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Cool it, Obama, cool it

Nach vier Monaten im Ausland zurück in einem ganz neuen Amerika, wo die Asphalthölle L.A. plötzlich so idyllisch ist wie die Pariser Innenstadt.

Es war Anfang November letzten Jahres, als ich in das Land der Utopien zurückkehrte. Vier Monate war ich weggewesen. Das gute alte Amerika gab es nicht mehr. Am Flughafen von Los Angeles lief der Cool Jazz von John Coltrane als Endlosschlaufe über die Lautsprecher. Ein schwarzer Gepäckträger trug meine Koffer mit einem Siegerlächeln. Der armenische Taxifahrer hatte seine Windschutzscheibe mit Obama-Aufklebern vollgepflastert. Und in der «Los Angeles Times» erzählte Angelina Jolie, dass mit Obama der Moment gekommen sei, «an dem der Meeresspiegel nicht länger ansteigt und unser Planet zu heilen beginnt». Das alte Amerika gab es nicht mehr.Draussen am Horizont hatte sich sogar das Sonnenlicht vergoldet. Junge Latinopärchen schlenderten ruhig und händchenhaltend entlang den riesigen Freeways. Fast so, als ob sich die Asphalthölle L.A. in die Innenstadt von Paris verwandelt hätte. Klar rieb ich ungläubig meine Augen und dachte: Bestimmt, Barack Obama ist eine ungewöhnlich charismatische Persönlichkeit. Diese Gabe, kombiniert mit einem grossen Wahlsieg, verleiht ihm erstaunliches politisches Kapital. Doch schon in Kürze wird er seine Macht nicht mehr allein aus seiner Persönlichkeit beziehen können, sondern muss sie aus seinem Amt schöpfen, ganz konkret. Die Immobilienpreise werden weiter fallen, und auch der Aktienmarkt hat seinen Tiefpunkt offenbar noch nicht erreicht. Wann also werden die Amerikaner merken, dass es wieder bergauf geht? 2011? Oder vielleicht erst 2012? Das ist dann bereits wieder ein Wahljahr. Werden die Amerikaner so lange Geduld mit Obama haben? Im Dezember hält die Euphorie an. Sean Penn schreibt in seinem Blog: «Amerika wurde in der Absicht gegründet, der Geschichte zu entgegnen und eine Utopie im Schatten der Geschichte zu errichten. Mit Barack Obama machen wir endlich Geschichte. Alle wenden sich ihm zu, dem grossen, theatralischen Gewaltstreich: Yes, we can!»Auf der Fahrt durch Beverly Hills sehe ich blonde Mädchen mit Hemden, auf denen die Konterfeis von Sonny Rollins und Obama prangen. Soll wohl heissen: Obama, das ist so was wie «The Rebirth of Cool». Sonny Rollins nannte sich und seine Sorte «cool». Alles war ganz einfach: Sollte sich jemand beruhigen, wurde ihm in den Fünfziger- und Sechzigerjahren im afroamerikanischen Slang «cool it» zugerufen. Das ist Obama. Und vielleicht ist dies auch das neue Amerika am Horizont: das Entspanntsein bei gleichzeitiger Selbstkontrolle. Die souveräne Mischung aus beidem machte einen guten Cool-Jazzer in den Fünfzigerjahren zu einem ausserordentlichen, einen gerissenen Kriminellen zu einer Kultfigur, und sie macht heute einen attraktiven neuen Präsidenten zu einem «Cool Papa».Wenn ich von meinem Bett Richtung Downtown Los Angeles blicke, hat sich aus der Ferne nicht viel verändert. Alles sieht noch so aus wie zu Bush-Zeiten, einzig die Lehman-Brothers-Leuchtschrift ist verschwunden. Auch der weiss blinkende Schriftzug von AIG, dem grössten Versicherer der Welt, ist demontiert. Doch da unten ist etwas passiert, etwas Neues prägt Downtown! Etwas ist zurückgekommen, das düstere, schwere, existenzielle Amerika der Nachkriegsjahre, das Amerika aus Filmen wie «The Lost Weekend», «Rebell Without a Cause» oder «On the Waterfront». Der Asphalt glänzt wie im Film noir. Die Schatten werden wieder länger. Genauso wie die Schlangen vor den Arbeitslosenämtern oder diejenigen der Arbeitssuchenden vor dem Hobbymarkt Home-Depot am Sunset Boulevard. Die Arbeitslosenzahl klettert über auf 7 Prozent, und sie wird weiter steigen, unaufhaltsam Richtung 10 Prozent. Ich sehe prügelnde Männer auf offener Strasse. Und ich erkenne eine neue Lässigkeit der Leute – vielleicht unter dem Schock der Rezession und der riesigen finanziellen Verluste –, die nichts Arrogantes ausstrahlt, sondern durch die drohende Krise eine sympathische Unschuld gewonnen hat. Die Amerikaner zeigen plötzlich Eigenschaften, die man ihnen nicht mehr zugetraut hat – und die ihnen gut bekommen: Bescheidenheit und Besonnenheit. Es ist wie der Wandel vom energiegeladenen Hip-Hop zum Cool Jazz. Ob in Werbung, Talkshows oder persönlichen Gesprächen: Ein Volk, das nie gelernt hat zu reflektieren, zeigt plötzlich wunderbare Nachdenklichkeit. Ist das bloss die Ruhe vor der Panik?Und immer wieder Bilder des guten alten Amerika der Nachkriegszeit: schlendernde Leichtigkeit des Cool Jazz. Donald Byrd, John Coltrane, Chet Baker, Andrew Hill, Bud Powell – Barack Obama. Zentrale ästhetische Prämisse ist dabei die Verbindung von Intensität und Distanz. Die Gelassenheit bei gleichzeitiger Strenge, das Laszive bei gleichzeitiger Beherrschtheit. Die Schriftstellerin Joan Didion sagt kurz vor Weihnachten am Radio: «Vielleicht war es noch nie aufregender, in Amerika zu leben. Vielleicht war es überhaupt noch nie erstrebenswerter, Amerikaner zu sein.» Wieso? CNN zeigt – ausgerechnet – am Weihnachtstag nochmals die Bilder der Obama-Euphorie. Es scheint, als werde am 20. Januar nicht ein neuer amerikanischer Präsident ins Amt eingeführt, sondern ein Heilsbringer, ein Messias. Mit jedem Tag steigen die Zustimmungswerte. Was er auch vorschlägt, das Volk applaudiert. Ein Volk, ein Kontinent, ein Planet verharrt in freudiger Erwartung. Noch nie hat ein künftiger Präsident schon vor der Amtseinführung das Zepter so fest in die Hand genommen wie Barack Obama. Bevor Franklin Roosevelt das Amt Anfang 1933 von Herbert Hoover übernahm, weigerte er sich, in der Übergangszeit mit dem scheidenden Amtsinhaber zusammenzuarbeiten und Politik schon vor der Amtseinführung zu gestalten. Historiker fragen sich bis heute, ob Roosevelt damit zu jener Wirtschaftskatastrophe beigetragen hat, die er danach bekämpfte. Barack Obama setzt sich einer anderen Gefahr aus: Er bringt die wichtigste Vorlage seiner Amtszeit, das Rettungspaket für die Wirtschaft, schon auf den Weg, bevor seine Amtszeit begonnen hat und der Regierungsapparat es gestalten kann. Obama hat noch nicht die volle Macht, und doch entscheidet alles, was er jetzt tut, schon über Wohl und Wehe seiner Präsidentschaft. Ein Federstrich am ersten Tag im Amt eröffnet eine Partie Roulette, wie sie die Welt noch nie gesehen hat: Der Einsatz beträgt 850 Milliarden Dollar.Obama muss cool bleiben. Der Rausch seines Sieges wird nach dem 20. Januar endgültig verfliegen. In seinen ersten Interviews 2009 hatte sich seine Körpersprache bereits verändert, er liess Druck, Unausgeglichenheit und Unruhe spüren: Die klassische James-Dean-Pose blitzte auf, mit gesenktem Kopf und gesenktem Blick. Was aber blitzte in seinen Augen auf? War es Angst? Oder nagte bloss die Erkenntnis vom Ernst der Lage am nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten? Früher wurde die nationale Angst mit Krieg kompensiert. Das neue Gesicht Amerikas zeigt keine diesbezügliche Arroganz. Obama blickt in seiner Ernsthaftigkeit nicht mit der aggressiven Geste vieler seiner Vorgänger in die Kameras, es geht um Bescheidenheit, Ruhe und Abgeklärtheit. Obamas Gesicht gleicht im Januar dem Gesicht von Art Blakey auf dem Cover von «The Freedom Rider», ein Gesicht, das tief in sich gleichzeitig Schmerz und Erlösung zu sehen glaubt. Sein Gesicht mutet angespannt und lässig zugleich an, konzentriert und verloren in der Musik der Macht und den gewaltigen Aufgaben, die ihm bevorstehen. «Die Krise wird sich ausbreiten. Alles wird noch härter.» So klang es in den letzten Wochen, wenn Obama zur Nation sprach. Die Euphorie ist einer latenten Besorgtheit und Unruhe gewichen, die alles erfasst: die Werbung, die Nachrichtensprecher, die Kassenfräuleins im Supermarkt, den Immobilienagenten, Britney Spears, Bill Gates – eine Unruhe, welche hilft, der Gefahr des Apathischen, dem Erstarren in Bewegungs- und Antriebslosigkeit zu entgehen. Wenn Obama am kommenden Dienstag den Eid auf die Verfassung ablegen wird, muss ihm klar sein, wie er regieren will, wie er die Spaltung im Lande überwinden und wie er seine Botschaft der Versöhnung politisch übersetzen will. Doch wie leicht wird alles missverstanden: Die Unschuld war weg, als Barack Obama einfach schwieg. «Stell dir vor, es ist Krieg, und der wichtigste Mann der Welt schweigt», höhnte der erfolgreichste politische Talkmaster am US-Radio, Rush Limbaugh. Obama hatte jeden Kommentar zu Gaza vermieden. Limbaugh kümmerte es nicht, dass Obama erst in neun Tagen offiziell in sein Amt eingeführt wird. Dennoch: Wieso schwieg Obama? Hatte er nichts zu sagen? Er war doch längst der wichtigste Mensch auf der Welt, und um den Krisenherd Naher Osten wollte er sich doch gleich von «Tag eins an» kümmern. Das war eines der wichtigsten Wahlkampfversprechen. Doch nichts: keine substanzielle Analyse, keine Forderungen an die Konfliktparteien, nur höfliche Floskeln. Die Unschuld war weg.Doch das Schweigen des neuen Präsidenten hielt die sonst eher konservative «Los Angeles Times» für genau richtig: «Die Unschuld muss weg, denn Amerika ist immer noch schuldig (. . .).» Und keiner weiss das besser als Obama. Nichts hilft mehr, nur das sofortige Ende der Euphorie. Obama hat längst vom Hip-Hop des Wahlsiegwahnsinns auf Cool Jazz geschaltet. Die Lage ist ernst.>

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