinois zu ehren. Nur drei Wochen nach Obamas Amtseinführung feiern die USA am 12. Februar den 200. Geburtstag Lincolns, der vielen nach wie vor als der grösste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten gilt – weil er mit staatsmännischer Weisheit und unbändiger Zuversicht die USA durch ihre schlimmste Krise steuerte. Obama hat sich in seinem langen Wahlkampf immer wieder auf Lincoln berufen. Zur Verkündung seiner Kandidatur im Februar 2007 hat er das alte State-House von Illinois als Kulisse gewählt – jenes Parlamentsgebäude, in dem der Abgeordnete Abraham Lincoln einst verkündet hatte: «A house divided cannot stand!» Ein sehr untypischer PräsidentWas damals der Spaltung in einen sklavenhaltenden Süden und einen «freien» Norden galt, ist auch heute eine Mahnung. Der 44. Präsident will das Schisma zwischen dem blauen und dem roten Amerika, zwischen Demokraten und Republikanern, und die daraus resultierende politische Blockade, vor allem im Kongress, überwinden. Lincoln liegt in den bei den amerikanischen Historikern so beliebten «Presidential Rankings» stets in der Spitzengruppe, und auch beim historischen Laienpublikum, der breiten Bevölkerung, erfreut sich der Mann aus Illinois einer ungebrochenen Verehrung. Zu dieser trägt neben seiner erhabenen Position als Retter der nationalen Einheit und als Sklavenbefreier vor allem bei, dass er geradezu perfekt den amerikanischen Traum personifizierte.An den Stationen seines Lebens können sich Besucher vom steilen Aufstieg Lincolns überzeugen. Er kam am 12. Februar 1809 in einer fensterlosen Blockhütte im ländlichen Kentucky zur Welt (heute steht nur noch eine Replika des ärmlichen Baus, die aber nichtsdestotrotz eine Touristenattraktion darstellt). Er bleibt bis heute eine Ausnahmeerscheinung unter allen Präsidenten: Vor ihm kamen überwiegend Grossgrundbesitzer wie George Washington und Thomas Jefferson in das höchste Amt, nach ihm überwiegen in der Galerie der Präsidenten Millionäre wie Theodore und Franklin D. Roosevelt, wie John F. Kennedy und beide Bushs. Amtsübernahme – und Krieg Lincoln vermochte die Menschen bei seinen zahlreichen Auftritten zunächst als lokaler Politiker und Kongressabgeordneter für seine Wahlheimat Illinois durch zwei Eigenschaften zu überzeugen, die man ihm abnahm, die authentisch bei ihm wirkten: Er war «humble Abe» (Abraham) und «honest Abe», der ehrliche und dabei immer demütige Mann, dem nie Dünkel kamen und der vom Typus des Durchschnittspolitikers so angenehm abwich. Wäre Lincoln auch «gross» gewesen, hätte er in ruhigen Zeiten präsidiert? Eine hypothetische Frage, denn das Land war unaufhaltsam auf dem Weg, eine historische Randnotiz zu werden. Die Gründerväter von 1776 hatten es «in Freiheit konzipiert», doch der Abfall der sklavenhaltenden Staaten des Südens machte es fraglich, ob eine so entstandene Nation «lange Bestand haben» kann. So formulierte er es, in seiner berühmtesten Rede, der «Gettysburg Address». Gehalten hat er sie mitten im Bürgerkrieg, bei der Einweihung eines Friedhofes im November 1863, auf dem Tausende bestattet wurden, denen er das höchste Opfer abverlangt hatte, um eine «neue Geburt in Freiheit» möglich zu machen. Sein Glaube an die Kraft, an die Überlebensfähigkeit, nein, die Überlebenswürdigkeit der Demokratie war so gross, dass er – was nie ein Krieg führender Regierungschef getan hatte – sich im November 1864 dem Urteil des Wahlvolks stellte. Obwohl kaum eine Familie ohne Verlust auf den Schlachtfeldern war, beauftragte ihn das Volk, «die Wunden der Nation zu verbinden» – so formulierte er es selbst bei seiner zweiten Amtseinführung im März 1865. Es sollte nicht dazu kommen, das Attentat am Karfreitag 1865 versetzte Amerika noch eine weitere schwere Wunde. Dennoch war das Amerika, das Lincoln hinterliess, ein neues Land. Ein Land voll ungezügelter Dynamik, das den Rest des Kontinentes erschliessen und dann zur Gross- und zur Weltmacht aufsteigen würde. Ein Land, das jedem seine Chance gab. Und das dies irgendwann in der Zukunft sogar unabhängig von der Hautfarbe tun würde.Die Schwarzen endlich am Ziel Wenige Tage vor seiner Amtseinführung besuchte Barack Obama erneut das Lincoln Memorial. Diesmal nicht allein und weithin unbemerkt, sondern umgeben vom Secret Service und von einem Medienpulk verfolgt. Er schritt um die grosse, wahrhaft majestätische Statue und blickte von jenem Punkt zu seinem Übervater auf, von dem aus das marmorne Antlitz ein leichtes Lächeln zeigt. Fast schien es, als wollte der alte Abe, mit sich selbst zufrieden, seinem Besucher zuraunen: «Mission accomplished.» Ronald D. GersteRonald D. Gerste hat eine Biografie über Lincoln verfasst: Abraham Lincoln. Begründer des modernen Amerika. Pustet-Verlag, Regensburg, 2008, Fr. 47.50. >

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