Zum Hauptinhalt springen

«Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit» (1/6)

Die Strasse, an der das Atelier von Kotscha Reist steht, hat kaum etwas mit der Stellung dieses Künstlers zu tun: Randweg, Berner Lorrainequartier. Ein funktionales Atelier mit einem grossen, hohen Raum im Erdgeschoss und einem Studio mit Dusche und Küche im ersten Stockwerk. Vier gleiche, helle Ateliers befinden sich in dem schlichten, dunklen Gebäude, das von Thomas Jomini, Reinhard & Partner und Werkgruppe explizit als Atelierhaus entworfen wurde.Kotscha Reist hat in der nächsten Zeit einiges vor. Er bereitet eine neue Ausstellung vor, während eine andere noch am Laufen ist, in Amsterdam. Wie viele Bilder aus Holland nach Bern zurückkommen werden, weiss er noch nicht; also muss er an die Arbeit, um Ende März die grossen Räume der Galerie Bischoff & Partner richtig bespielen zu können. Gleich in der ersten Januarwoche beginnt er mit den Vorbereitungen. Es gilt, eine neue Leinwand aufzuspannen. Die Materialien hat Reist bei einem Fachhändler besorgt: präparierte Holzleisten für den Rahmen, eine grosse Rolle mit Stoff, einem Gewebe aus Baumwolle und Leinen, das bereits grundiert ist. Mit geübten Handgriffen geht Reist ans Werk: Boden wischen, Holzschenkel hinlegen, ineinanderfügen, mit gezielten Gummihammerschlägen verfugen. Der Holzrahmen ist sperrig, soll doch eine Leinwand aufgespannt werden, die 240 auf 180 Zentimeter misst. Reist rollt den Stoff von der Bahn ab, schneidet die gewünschte Grösse ab, faltet den Stoff um den Rahmen und befestigt ihn mit Bostitch.Schlag auf Schlag geht das, immer wieder wird die Spannung geprüft. «Andere Künstler haben für diese Vorarbeiten Assistenten. Aber ich mache das lieber selber, denn die Spannung des Stoffes ist für das Malen entscheidend», erklärt Reist. Nicht einmal eine halbe Stunde ist vergangen, der Rahmen bespannt, nur die vier Ecken des Stoffes ragen wie ein Ausguss heraus – damit das Wasser abfliessen kann. Denn nun wird das Noch-nicht-Gemälde vorne und hinten mit Wasser bestrichen. Der Trocknungsprozess bringt die Leinwand in die gewünschte Spannung. Das ist alles eine Sache der Erfahrung, denn es besteht durchaus auch die Gefahr, dass die Leinwand zerreissen könnte.Da steht sie an der Wand, die grosse, die leere Leinwand. Mit ihr steht im Raum die Frage nach dem Werden eines Bildes, nach dem schöpferischen Prozess, der nun einsetzen muss. Mit der leeren Leinwand steht im Atelier auch der Stoff für Künstlerlegenden und -mythen: der Horror vor der Leere, der den Künstler nun packen und lähmen könnte. Man sieht den Maler vor dem inneren Auge, wie er rastlos im Atelier auf und ab geht, in einem Buch blätternd, nach Ideen suchend, bis tief in die Nacht hinein, in einem oder zwei oder mehreren Gläsern Wein Inspiration suchend.Das sind Klischees. «Ich habe bereits eine Idee, was ich malen werde», sagt Kotscha Reist. Und weshalb dieses Format? «Das ist eine intuitive Entscheidung. Hinzu kommt die Erfahrung mit den verschiedenen Formaten. Mir liegt beispielsweise das Quadrat nicht in der Hand. Und ein Porträt würde ich nicht in dieser Grösse malen wollen; für eine Landschaft würde ich, in einer gegenläufigen Bewegung zur Grösse des Sujets, fast sicher ein kleines Format auswählen.» Und was passiert jetzt? «Die Leinwand steht eine Zeit lang herum. Dann sehe ich, was ich wirklich male.»Konrad Tobler (Text), Adrian Moser (Bilder)Wie entsteht ein Gemälde? Was geschieht im Atelier – und im Kopf des Künstlers? In einer sechsteiligen Serie schauen Konrad Tobler und Adrian Moser dem Berner Künstler Kotscha Reist über die Schultern. Sie dokumentieren, wie sich die legendäre leere Leinwand in ein monumentales Gemälde verwandelt – bis zu dem Moment, da Kotscha Reist sein vollendetes Bild aufhängen und ausstellen wird. Die Vernissage findet am 27. März in der Berner Galerie Bernhard Bischoff & Partner statt. Das Zitat, das der Serie als Titel dient, stammt vom Komiker Karl Valentin. Fortsetzung: 31. Januar.>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch