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Prince und Jackson

Und wieder einmal scheint es der Welt zu gefallen, uns in lockerer Kadenz kleine Kostproben ihrer Unvollkommenheit abzugeben. So war neulich zu erfahren, dass der Schauspielerin Halle Berry am linken Fuss ein sechster Zeh wächst, was gar nicht mal so prima aussieht. Auch nicht prima ist, dass Michael Jackson gestorben ist, doch dazu später mehr. Weiter war zu hören, dass die Erbauer der Märklin-Modelleisenbahnen bankrottgegangen sind, ein Umstand, der ausserhalb der sonderbaren Welt der Hobby-Eisenbahner nicht sonderlich bedeutungsschwer scheint – wohl aber für Menschen, die nach Orientierung und Werten dürsten. Es gab nämlich eine Zeit, in der Michael Jackson noch nicht des Dopings überführt war und die Märklin-Eisenbahnen noch geschmeidig ihre Runden drehten. Damals war die Welt ziemlich unkompliziert, und sie war unterteilt in klar abgegrenzte Fraktionen: Man fuhr entweder Ciao- oder Puch-Maxi-Motorfahrräder, war dementsprechend Disco-Gänger oder Rocker, man war ein Migros- oder ein Coop-Kind, war für die Russen oder für die Amerikaner, man schrieb mit Geha- oder mit Pelikan-Füllfedern, trug entweder Puma- oder Adidas-Turnschuhwerk, man besass entweder eine Lima- oder eine Märklin-Eisenbahn, hörte U- oder E-Musik und man hörte vor allem Prince ODER Michael Jackson. Beides ging nicht – Prince und Jackson waren inkompatibel wie PC und Mac. Heute ist die Welt um einiges komplexer. Sich über den Füllfederhalter zu definieren, ist nicht mehr üblich. Die Rocker tanzen heute zu Discobeats von damals, Lima ist ebenso insolvent wie Märklin, die Auswahl der Länder, denen man heute eher unwohlgesinnt ist, erweitert sich laufend. Und Michael Jackson ist tot. Womit sich nun eigentlich alle Welt auf den Prince konzentrieren könnte. Tut sie aber natürlich nicht. Okay, die Tickets für seine kurz nach Jacksons Ableben angekündigten Konzerte in Montreux waren fix ausverkauft, doch im Moment scheint die ganze Welt ins Lager des Herrn Jackson übergetreten zu sein. Mit zünftiger Verachtung wird etwa eingedeckt, wer heute öffentlich einräumt, die (übrigens bei Weitem nicht ausverkaufte) letzte Schweizer Show des schmächtigen Mächtigen 1997 in Lausanne nicht ganz so sexy gefunden zu haben. Jackson brach damals bei der Einspielung alter Familienaufnahmen in einen 5-minütigen Weinkrampf aus und weinte kurz darauf wieder, als ein von ihm beauftragtes Kind mit einer Sonnenblume auf die Bühne trat und diese einem als Soldaten verkleideten Tänzer entgegenstreckte. «Jackson war eben ein sensibler Mensch mit echten Gefühlen», rufen nun die Michael-Jackson-Freunde dem Ketzer zu. Dieser schreibt mit seiner Geha-Füllfeder ins Tagebuch, dass echte Gefühle offenbar nicht zwingend förderlich sind für Kunst und Gedeih. Ane HebeisenPrince spielt am Samstag zwei Konzerte am Montreux Jazzfestival. Beide sind ausverkauft.>

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