Rauschendes Fest

Bedrohliche Laptop-Collagen, Plattenteller-Gerumpel und ein ganz klein wenig Pop: Das Berner Label Everest Records feiert sein zehnjähriges Bestehen.

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Es gibt mannigfaltig Motive, eine Plattenfirma zu gründen. Die schiere Liebe zur Musik mag eines davon sein, doch in der Regel ist der Entscheid eher pragmatischer als romantischer Natur: Die meisten Labels werden von Musikern gegründet, deren Tonwerke mit keinem herkömmlichen Plattenfirma-Businessplan in Einklang zu bringen sind. Dies war auch bei der Gründung des Berner Labels Everest Records vor zehn Jahren nicht anders.

Es war noch keine genauer definierte Geschäftsidee geboren, als Mich Meienberg im Winter 1999 die ersten Exemplare seiner auf 99 Kopien limitierten Debüt-CD «Holy Mud» in seinem Privat-Domizil zu stapeln und an Freunde und Interessierte zu verkaufen begann. Darauf waren vergleichsweise freundliche Songs gebannt, heimproduzierte Nachdenklieder mit leichtem New-Wave-Einschlag. Musikalisch ähnlich gelagert war der Everest-Zweitling von Meienbergs Band Chromic Flakes, doch bereits die dritte Veröffentlichung setzte erste künstlerische Massstäbe: «Elevatormusic» von Meienbergs heutigem Label-Kumpan Matu Hügli war eine finster-bruitistische Klangcollage voller bedrohlicher Atmosphären, eine Art Blaupause für das, was da noch kommen sollte.

Die Angst vor Dogmen

Bald wurde eine Homepage aufgeschaltet, auf welcher erste CD-Bestellungen eingingen, man begann im Dachstock der Reitschule Konzerte zu organisieren, doch so richtig als Label zu verstehen begannen sich Hügli und Meienberg erst, als sie sich mit ersten Anfragen fremder Bands konfrontiert sahen und erste Demo-CDs in den Milchkasten plumpsten. Die erste Fremdproduktion war das zappendustere Album «Mme. De Meuron» aus dem Jahre 2002, das der Berner Industrial-Schwarzmaler Op Rechts (Mike Reber) zusammen mit dem Plattenspieler-Manipulator Christoph Hess einspielte. Es folgten das wunderbare Angst-Pop-Album «Havarie» von Herpes ö Deluxe (ebenfalls mit Reber und Hess) oder das Experimentalwerk der Gruppe Tsuki (Margrit Rieben, Hans Koch und Paed Conca) – Alben, mit denen sich das Label Everest Records einen Namen vornehmlich unter den Freunden der experimentellen elektronischen Musik machte. «Diese düstere elektronische Palette hat unser Label in eine Ecke gerückt, in der wir uns zwar durchaus wohlfühlten, allerdings fürchteten wir uns auch stets vor künstlerischen Dogmen, die sich da hätten einschleichen können», erinnert sich Matu Hügli. «Natürlich wäre es für uns einfacher gewesen, Everest Records in einer eng begrenzten Nische zu positionieren, aber unsere musikalischen Interessen sind zu vielfältig, als dass uns dies auf Dauer Spass machen würde. Als gemeinsamen Nenner unserer Produktionen hätten wir bis vor einiger Zeit noch die elektronische Ambient-Musik angegeben, doch mit der klassischen Pianistin Hildegard Kleeb haben wir mittlerweile eine Künstlerin in unserem Sortiment, die diese Stimmungen auch ohne Computer zu erzeugen vermag.»

Überdurchschnittliche Qualität

Heute ist Everest Records für Meienberg und Hügli weit mehr als ein interessantes Hobby. Die beiden wenden drei Arbeitstage pro Woche für ihre Plattenfirma auf, es gehen Bestellungen aus aller Welt ein, obwohl die Auflagen der einzelnen Produktionen noch nie die Tausendergrenze überstiegen. Kürzlich haben die beiden Räumlichkeiten in der neuen Berner Kreativ-Kulturbüro-WG am Federweg 22 bezogen und daselbst auch ein kleines Studio eingerichtet, und im auslaufenden Jahr sind bereits neun Alben erschienen. Das Spektrum reicht von einem Jazzfestival-Willisau-Mitschnitt mit dem Stimmkünstler Bruno Amstad (The Fabulous Dance Machine) über die Elektro-Alben der Berner Benfay und Alphatronic bis hin zum aufgekratzten Elektro-Pop des Duos Copy & Paste oder dem neuesten Streich des erstaunlichen Plattenspielermannes Christoph Hess, der mittlerweile unter dem Namen Strotter Inst. die ganze Welt betourt. Der übrig gebliebene gemeinsame Nenner von Everest Records ist die überdurchschnittliche Qualität der Produktionen.

«Vorschüsse oder Produktionskosten können wir, wie so viele andere Kleinstlabels, unseren Künstlern leider nicht bezahlen», erklärt Mich Meienberg die Geschäftspolitik. Was verdient wird, stecken die beiden in die Promotion – soeben wurde ein Inseratevertrag über zwei Jahre mit dem englischen Musikmagazin «Wire» abgeschlossen. «Das Einzige, was uns ein wenig fuchst», so Matu Hügli, «ist der Umstand, dass wir vor lauter Arbeit mit unserem Label zunehmend Mühe bekunden, uns Zeit für unsere eigene Musik auszusparen.» Ein Abweichen von der Gründeridee, von dem heute eine ganze Menge anderer Musiker profitieren, die bei herkömmlichen Musikanbietern kaum Aufnahme gefunden hätten.



Reitschule Dachstock Do,

8. Okt.: Herpes ö Deluxe, Balduin, Alphatronic. Fr, 9. Okt.; Benfay, Copy & Paste, Feldermelder, Strotter Inst., Monpetitponey.

> (Der Bund)

Erstellt: 08.10.2009, 01:15 Uhr

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