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Die Wahrheit über: 60 '000 Mahlzeiten

Es gibt diese Tage, an denen fühlt man sich wie ein Wassermolekül in einem Wolkenbruch, ein Staubkorn im Weltall oder die Schweiz am Eurovision Song Contest: klein, unauffällig, unbedeutend. Man ist dieses winzige Einzelmenschlein, das in der Masse ersäuft und keinerlei Erinnerungsspur hinterlässt. Denn die Chance ist gering, dass man dereinst in einem Lexikon auftaucht, ein die Zeit überdauerndes Kunstwerk schafft oder wenigstens als Name eines seltenen Gewächses in die Ewigkeit eingeht. Was bleibt ausser den paar unscheinbaren Genen, die man, so man denn reproduktionsfähig und -willig ist, an die nächste Generation weitergibt? Deshalb gilt es, das Leben mit ein bisschen Sinn anzufüllen, sich für kurze Momente wichtig zu fühlen. Manche betätigen sich zu diesem Zweck als grosse Wohl- oder noch grössere Übeltäter, andere wandern barfuss auf den Mount Everest und enden vielleicht als Zeitungsnotiz, noch andere kreuzen den Berufswunsch «Star» an und enden vielleicht nicht einmal als Zeitungsnotiz. Nicholas Feltron, 31, aus New York, hat eine andere Lösung gefunden. Der Grafiker würde an sich wohl keine globale Beachtung finden, denn sein Leben ist unspektakulär: Er fährt zur Arbeit, spielt «Grand Theft Auto», geht auswärts essen und ins Fitnessstudio. Doch Feltron macht noch etwas anderes: Er führt Buch über seine Aktivitäten, packt sein Leben in Diagramme und Tabellen und stellt das Ganze dann ins Internet. «Life Tracking» nennt sich das und ist eine Art Tagebuch à la Web 3.0. So erfährt man, dass Feltron im Jahr 2008 7 Bloody Marys trank, 76 Zeitschriften las und 545 Mal U-Bahn fuhr. Die «am wenigsten koschere Mahlzeit» war Schweinehintern mit Austern, das letzte Foto des Jahres schoss Feltron von der Golden Gate Bridge. Und 2007 trank Feltron im Schnitt 1,7 Tassen Kaffee am Tag, las 17,8 Seiten und hörte sich 69,2 Songs an. Auf den ersten Blick scheint dieses statistische Interesse an sich selbst kurios. Doch im Internet boomt das Geschäft mit den Lebensdaten-Diensten: Neben Musik- und Kaufprofilen lassen sich Statistiken über die Schlafdauer, Mahlzeiten oder sexuelle Aktivitäten erstellen, und Eltern können über die Windelfüllungen ihres Babys Buch führen. Da sprudeln und rauschen also die Zahlen, Einträge und Notizen, tagtäglich, weltweit, rund um die Uhr. Ist «Life Tracking» aber mehr als ein Datenschrott-Generator? Womöglich ja. Letzthin erzählte mir meine betagte Nachbarin, sie habe einmal ausgerechnet, wie oft sie in ihrem Leben gekocht habe: über 60000 Mal. Vielleicht hat sie auch 800 Fenster geputzt, eine Tonne Unkraut gejätet und 10000 Mal ein Kind getröstet. Da erscheinen dann aufs Mal die 8848 Meter des Mount Everest ganz klein, unauffällig, unbedeutend.Regula Fuchs«Netto» Improcomedy, Ono Bern, heute, 20 Uhr.>

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