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«Jeder ernte sein verdientes Los . . .»

Als Anatol von Steiger am 24. Oktober 1944 im Alter von 37 Jahren einem Tuberkuloseleiden erlag, hinterliess der Russlandschweizer vier schmale Gedichtbände. Dem Slawisten und Schriftsteller Felix Philipp Ingold ist es zu verdanken, dass das lyrische Werk dieses bislang unbekannten «Autors der europäischen Moderne» erstmals zweisprachig vorliegt.

Eine Woche nach dessen Tod veröffentlichte der «Bund» am 31. Oktober 1944 einen Nachruf auf seinen Mitarbeiter Anatol von Steiger, der unter dem Kürzel «A.v.S.» regelmässig ausserordentlich gut informierte Beiträge über den Kriegsverlauf an der Ostfront verfasst hatte. Die Fotografie zeigt einen jungen Mann im offenen weissen Hemd, mit sanft gewelltem dunklem Haar, das fein geschnittene Gesicht steht in einem spannungsvollen Kontrast zur markanten Nase. Im Halbprofil erfasst, schaut er links aus dem Bild hinaus, mit forschendem Blick, als ob er nach etwas Ausschau hielte, das er ungeduldig erwartet. Mit seiner androgynen, melancholischen Aura ähnelt er frappant der zwei Jahre vor ihm ebenfalls jung verstorbenen Annemarie Schwarzenbach.Der Nachruf würdigt einen «arbeitsfreudigen, intelligenten jungen Mann», als Spross einer Adelsfamilie im zaristischen Russland geboren und nach der Revolution geflüchtet. Als Sekretär einer russischen Gräfin soll er ganz Europa bereist haben und schliesslich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges als Journalist nach Bern gekommen sein. 1942 sei der junge Mann, der sich überdies durch «poetische und zeichnerische Talente» ausgezeichnet habe, nach Leysin gezogen, «um in seiner langwierigen Krankheit Heilung zu suchen». Der Nekrolog, der Dichtung und Wahrheit ziemlich sorglos vermischt, schliesst mit dem wegen der formelhaften Sprache unfreiwillig komischen Lob: «Dank seinem aufgeweckten und liebenswürdigen Wesen war er, wo ihn auch sein unruhiges Leben hinführte, überall ein beliebter und gerne gesehener Gast.» «Sehr beschränkte Begabung»Anatol von Steiger hätte vielleicht, wäre ihm sein eigener Nachruf bekannt gewesen, mit einer Gedichtstrophe aus dem 1936 erschienenen Lyrikband «Undankbarkeit» reagiert: «Auf dieser Welt ist jeder jedem fremd./ Wir drücken sinnlos diese, jene Hände, / Wir plaudern, lachen . . . Wer diese Lüge kennt,/ kennt auch den Schmerz, mit dem sie endet.»Zu einem wenig schmeichelhaften Urteil über die Sprachkunst von Steigers gelangte Wladimir Nabokov, der in den exilrussischen Zirkeln dem jungen Russlandschweizer wiederholt begegnet war und später mit «Lolita» Weltruhm erlangen sollte: «Sein Talent wurde masslos überschätzt. Er war ein zweitrangiger Dichter. Sehr zweitrangig. Mit einer sehr beschränkten Begabung und einem sehr beschränkten Gefühlsleben. Ein angenehmer Mensch. Ein Mensch mit Ausstrahlung. Ein gut erzogener Mensch. Und das ist alles.» Und mit diesem «zweitrangigen Dichter», der nach seinem Tod schnell von der poetischen Weltkarte verschwand, hat sich der Schweizer Schriftsteller, Slawist und Lyriker Felix Philipp Ingold über einen Zeitraum von fast vier Jahrzehnten beschäftigt. Der emeritierte Professor für russische Kulturgeschichte an der Universität St. Gallen erhebt denn auch dezidiert Einspruch gegen die herablassende Einschätzung Nabokovs. Ausschlaggebend für seine Beschäftigung als Herausgeber, Übersetzer und Biograf mit dieser «singulären Erscheinung» sei die Tatsache gewesen, «dass mit Anatol von Steiger nicht allein ein bemerkenswertes dichterisches Werk zu entdecken war, sondern auch ein vergessener Autor, der in der russischen und schweizerischen Literaturgeschichte noch keinerlei Spuren hinterlassen hatte». Tatsächlich erntete von Steiger mit seinen unpathetischen «lyrischen Notaten», die Alltagssprache in strenge dichterische Formen gossen, zu Lebzeiten in russischen Exilkreisen nur wenig Anerkennung. In der kurzen Vita von Anatol von Steiger gibt es, wie Felix Philipp Ingold in seiner biografischen Spurensicherung notiert, einen «lebensgeschichtlichen Bruch». Im Winter 1920 stand der 13-jährige Anatol zusammen mit seinen Eltern und den drei jüngeren Geschwistern im Hafen von Odessa und wartete auf einen britischen Eisbrecher, der die Flüchtlinge nach Istanbul bringen sollte. Die endgültige Niederlage der vom zarentreuen Vater unterstützten «Weissen» im Bürgerkrieg gegen die roten Bolschewisten zeichnete sich ab; die Familie verlor ihr ganzes Hab und Gut, darunter der Stammsitz der Familie, ein Landgut in der Ukraine. Das Hafenbecken war so stark vereist, dass selbst der Eisbrecher nicht anlegen konnte und die Flüchtlinge über einen schmalen Steg das Schiff besteigen mussten. «Am Ufer blieben 22 Kisten zurück», erinnerte sich von Steiger später in einem autobiografischen Bericht. «Wir waren bettelarm, doch daran dachte man nicht. Wir waren froh, dass die Rettung gelungen war.» Steiler Aufstieg einer FamilieIn Istanbul, einst neben der französischen Schweiz ein bevorzugtes Ferienziel der Familie von Steiger, arbeitete der ehemalige Oberst der russischen Armee als Lastenträger, um die Familie zu ernähren. Die Kinder waren in einem Mennoniten-Hospiz notdürftig einquartiert. Für Anatol von Steiger bedeutete die Flucht den Beginn eines «unbehausten Erwachsenenlebens».Obwohl die Familie die Schweizer Staatsbürgerschaft nie aufgegeben hatte, fühlte sich Anatol von Steiger durch und durch als Russe, loyal zum Hause der Romanows, beseelt von einem grossrussischen Patriotismus. Er sprach zwar perfekt Französisch, aber nur wenig Hochdeutsch und keine Mundart. Seine dichterischen Texte verfasste er auf Russisch. Von Steigers Verhältnis zur Schweiz war ambivalent. «Seinen Aufzeichnungen kann man entnehmen», sagt Felix Philipp Ingold, «dass er die Schweiz nicht als seine Heimat empfand, schon eher als eine Art Asyl, wo er kraft seiner Staatsbürgerschaft auf Unterstützung hoffen konnte.» Ein Zweig der alten Berner Patrizierfamilie war seit dem frühen 19. Jahrhundert in Russland ansässig, assimilierte sich rasch – auch durch den Übertritt zum orthodoxen Glauben – und nahm bald hohe Ämter in Verwaltung und Armee ein. Den Höhepunkt seiner militärischen Karriere erlebte Anatols Vater Sergei von Steiger 1894, als ihm die Ehre widerfuhr, bei der Rückführung der Leiche von Zar Alexander III. von der Krim nach St. Petersburg als Mitglied der Eskorte zu fungieren. 1901 zog er sich auf ein neu erworbenes Landgut in der Ukraine zurück und gründete nochmals eine Familie (aus der ersten Ehe hatte er einen Sohn, Boris, der 1937 auf dem Höhepunkt des «Grossen Terrors» als enger Mitarbeiter des in Ungnade gefallenen Geheimdienstchefs liquidiert wurde). 1912 verlegte er den Wohnsitz in die Hauptstadt St. Petersburg, nachdem er in das Parlament, die Duma, gewählt worden war. Aber bereits zwei Jahre später, nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kehrte die Familie aus Sicherheitsgründen wieder auf das ukrainische Landgut zurück.«Vergebliches Streben» St. Petersburg blieb zeitlebens ein «Sehnsuchtsort» für Anatol von Steiger; er bedauerte wiederholt in Briefen, zu spät geboren und so um die Erfahrung der pulsierenden Lebendigkeit und des reichen Kulturlebens der Metropole vor dem Krieg gebracht worden zu sein. Auf dem Land wuchs Anatol in einer weiblichen Welt zwischen Mutter, Tanten und Ammen auf – der Vater war derweil als «Adels-Marschall» ständig auf Dienstreisen und mit zahllosen Repräsentationspflichten beschäftigt. Es war ein «Aufgehobensein» in einem Frauenhaushalt, das er gleichzeitig auch als «Gefangensein» erlebte. Dazu kam, dass der Knabe jahrelang wie ein Mädchen gekleidet war, lange Haare trug und eine Vorliebe für Puppen entwickelte, ehe der Vater ein Machtwort sprach und, wie sich von Steiger in seinem autobiografischen Bericht «Kindheit» erinnerte, eine «gewaltsame Geschlechtsumwandlung» verlangte. Dies und eine erste schwärmerische Liebe zu einem zehn Jahre älteren Nachbarjungen brachten dem Halbwüchsigen seine Homosexualität zu Bewusstsein. Und seit seinen ersten dichterischen Versuchen als Gymnasiast gehörte die Sehnsucht nach gleichgeschlechtlicher «Zärtlichkeit» zu den Leitmotiven, ebenso wie Täuschung und Lüge. In einem Gedicht aus dem nachgelassenen Typoskript «Kathemerine» (griech. für «Alltägliches») heisst es: «Nein, es hilft nicht, Menschen und Platz / Stets zu wechseln. Vergebliches Streben. / Das Gedächtnis ist Kreuzeslast . . . / Erst im Grab wirst du dich strecken. » «Gläubiger Freigeist»Aus Sicht von Felix Philipp Ingold vereinigte Anatol von Steiger in sich viele Widersprüche: «Er war ein ironischer Melancholiker, ein provinzieller Weltmann, ein gläubiger Freigeist.» Anatol von Steigers Homosexualität, die er in zahlreichen Affären erotisch auslebte und später durch Pädophilie in der Tradition André Gides als Lebensstil auch geistig zu überhöhen suchte, blieb in der Familie von Steiger stets ein Tabu. Es waren denn auch «familiäre Rücksichten», die dazu führten, dass nach Anatol von Steigers Tod 1944 nahezu das gesamte Privatarchiv mit Tagebüchern, Korrespondenzen, Fotografien und Pressedokumenten vernichtet wurde. Angesichts dieser schwierigen Quellenlage verweist Ingold in seinem biografischen Essay darauf, dass eine «kohärente Lebensgeschichte» nicht möglich sei und viele «Leerstellen» bei der Rekonstruktion des Lebenslaufs blieben. Während Jahrzehnten hat Ingold – neben seiner beruflichen Tätigkeit an Hochschulen – Materialien von und über Anatol von Steiger zusammengetragen. Der Anstoss dazu sei vor 40 Jahren von seiner Doktormutter gekommen. Zu seiner Dissertation schenkte sie ihm einen Lyrikband von Anatol von Steiger – «Undankbarkeit» (1936) –, verbunden mit der Anregung, einige Gedichte davon zu übersetzen und so den Autor hierzulande ein wenig bekannt zu machen. Ingold griff die Anregung auf, veröffentlichte in der Folge vereinzelte Gedichte in Zeitschriften: «Aber ich vermochte den weithin unbekannten Dichter damit noch nicht durchzusetzen.»Er war nicht wie sein lyrisches Ich 1923 gelingt es Anatol von Steigers Vater, mit der Familie von Istanbul in die Tschechoslowakei zu übersiedeln; in einer ehemaligen Kasernenanlage in Mährisch Trübau entsteht eine exilrussische Kolonie mit einem Gymnasium. Anatol, eher ein «verträumter und desinteressierter Schüler», wagt in dieser Zeit erste literarische Gehversuche. Bereits als 17-Jähriger hegt er, von depressiven Verstimmungen heimgesucht, Selbstmordabsichten. Dieser junge Mann will bei allen Selbstzweifeln die Welt erobern und notiert: «Ich will die Geister aufwühlen, die Gesellschaft erregen, die verblassten Farben meines Familienwappens erneuern.» Felix Philipp Ingold betont, dass das oft «zerknirschte, emotional unstete lyrische Subjekt» nicht einfach mit von Steiger gleichzusetzen sei. In den erhaltenen Briefen zeige sich eine «aufrichtige, neugierige, flexible» Persönlichkeit.Im Haifischbecken des «russischen Paris», wo er sich nach einem Zwischenhalt in Berlin ab 1927 immer wieder längere Zeit aufhielt, kam ihm sein gewinnendes Wesen zugute. Die französische Hauptstadt bildete in der Zwischenkriegszeit das unbestrittene politische und kulturelle Zentrum der russischen Diaspora. Nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen – die chronische Tuberkulose machte sich schon früh bemerkbar – war von Steiger viel unterwegs, vorab im Mittelmeerraum und auf dem Balkan; dazu kamen regelmässige Aufenthalte in Sanatorien und Spitälern. In Paris war er zwar ein «habitué», ein gern gesehener Gast, aber eben kein ortsansässiges Mitglied der extrem kompetitiven russischen Künstlerkolonie. «Bekannt war von Steiger», schreibt Ingold, «vielmehr durch sein nobel-melancholisches Aussenseitertum (...), das er dandyhaft herauskehrte, und dies nicht nur durch den erlesenen Stil seiner Kleidung und seines Verhaltens, sondern auch durch seine exklusiven aristokratischen Kontakte.» Seinen Aussenseiterstatus untermauerte er gleich mehrfach: Er war homosexuell, schwer krank, Exilant, von aristokratischer Herkunft in einer demokratischen Umgebung, gleichsam «hinausgeworfen aus seiner sozialen Klasse» und als Schweizer Bürger mit einer «Versicherung» versehen, die ihm im exilrussischen Milieu eine Mischung aus Spott und Neid eintrug. Eine Zeit lang bekannte er sich – wohl eher aus emotionalen und ästhetischen Gründen – zur monarchistischen Exilorganisation der «Jungrussen», die mit dem Faschismus sympathisierte und von einer russischen Welthegemonie träumte. Allmählich rückte er indes, vorab abgestossen vom aggressiven Antisemitismus, davon ab und näherte sich linken Positionen an. Sein politisches Credo blieb indes diffus und war mehr von einer humanistisch grundierten Sympathie für die «Proletarier» geleitet. Gänzlich apolitisch gibt sich hingegen seine Lyrik. Seine zu Lebzeiten erschienenen drei Lyrikbände veröffentlichte er allesamt in Paris, abgesehen von vereinzelten positiven Stimmen stiessen die Publikationen auf ein geringes Echo. Für Ingold steht jedoch die Qualität der Dichtung von Steigers ausser Frage. Gerade das «Changieren zwischen Alltagsrede und Poesie» mache die besondere Spannung der Gedichte aus. Mit seinen Übersetzungen, besser: Nachdichtungen, wollte Ingold nicht einfach russischsprachige Lyrik «eindeutschen, sondern die Originale im Deutschen gewissermassen nachbauen» und dabei alle formalen Kriterien respektieren. Diese Aufgabe habe er wohl nur leisten können, «weil ich selber Lyrik schreibe und weiss, wie Gedichte entstehen». Die Schweiz, die ungeliebte ZufluchtWenige Monate vor der Besetzung Frankreichs kommt von Steiger in die vom Krieg verschonte Schweiz; er wird die letzten vier Jahre seines Lebens in der «alten Heimat» verbringen. Wahrscheinlich wird der polyglotte Dandy die Option Schweiz – trotz der bedrohlichen politischen Grosswetterlage – als persönliche Niederlage verstanden haben, als Ende eines antibürgerlichen Lebensentwurfs. Er findet in Bern Unterschlupf bei seiner verwitweten Mutter an der Belpstrasse 53. In einem Brief an eine russische Freundin in Paris orientiert er lakonisch über seine bevorstehende medizinische Odyssee durch helvetische «Zauberberge»: «Ich reise von Spital zu Spital, und ein Ende ist nicht abzusehen. Interlaken, Beatenberg, Heiligenschwendi, und alles wird vermutlich in Leysin enden, wo ich Frühling und Sommer zu verbringen gedenke.» Trotz seiner Tuberkulose wird er bei der militärischen Aushebung für tauglich befunden und dem Hilfsdienst zugeteilt. Regelmässig beklagt er sich in Briefen über seine «Bürolistenexistenz», die ihm unvereinbar erscheint mit «meinem weglosen, trägen und zigeunerhaften Charakter». Mysteriöse «Bund»-MitarbeitErstaunlich ist in dieser letzten Lebensphase die rege publizistische Tätigkeit von Steigers für den «Bund». Er zeigte sich in seinen Berichten über das Kriegsgeschehen an der Ostfront hervorragend informiert und analysierte mit viel Hintergrundwissen militärische Vorgänge. Woher bezog er seine Informationen, und wie konnte er, der deutschen Sprache kaum mächtig, journalistisch für den «Bund» arbeiten? Es sei davon auszugehen, vermutet Felix Philipp Ingold, dass von Steigers Texte in sprachlicher Hinsicht redaktionell bearbeitet worden seien. Unklar sei jedoch, wie und wo er sich über den Kriegsverlauf zwischen Deutschland und der Sowjetunion so rasch und so genau habe informieren können. «Möglicherweise», vermutet Ingold, «standen ihm dafür militärische Quellen zur Verfügung, denn trotz seiner Krankheit versah er in der Armee eine Funktion mit geheimdienstlichem Hintergrund.» Von Steiger selbst habe aber stets nur andeutungsweise von seinem militärischen «Bürodienst» gesprochen. In einem dieser «Bund»-Beiträge beschreibt er Kampfhandlungen, die sich in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Familiensitzes abspielten. «Es wird die Leser des ,Bund‘ interessieren», eröffnet er seine Klammerbemerkung in eigener Sache, «dass während den letzten vierzehn Jahren vor der bolschewistischen Revolution der Bezirk von Kanijew von dem Angehörigen einer aus Bern stammenden Familie, dem Oberst in russischen Diensten, Baron von Steiger, verwaltet wurde.» Er beschreibt den Baron als Wohltäter, der in seinem Bezirk Spitäler und Schulen gegründet und das Strassennetz verbessert habe. Mit keinem Wort wird jedoch erwähnt, dass es sich bei dieser Persönlichkeit um den Vater des Autors handelt. Trotz dem betont objektiven Ton, in dem diese Informationen der Leserschaft mitgeteilt werden, ist spürbar, dass der todgeweihte Anatol von Steiger dem Landstrich seiner Kindheit auf diese Weise aus der Ferne nochmals gedachte. Vielleicht trifft auf diesen von den Zeitläufen zur Heimatlosigkeit verdammten Dichter der berühmte Kleist-Satz zu aus dessen Abschiedsbrief an seine Schwester: «Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.» Im ersten Gedichtband, «Dieser Tag» (1928), finden sich Zeilen, die etwas von der existenziellen Einsamkeit ahnen lassen : «Jeder ernte sein verdientes Los, / Jedem soviel Heil, wie er’s erträgt. / Doch noch immer bin ich ahnungslos, / Wie man Glück in dieser Welt erfährt.» Einer «seltenen Spezies» zugehörigGut möglich, dass Anatol von Steiger dank Felix Philipp Ingold dereinst neben Annemarie Schwarzenbach – dank der unwiderstehlichen Kombination aus Jeunesse dorée, dichterischer Begabung und Krankheit zum Tode – den ihm gebührenden Platz als literarische Ikone der Moderne einnehmen wird. Ingold betont den Willen zum Nonkonformismus, der von Steigers Leben geprägt habe: «Er gehört zur seltenen Spezies jener helvetischen Einzelgänger, die sich durch Weltgewandtheit, Eigensinn, Lebensgier und Todesnähe als Exzentriker in Szene gesetzt haben.»Anatol von Steiger: Dieses Leben. Gesammelte Gedichte. Russisch und Deutsch. Übersetzt, eingeleitet und herausgegeben von Felix Philipp Ingold, Ammann-Verlag , Zürich, 2008, 454 Seiten, Fr. 49.90. Für seine Arbeit erhielt Ingold am 16. Januar im Rahmen der Literaturauszeichnungen der Stadt Bern 2009 einen Spezialpreis.>

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