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Das molekulare Staunen

Als Student der Molekularbiologie lernt man, wie das körperliche Wunderwerk im Detail funktioniert. Man lernt auch, dass die Evolution perfekt erklärt, wie dieses Wunderwerk hat entstehen können. Und die Ehrfurcht, die einen dabei zuweilen überfällt? Hat die etwas mit Religion zu tun?

Die Fronten sind klar: hier die rationalen Darwinisten, dort die eifernden Kreationisten. Hier sämtliche ernst zu nehmenden Biologen, dort die Wahrheitsverdreher. Das Darwin-Jubiläum ist wieder mal Anlass, die Truppen zu sammeln. Und man gerät besser nicht in die Schusslinie, denn eh man sichs versieht, pfeifen einem die Kugeln nur so um die Ohren.

Der Kreationismus, der einen Schöpfergott verteidigt, dem wir die Entwicklung des Lebens verdanken, stelle eine grosse Gefahr für die Wissenschaft und somit für unsere ganze aufgeklärte Gesellschaft dar – schiessen die Biologen. Der Darwinismus sei eine arrogant vorgetragene und seelenlose Theorie und unterwandere die Grundwerte unserer Kultur, unsere Werte und Moral – schiessen die religiösen Fürsprecher. Wissenschaftliche Wahrheit gegen Glaubenswahrheit. Entweder oder.

Ich bin kein besonders gläubiger Mensch. Das Religiöse an sich, als Teil unserer Weltvergewisserung, interessiert mich aber durchaus. Ich glaube nicht an einen christlichen Gott, ich bin aber auch kein Atheist; ich finde es sogar einigermassen sonderbar, steif und fest an eine Nichtexistenz zu glauben. Mit dem Glaubensgebilde der Kreationisten, von denen sich viele an eine wörtliche Auslegung der Bibel halten, habe ich nicht viel am Hut. Und doch konnte ich als Student der Molekularbiologie oft nicht anders, als mich im Geiste ein wenig zu ihnen zu setzen. Da waren immer wieder Momente, in denen mir nicht ganz klar war, in welcher Mannschaft ich spielte.

Der Körper ist ein komplexes Ding, das weiss man schon nach ein paar Biologiekursen über Physiologie. Aber je genauer man hinschaut, je detaillierter das Bild wird, desto unfassbarer wird die Sache. Ein paar Zahlen: Im menschlichen Körper wirken etwa 20000 bis 30000 Gene (so genau weiss man das auch nach der vollständigen Kartierung des Genoms noch nicht, Gene sind auch so eine schwer fassbare Sache), und diese koordinieren die Herstellung von womöglich einer Million verschiedener Enzyme, jedes mit einer spezifischen Aufgabe betraut. In den Zellen, den Blutbahnen, im hintersten Winkel jedes Organs spielt jederzeit ein formidables chemisches Orchester: Gene werden abgelesen, Enzyme formieren sich und machen sich an anderen Molekülen zu schaffen, Signalstoffe werden ausgeschüttet und wieder neutralisiert. Es müsste, könnte man dem Treiben tatsächlich zuschauen, ein Wimmelbild sein, das einen schwindeln macht.

Es war ein seltsames Gefühl: Ich wusste, die Erklärungsmuster sind so weit konsistent. Es klaffen keine grossen Löcher in den Modellen (mal abgesehen vielleicht vom ersten Anfang, von der Entstehung des Lebens). Zu allen diesen hochkomplexen Mechanismen, wie man sie in entwickelten Organismen findet, kennt man simplere Vorläufer – man hat also durchaus eine ungefähre Ahnung davon, wie sich diese verblüffende Komplexität hat entwickeln können. Und doch sass ich immer wieder staunend vor den Vorlesungsunterlagen und fragte mich, wie das sein kann, dass sich aus zufälligen Mutationen ein so perfekt ineinandergreifendes Räderwerk ergeben hat. Ein Räderwerk, so fein ziseliert und fragil, dass ich mich weiter fragte, wie es sein kann, dass es normalerweise ohne grosse Schwierigkeiten dreht, sechzig, siebzig Jahre lang. Natürlich, ich lernte auch, dass es nicht nur hochkomplexe Primärmechanismen gibt, sondern oft auch gleich den passenden Reparaturmechanismus dazu, der sofort greift, falls mal etwas schiefläuft. Aber auch da wieder: Meine erste Regung war grosses Staunen und Ehrfurcht und nicht das zufriedene innere Nicken, wie es sich einstellt, wenn wir beispielsweise einen mathematischen Beweis nachvollzogen haben.

Wäre ich gläubig gewesen, jede dieser Stunden am biophysikalischen Institut hätte mir Gott wohl noch viel deutlicher vor Augen geführt. Aber ich war nicht gläubig, und ich bin es durch das «metaphysische Gruseln», das mich in den Vorlesungen immer wieder überkam, auch nicht geworden – insofern kann ich auch mit den Horrorszenarien der Darwinisten nicht viel anfangen, die sich vor der Beeinflussung der Öffentlichkeit durch die Kreationisten (vor allem in der weniger tumben Form des «Intelligent Design») fürchten. Wer an einen Gott glaubt, wird sich davon durch biologische Fakten nicht abbringen lassen, und wer nicht gläubig ist, der wird es nicht plötzlich deshalb, weil ihm die Evolution bei näherer Betrachtung immer unfassbarer wird.

Solche Fragen beschäftigten mich aber bloss im Stillen, in den Vorlesungen wurden sie nie berührt, die Professoren schichteten stoisch Fakten auf Fakten, Detail auf Detail, diskutiert wurden Methoden, nicht Weltbilder. Das ist nicht weiter erstaunlich, die Molekularbiologie ist ein Fach auf der Höhe des Erfolgs, die wissenschaftlichen Zeitschriften vermelden allwöchentlich neue Einsichten in die Maschinerie des Lebens. Wer will es den Forschern da verdenken, dass sie sich nicht mit Philosophie aufhalten. Umso erstaunlicher, dass die Biologen, werden sie auf den Kreationismus angesprochen, zumeist mit heftiger Ablehnung reagieren. Weshalb quittieren sie die Anwürfe von religiöser Seite nicht einfach mit einem Schulterzucken?

Wenn Physiker über das Universum reden, dann tun sie sich üblicherweise nicht weiter schwer, eine gewisse Demut zu zeigen, wo es um den ersten Ursprung oder um die Geheimnisse im Aufbau des Alls geht. Gott hat in den Kosmologien der Physiker durchaus Platz, Einstein zum Beispiel hat das so formuliert: «Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern oder staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen. Zu spüren, dass es hinter allem, was wir erleben können, etwas gibt, das unser Geist nicht erfassen kann, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur indirekt berührt: Das ist Religiosität. In diesem Sinne, und nur in diesem, bin ich ein tiefreligiöser Mensch.»

Das ist natürlich keine Religiosität, wie sie die Mehrzahl der Kreationisten praktiziert. Mit einem lenkenden und strafenden Gott konnte Einstein nicht viel anfangen. Der antireligiöse Eifer vieler Darwinisten wäre ihm aber wohl auch sauer aufgestossen.

Warum also tun sich gerade die Biologen so schwer, sich mit der Religion zu arrangieren? Warum die Unversöhnlichkeit von beiden Seiten, warum der Furor, mit dem religiöse und atheistische Positionen vertreten werden? Rückt man die Perspektive zurecht, ist die Antwort im Grunde einfach: Es geht nicht um einen «Kampf der Kulturen» oder Weltanschauungen, es geht nicht um Wissenschaft gegen Religion, um Aufklärung gegen dumpfen Glauben. Der Streit ist im Wesentlichen ein politischer, es geht um Macht. Die Kreationisten wollen mehr Einfluss auf die Bildung, die Vertreter der Wissenschaft wollen ihre dortige Vormachtstellung nicht einfach preisgeben. Und je mächtiger der religiöse Einfluss in der Politik wird, desto kleiner werden die Forschungsbudgets der Biologen. Es geht um Pfründe, nicht um Argumente.

Ich merkte während meines Studiums, dass ich mich in diesem Ringen weder auf die eine noch auf die andere Seite schlagen mochte. Und so übte ich einen Spagat, bei dem es mitunter ein wenig kneift in den Hirnwindungen, der sich aber trotzdem lohnt: Dinge nämlich als wahr und richtig anzusehen und sie gleichzeitig einigermassen unglaublich zu finden.

Vorgemacht hat das übrigens niemand anderes als Darwin. «Meine Theologie ist ein rechtes Wirrwarr», sagte er 1870, «ich kann das Universum nicht als das Resultat eines blinden Zufalls ansehen, und gleichzeitig kann ich keinen Beleg für einen wohlgestalten Entwurf finden.» Da wo wir nicht wirklich verstehen, was wir verstehen, bleibt viel Platz für Religion. Noch einmal Einstein: «Wissenschaft ohne Religion ist lahm. Religion ohne Wissenschaft ist blind.» Das galt in den Anfängen der Wissenschaft. Es galt zu Darwins Zeiten. Weshalb sollte es heute nicht mehr gelten?

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