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Die Wahrheit über: Garagisten

Mit dem Motor gab es noch nie Probleme. Seit 39 Jahren läuft er wie geschmiert. Alles andere ist ständig kaputt. Bremskolben, Alternator, Scheibenwischer, Zigarettenanzünder – es ist ein altes Auto. Seit ich diesen Wagen besitze, hat mein Garagist schon zweimal angebaut. Zurzeit sehe ich ihn häufiger als meine Mutter. Er erwähnt dann immer Dinge, die ich zu Hause in einem Lexikon nachschlagen muss. Benzinfilter, Nockenwelle, Vergasereinstellungen. Es kommt sehr oft vor, dass irgendwas nicht richtig saugt, dass irgendwas nicht richtig spritzt oder dass wir nochmals über den Kostenvoranschlag reden müssen.

Letztes Wochenende haben wir uns zufällig im Spielcasino getroffen. Es war schon spät, wir waren beide etwas angetrunken. Da hat er mich am Oberarm gepackt und geraunt: «Weisch, du hesch itz eifach e chlei Päch gha mit däm Chlapf.» Dann sagte er dem Fräulein, dass es mir doch auch noch was zum Trinken bringen solle. Er übernähme das.

Ein Auto wie meines fährt man mit den Ohren, nicht mit den Augen. Man kann sich nicht auf die Angaben von Tourenzähler und Tachometer verlassen. Besser, man hört auf den Motor. Sagt auch mein Garagist.

Als mein Auto im letzten Sommer aus dem Service kam, hatte ich noch ein bisschen Geld vorig. Ich bereiste die Balkanstaaten. In Serbien kam mir die Idee, die Abweichung der Tachometeranzeige zu untersuchen. Ich fuhr von Belgrad in eine Kreisstadt, gemäss Beschilderung eine Distanz von 100 Kilometern. Ich hielt die Tachonadel eisern bei 100 km/h. Nach 65 Minuten hatte ich die Kreisstadt erreicht. Mit dieser Abweichung konnte ich leben. Zurück in der Schweiz wiederholte ich den Versuch auf der Strecke Baden–Bern, ebenfalls 100 Kilometer. Die Fahrt dauerte 90 Minuten, obschon ich abermals konsequent 100 km/h gefahren war. Das verunsicherte mich.

Am nächsten Tag rief ich meinen Garagisten an. Er versprach, sich den Wagen so bald als möglich anzuschauen. Zwei Wochen später meldete er sich. Er hatte am Tacho keinen Defekt feststellen können, dafür an der Benzinpumpe und bei der Elektronik. Zu meinen Tests meinte er nur, dass es nicht am Auto liegen könne, eher an den Ländern. Er argumentierte mit der Weltgeschichte. Die Serben hätten ihre Grösse schon immer überschätzt. Sechzig Kilometer würden da aus Grossmut gerne auf hundert aufgerundet. Bei der Schweiz sei das gerade umgekehrt, wegen des Kleinmuts. Das leuchtete mir ein. Das Telefongespräch hat er nicht verrechnet. Dafür die Benzinpumpe.

Auch Für Handwerker: Die Kunst der Langsamkeit, Wahrnehmungsworkshop, Samstag, 6. Juni, 14 Uhr, Zentrum Paul Klee, Bern.

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