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Das eingeplante Ablaufdatum

Man kann ein Gerät so bauen, dass es eine begrenzte Lebenszeit hat. Man kann den Konsumenten aber auch ein Modebewusstsein einimpfen und die Trends dann möglichst rasch wechseln lassen. Der programmierte Verschleiss hat viele Gesichter – bloss zeigt er sie nicht gern offen.

Vor gut hundert Jahren, im September 1908, verliess das erste Modell T von Ford die Fabrik. 15 Millionen Stück des legendären Autos wurden bis 1927 hergestellt. Das Erfolgsrezept war einfach: Das Modell T war billig und gut. Doch damit war auch die Grenze des Erfolgs abgesteckt: Irgendwann würden alle eines haben, und so schnell brauchten sie kein neues – denn das Auto war unverwüstlich. «Alle»: Das hiess im Jahr 1920 bereits 55 Prozent aller Haushalte in den USA. Zu dieser Zeit versuchte General Motors, dem Konkurrenten Ford mit einem Chevrolet Paroli zu bieten, der besser sein sollte als das Modell T. Er floppte. Also versuchte es GM noch einmal mit einem Auto, das nicht besser sein sollte, aber schöner: Der 1923er-Chevy liess die «Tin Lizzie» (Blechliesel), wie Fords Modell T im Volksmund hiess, wie einen Traktor aussehen. Jährlich neue Modelle und neue Farben liessen aber auch die Chevrolets des Vorjahres alt aussehen. So vergrösserte GM seine Absatzmöglichkeiten und brachte die Leute dazu, schneller als nötig ein neues Auto zu kaufen. Die Strategie ging auf: Ford geriet in Bedrängnis.Es führt eine direkte Linie vom 1923er- Chevy zum iPhone von heute. Beide Industrieprodukte sind nicht darauf ausgelegt, möglichst lange zu funktionieren, sondern darauf, möglichst schnell ersetzt zu werden. Schliesslich wollen die Produzenten möglichst viel verkaufen. Die Milch von gestern trinken?In den 1920er-Jahren forderten Wirtschaftsverbände und einflussreiche Marketingfachleute in den USA eine Umwertung der Werte: Sparsamkeit sei schlecht, denn sie bremse die Wirtschaft; Verschwendung hingegen treibe sie an. Das Stichwort dazu hiess «planned obsolescence»: Die Industrie solle das Veralten respektive den Verschleiss – englisch «obsolescence» – ihrer Produkte aktiv planen. Der Werber Justus George Frederick beklagte sich, dass manche Leute «heute die Reste der Milch von gestern trinken, statt sie wegzuschmeissen und frische Milch zu trinken», und proklamierte die «vernünftige Philosophie des Verschwendens». Als kurz darauf die Weltwirtschaftskrise ausbrach, meinten einige, jetzt müsse erst recht verschwendet werden, um den Konsum anzukurbeln. Sie schlugen vor, Expertenkommissionen sollten für Industrieprodukte eine maximale Lebensdauer bestimmen; und nach Erreichen dieser Frist müssten die entsprechenden Produkte konsequent aus dem Verkehr gezogen werden.So offen preist den Verschleiss heute niemand mehr. In den 1950er-Jahren wurde der Begriff «planned obsolescence» vom konsumkritischen Journalisten Vance Packard als Negativbegriff popularisiert. Heute, sagt der Ökonom Ulf Schrader von der Uni Hannover, heisse das Zauberwort «Innovation». Dahinter verberge sich aber oft nichts anderes als die alte Verschleiss-Idee: «Der Glaube, dass das Neue automatisch besser ist, entspricht letztlich, auch wenn es edler ausgedrückt ist, dem Prinzip der geplanten Veraltung.» Schrader ist einer der wenigen Ökonomen im deutschen Sprachraum, die sich mit geplantem Verschleiss befassen. Anders als in den USA scheint dies hierzulande kaum ein Thema zu sein: Auf Anfrage findet sich weder bei der schweizerischen Stiftung für Konsumentenschutz noch bei der deutschen Stiftung Warentest jemand, der den Begriff kennt.Der 1923er-Chevy gilt als erstes Beispiel geplanter Veraltung. GM setzte auf die einfachste Methode, Konsumenten dazu zu bringen, ihre Produkte schnell zu ersetzen: rasch wechselnde Moden. In den 1920er-Jahren begannen Industriebetriebe, Designabteilungen einzurichten. Bald wurden selbst unbewegliche Dinge wie Kühlschränke stromlinienförmig gebaut, um Modernität auszudrücken.Es geht auch brachialerEs gibt aber auch brachialere Methoden der Veraltung. General Electric forschte – ebenfalls in den 1920er-Jahren – zusammen mit dem Massachusetts Institute for Technology gezielt nach Materialien, die schnell verschleissen. Seither kommt immer wieder der Verdacht auf, eine Firma stelle ihre Produkte absichtlich so her, dass sie schnell kaputtgingen. Der Nachweis der Absicht gelingt freilich selten; eine Ausnahme bildet die Glühbirne. 1928 beschloss ein internationales Elektrokartell mit Sitz in Genf, die Glühbirnen so zu bauen, dass sie nicht länger als 1000 Stunden brennen – technisch wäre eine viel längere Lebensdauer möglich. Eine neue Dimension hat die Wegwerfgesellschaft mit der Elektronik erreicht – sowohl was die Geschwindigkeit des Verschleisses betrifft als auch deren Folgen: Eine gigantische Flut ausgedienter, oft noch funktionstüchtiger Elektronik überschwemmt als Elektronikschrott die Erde.Nach dem sogenannten Moore’schen Gesetz verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit von Computerchips alle 18 Monate. Dieser rasante technische Fortschritt lässt elektronische Geräte nach kurzer Zeit alt aussehen, auch wenn sie noch einwandfrei funktionieren. Das heisst aber nicht, dass sich auch der Nutzen für den Konsumenten alle 18 Monate verdoppelte: Die Spirale von ständig komplexerer Software, die immer schnellere Rechner benötigt, welche wiederum komplexere Programme ermöglichen, befriedigt vor allem Bedürfnisse, die sie selber hervorgebracht hat. Der Fortschritt ist auch Zwang: Wer seine Hard- und Software nicht mindestens alle paar Jahre auswechselt, verliert den Anschluss und kann nicht mehr am elektronischen Datenaustausch teilnehmen.Design ist besser als QualitätDoch die Computerindustrie begnügt sich nicht mit dem technischen Verschleiss: Sie inszeniert den schnellen Verschleiss regelrecht. Ob Microsoft ein neues Betriebssystem oder Apple ein neues Telefon auf den Markt bringt: Monate im Voraus werden gezielt Gerüchte gestreut, die Medien machen mit, und schliesslich stehen die Konsumenten Schlange, um das neue Produkt am ersten Verkaufstag zu erwerben – weil der Zeitgeist suggeriert, dass man ohne das neueste Gadget nicht sein kann. Meister der Verschleissplanung ist Apple, der Branchengigant, der es erstaunlicherweise immer noch schafft, sich sein Rebellenimage zu erhalten. Apple-Computer und Programmoberflächen sehen einfach besser aus als alle Konkurrenzprodukte. Wie seinerzeit General Motors hat Apple realisiert, dass Design das bessere Verkaufsargument sein kann als Qualität. Noch offensichtlicher ist der Verschleiss bei den Kleingeräten. Der Begriff «planned obsolescence» taucht in Internetforen immer wieder im Zusammenhang auf mit dem iPod, dem MP3-Spieler von Apple. 2006 erhielt die britische Tageszeitung «The Guardian» Hunderte von Zuschriften erboster Leser, deren iPod kurz nach Ablauf der Garantiefrist den Geist aufgab. Zufall oder Absicht? Schwer zu sagen; auf jeden Fall tragen MP3-Spieler den schnellen Verschleiss ab Werk in sich. Beim iPod, aber auch bei dreizehn weiteren von insgesamt fünfzehn MP3-Spielern, die die Stiftung Warentest 2007 testete, lässt sich die Batterie vom Benutzer nicht auswechseln. Auch das iPhone enthält eine Batterie, an die der Benutzer nicht herankommt.«Jedes Jahr neuen iPod kaufen»Apple-Schweiz-Sprecherin Andrea Brack sagt, man könne die Geräte zum Auswechseln der Batterie einschicken. Ob das die Kunden auch tun, weiss sie nicht. Weshalb die Batterien nicht eingeschraubt, sondern eingeschweisst werden, weiss sie ebenfalls nicht, doch habe das «sicher technische Gründe – es wäre zu heikel, wenn die Kunden das selber täten». Den Verdacht, Apple betreibe geplanten Verschleiss, weist sie weit von sich. Doch ausgerechnet ihr oberster Boss, Apple-CEO Steve Jobs, gab 2006 in einem Interview zu, worauf das iPod-Produktedesign abzielt: «Wenn Sie immer den letzten und besten haben wollen, müssen Sie mindestens einmal im Jahr einen neuen iPod kaufen.»Die Kunden scheinen das zu wollen. Er habe nicht den Eindruck, dass die Konsumenten sich an der Unmöglichkeit störten, die Batterie ihrer Geräte selber zu ersetzen, sagt Michael Wolf von der Stiftung Warentest. Wenn die Industrie ihre Kundschaft so weit gebracht hat, muss der Hersteller den Verschleiss gar nicht mehr gross planen. «Ist geplante Veraltung veraltet?», titelte deshalb vor einiger Zeit die «New York Times». Die Marketingstrategen der 1920er-Jahre hätten es sich nicht besser erträumen können.In den letzten Jahren hat die Industrie immer stärker ein neues Argument entdeckt. Ausgerechnet im Namen der Umwelt wird der ökologisch verheerende Verschleiss angekurbelt. «Lohas» («Lifestyle of Health and Sustainability») nennt die Marketingsprache den Kundenkreis, auf den sie damit abzielt – gemeint sind damit gewiss nicht Leute, die der Umwelt zuliebe wenig konsumieren. Einmal mehr führt die Autoindustrie den Trend an. Die Plakate des letztjährigen Genfer Autosalons waren tiefgrün. Unternehmen, die bis vor Kurzem versuchten, den Klimawandel zu leugnen, haben inzwischen ihre Strategie geändert: Wenn die Industrie ihre Kunden glauben machen kann, es sei ein Akt des Klimaschutzes, alle zwei Jahre ein Auto auf dem neuesten Stand der Technik zu kaufen, dann ist das lukrativer als das Leugnen des Klimawandels. Damit wird dem geplanten Verschleiss gewissermassen die Absolution erteilt. Denn nun wird er nicht mehr nur von den Unternehmen vorangetrieben, neu hilft auch noch die Politik. In immer mehr europäischen Städten dürfen beispielsweise urbane Kernzonen nur noch mit Autos befahren werden, die strengere Abgasnormen erfüllen – das heisst, mit neuen Autos. Auch in der Stadt Genf plant man ab 2010 solche Umweltzonen. Durch solche Lenkungsmassnahmen (vorgeschlagen wurden zum Beispiel auch Verschrottungsprämien für alte Autos) werden die Konsumenten motiviert, ein neues Auto zu kaufen, obwohl das alte noch fahrtüchtig ist. Nur: Wer früher als nötig ein neues Auto kauft, um in Sachen Abgastechnik und Energieverbrauch immer auf dem neuesten Stand zu sein, mag allenfalls Energie sparen. Betrachtet man nicht nur die Energie-, sondern die ökologische Gesamtbilanz, so ist der rasche Neukauf allerdings mit Sicherheit ein ökologischer Unsinn. Wirtschaften ohne Verschwendung?Nachhaltig wäre, weniger zu konsumieren. Aber kommt die Wirtschaft überhaupt ohne Verschwendung aus? Nein, sagt der auf Umweltfragen spezialisierte Ökonomieprofessor Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordostschweiz: «Unsere Wirtschaft funktioniert so, dass sie wachsen muss. Aber wachsen kann sie nur, wenn immer mehr konsumiert wird.» Vom Schlagwort des qualitativen statt quantitativen Wachstums hält Binswanger wenig: «Natürlich kann man sich theoretisch vorstellen, Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Aber in der Realität gelingt diese Entkoppelung immer nur teilweise.»In einer Radioansprache über die Weltwirtschaftskrise verkündete der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt 1933: «Die Menschen dieses Landes wurden irrigerweise verführt zu glauben, sie könnten die Produktion von Farmen und Fabriken endlos steigern, und irgendein Zauberer fände Mittel und Wege, wie diese gesteigerte Produktion auch mit vernünftigem Profit für die Produzenten verkauft werden könnte.» Auch das sagt heute niemand mehr so klar wie vor 75 Jahren. Die Fürsprecher des geplanten Verschleisses in den 1920er- und 1930er-Jahren hatten schon Recht: Wenn man immer mehr verkaufen und damit ein stetiges Wirtschaftswachstum haben will, muss man zwingend auch den Verschleiss mit einplanen. >

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