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Begegnungen im Bus

Im finsteren Winter fügte es sich, dass ich mich zwei Mal nacheinander in einem Fernbus fand. Das eine war eine Nachtfahrt von 16 Stunden, quer durch Europa, inmitten von Reisenden mit überwiegend dunkel pigmentierter Haut. Das andere war eine Ausflugsfahrt bei Tage, mit deutschen EU-Beamten. Das klingt nach einem billigen Vergleich. Zufällig verbrachte ich aber mit beiden Gruppen gleich viel Zeit. Die Nachtfahrt, veranstaltet von Eurolines, brachte mich von Bratislava nach Brüssel. Ich stieg im Dunkeln ein, um 18 Uhr. Die Fahrt führte vom frühen Nachteinbruch des Ostens in den späten Tagesanbruch des Westens. Wir tauchten immer tiefer in die feucht-neblige Winternacht hinein. Niemand drehte die Leselichter auf. Im Bus befanden sich Alleinreisende, Arbeitsmigranten, slowakische Roma. Vor mir sass, unter Kapuzen, ein wortkarg verliebtes Paar.Eine Blondine riecht nach ZimtIn Wien stieg eine junge Blondine ein. Sie setzte sich hinter mich. Sie hatte viele niedliche Taschen dabei und trug den Geruch von Zimt herein. Ich war überzeugt, dass die Hübsche mit dem Püppchengesicht ihren Weihnachtseinkauf mit Glühwein hatte ausklingen lassen. Die Nacht wurde stiller. Ich verwickelte die Blonde in ein Gespräch. Zito war Ungarin, 31-jährig, von Beruf Kosmetikerin, und ihr Zimtduft ging auf den Gebrauch ätherischer Öle zurück.Sie sprach Deutsch mit «Ässbästäck»-Akzent, auf die meisten meiner Aussagen antwortete sie: «wow!» Sie hatte sieben Jahre in Brüssel gelebt, «sieben magere Jahre». Ungeachtet dessen, was sie Ungarns «Kollaps» nannte, war sie nach Budapest zurückgekehrt. Wir kamen auf die grossen Themen. Mit ihrem französischen Freund war es aus. Sie erklärte ungeniert, dass ihr ein neuer Mann gelegen kommen würde.Der Bus hielt vor einer österreichischen Raststation. Wir setzten uns an die Bar, mit bangem Blick auf die Uhr. Ich erwähnte, dass wir uns zufällig in der Gegend befänden, in der ich aufgewachsen war. «Wenn wir also den Bus verpassen», sagte Zito, «dann wäre das ein Zeichen Gottes?» – «Du meinst», entgegnete ich, «dann könnte ich dich gleich Mama vorstellen?» Sie formte ihre frisch nachgeschminkten Lippen zu einem Lächeln. Mein Bein wurde von ihrem Knie gestreift. Zurück im dunklen Bus, es wurde kälter. Die anderen waren vorbereitet, Zito hatte eine Decke dabei. «Deck dich mit deinem Mantel zu!», sagte sie und gab mir ihr nierenförmiges Reisekissen. Wir schliefen, das grosse Deutschland war finster. Zitos Kissen half mir durch die Nacht.Die andere UngarinSchnitt. Die Ausflugsfahrt bei Tage ging von Brüssel in die ostbelgische Provinz. Zito hatte nicht gewusst, dass die Europäische Union Kommissare hat, meine neuen Gefährten wussten das nur zu gut. Die heitere Reiseleiterin verteilte Lebkuchen. Es fügte sich, dass wieder eine blonde Ungarin an Bord war, diesmal mit akzentfreiem Deutsch. Als die Rede auf Weihnachtsgeschenke kam, entschlüpfte ihr der Satz: «Frauen freuen sich sowieso über jedes Geschenk.» Die anderen reagierten erstaunt. Sie errötete. Das war der intimste Moment. Nun ja, es ist ein billiger Vergleich. Nachts sind deutsche EU-Beamte vielleicht ebenso zärtlich. Ich habe Zito nicht um ihre Nummer gefragt, und der zweiten Ungarin habe ich nichts geschenkt. Ich neige aber mein Haupt vor den busreisenden Ungarinnen dieser Welt.Martin Leidenfrost ist Autor von Drehbüchern und Reiseliteratur. Der gebürtige Österreicher lebt in Brüssel und im slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves. Als «Weite Welt»-Kolumnist tritt er die Nachfolge von Sandra Weiss an.>

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