Zum Hauptinhalt springen

Die Katze der Nachbarin grüsst mich nicht mehr

Der Essay von Regula Haus-Horlacher erscheine zunächst harmlos, urteilte die Jury über den Siegertext des «Bund»-Essaywettbewerbs «Das Tierin mir». Der Text habe jedoch subversive Qualität: «Er zeigt, dass nicht das Urböse in uns für Tierquälereien verantwortlich ist – sie ergeben sich vielmehr aus unserem Mangel an Verständnis für Tiere und ihre Bedürfnisse.»

Einmal habe ich einer Zimmermann-Spinne alle Beine ausgerissen. Warum, weiss ich nicht. Ich war noch klein, es ist lange her. Lust war wohl mit dabei, Neugier und der Hang zur Ordnung: hier das glatte, nackte Kügelchen, da die langen, dünnen Fäden.Ich weiss nicht mehr, ob man mich auf frischer Tat ertappt hat oder ob ich zur Mutter gerannt bin. Schau!Geschlagen hat man mich nicht, da bin ich mir sicher.Ich wurde nie geschlagen. Aber erklärt hat man mir bestimmt, dass man so etwas nicht tut. Sachlich, freundlich.Man zerdrückte den geschundenen Leib zwischen Toilettenpapier und verbarg das Entsetzen über die Grausamkeit des kleinen Mädchens, des eigenen Kindes, tief im Innern.Ich kann das gut nachfühlen. Inzwischen habe ich selber Kinder. Ich weiss, wie es ist, wenn die Nachbarin tuschelt: Schon wieder hat sie die Katze getreten, den Kameraden «Arschloch» zugerufen, dem Kleinen die Mütze weggenommen und in den Bach geschmissen . . .Rattenschwänze trug ich damals. Kurze Zöpfe. Unbedingt wollte ich langes Prinzessinnenhaar. Damals war ich noch kleinmädchenblond. Aber meine Haare eigneten sich nicht. Dünn und glatt, rutschten sie aus den Spangen und hingen wirr um den Kopf. Hexlein.Den Hund bekamen wir, als ich acht war. Heiss geliebt wurde er. Arglos war er. Treu, aus tiefstem Herzen.Ein Hund eben. Es war ein Wunschhund, Vater wollte ihn auch. Er vor allem.Aber als ich älter wurde, begann mich der brave Hundeblick zu nerven. Wehr dich!, dachte ich, sei nicht so hündisch! Und ich ärgerte mich über seine Unvernunft, wenn er schlang, bis er kotzen musste, immer wieder.Wenn er sich im Kot wälzte oder in verwesten Tierleichen. Dabei wusste er, dass er nachher duschen musste, was er hasste. Ich ärgerte mich, dass er nichts lernte. Immer wieder in sein eigenes Unglück lief, nur weil er glaubte, diesem idiotischen Hundeinstinkt folgen zu müssen.Ich quälte ihn nicht. Das lag mir fern. Aber ich begann ihn zu foppen. «Du kleiner Scheisskerl!», sagte ich zu ihm, in zärtlichstem Ton, und frohlockte, wenn er es nicht merkte und seinen Kopf an meinem Knie rieb.Oder ich füllte seinen Teller mit Rhabarbermus, weil ich wusste, dass er es nicht über sich brachte, etwas Fressbares stehen zu lassen . . .Wenn er dann um den Teller kreiste, langsam leckte, sich hinlegte, und nach kurzer Zeit wieder aufstand, um doch weiterzufressen, ruhelos, bis der Teller leer war, wenn er mich dabei vorwurfsvoll ansah, als sei ich schuld daran, dass er Dinge frass, die er gar nicht mochte, dann fand ich das lustig.Und dann . . . war da noch die leidige Sache mit den Meerschweinchen.«Es kommen mir keine Tiere ins Haus!», sagte mein Mann. Zu wenig Platz, zu viel Arbeit, Dreck. Und Katzen gab es ohnehin schon mehr als genug im Quartier.«Aber ein Meerschweinchen kannst du dem Kind doch nicht verwehren!», sagte ich. Wenigstens ein Meerschweinchen. «Kinder müssen Haustiere haben, damit sie lernen, Verantwortung zu übernehmen!», dozierte ich – wider besseres Wissen, denn an die Geschichte mit meinem eigenen Meerschweinchen erinnere ich mich nicht so gern. Gewünscht hatte ich es mir. Sehnlich und gegen den Willen meines Vaters. Ein Meerschweinchen, dachte ich, und eine Barbiepuppe, dann wäre mein Glück perfekt.Irgendwann hatte eine Freundin Junge zu verschenken, und ich setzte mich durch. Die Barbiepuppe bekam ich auch. Von meinem Patenonkel zum Geburtstag. Gegen den Willen der Mutter.Das Glück wars dann doch nicht. Die Barbiepuppe brach sich das Hüftgelenk, und das arme Meerschweinchen wurde bald langweilig. Verantwortung übernahm ich schon. Mehr aber nicht. Ich fütterte es jeden Tag zweimal, putzte seine Kiste dreimal pro Woche. Beim Bauern musste ich um Heu, beim Schreiner um Hobelspäne bitten, und wenn die Vorräte zur Neige gingen, bekam ich deswegen nervöse Bauchschmerzen, was meine Hingabe nicht unbedingt förderte. Die Heuportionen wurden kleiner, die Streuschicht dünner und dünner, bis man die Hobelspäne auf dem Zeitungspapier einzeln zählen konnte.Seine Zeit verbrachte das arme Tier in den vier Wänden seiner Kiste. Allein im Keller. Aber das – zu meiner Ehrenrettung gesagt – war damals fast überall so. Nun denn. Unsere Tochter bekam ihre Meerschweinchen.Sie wohnten in einem Käfig, von wo sie die Umgebung sehen konnten, und bei gutem Wetter tummelten sie sich in einem Gehege auf dem Rasen.Sie waren zweieinhalb Jahre alt, als wir sie nachts zum ersten Mal draussen vergassen. Der Marder kam um fünf Uhr früh. Das Fiepen war schauerlich.Eines der beiden war und blieb verschwunden, das andere lebte noch. Still litt es vor sich hin. Einen Tag lang wusch ich seine Wunden mit Schwedentropfen, dann – am Abend – schlugen wir es tot.«Ein Tierchen töten! Nein, wie schrecklich!», sagte die Nachbarin entsetzt, «so etwas könnte ich nie tun, das arme Geschöpfchen täte mir leid!»Seither grüsst sie mich nicht mehr.Und ihre Katze auch nicht.«Simba!», rufe ich manchmal leise, wenn ich ihr im Quartier begegne, «Simba, komm!»Aber sie stellt den Schwanz auf und würdigt mich keines Blickes.In der Ausgabe vom 31. Januar folgt der Abdruck des zweitplatzierten Essays von Daniel Schläppi.>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch