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Zeitgeist wirkte auch in der Burgergemeinde

Akten aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg zeigen, dass die Burgergemeinde und ihre Exponenten «den Herausforderungen der Zeit nicht immer angemessen begegneten».

Der Begriff «Zeitgeist» fiel bei der Medienorientierung im Kultur-Casino (Text oben) nie. Dennoch ist es genau das, was der Burger und Historiker Christophe von Werdt bei der Durchsicht der Akten aus der Zeit von 1930 bis 1945 vorfand. Laut seinen Schlussfolgerungen machten sich Organe der Burgergemeinde «antisemitisch-rassistische, eugenische und fremdenfeindliche Argumentationsweisen zu eigen».

Nazis durften Casino mieten

Im Casino führten reichsdeutsche Kreise wie auch die Gesandtschaft Anlässe durch, was wegen des internen Charakters als problemlos empfunden wurde. Für Aufruhr sorgte eine im März 1945 durchgeführte deutsche Heldengedenkfeier. Kurz zuvor hatten Zeugen Jehovas den Saal mieten wollen, bekamen aber eine Abfuhr. Ihre Gesinnung sei jener «der Landeskirche entgegengesetzt», befand die Burgergemeinde. Der Anlass wäre zudem öffentlich gewesen.

Bei Einburgerungen fiel häufig das eugenisch angehauchte Stichwort «Blutauffrischung». Eltern, deren Kinder «schwachsinnig» waren, wurden oft nicht eingeburgert, allerdings gab es Ausnahmen.

Anhand der Vergabungen zeigt sich laut von Werdt, dass die Burgergemeinde tendenziell eher konservative Organisationen mit Spenden bedachte. An eindeutig rechtskonservative Organisationen flossen nur vereinzelte und kleine Beträge. Aus den Akten geht laut von Werdt hervor, dass die frontistische Vergangenheit des 1968 gewählten Burgerratspräsidenten Georges Thormann «weder in den Gremien der Burgergemeinde noch in den bernischen Zeitungen aktenkundig thematisiert» wurde. Das «Totschweigen» dieses Kapitels der Schweizer Geschichte sei bis zum Erscheinen erster historischer Werke im Jahr 1969 «für weite Teile der Nachkriegsgesellschaft kennzeichnend gewesen», vermutet er.

Polemik um «Distelzwang»

In Rieders Buch ist auch das Zunfthaus zum Distelzwang an der Gerechtigkeitsgasse ein Thema. Einen Raum vermietete die Zunft an Georges Thormann, damals Gauführer der Nationalen Front. Die vom Zunftangehörigen Peter Martig – von Beruf Berner Staatsarchivar – in leicht gereiztem Tonfall abgefasste Stellungnahme zu den Akten betont, dass Thormann die Kündigung erhalten habe. Diese sei erfolgt, nachdem seine Organisation an Häusern provokative Parolen angebracht habe. Die Zunft habe «von einer nicht genug zu bedauernden Malaktion» gesprochen und die Front vor die Tür gesetzt. Martig zweifelt in seinem Bericht indirekt die Wissenschaftlichkeit von Rieders Arbeit an, da sie zwar die Vermietung des Raums an die Front thematisiere, die Kündigung aber verschweige. Martig fragt rhetorisch, inwiefern Rieder so ihre gegen die Burgergemeinde gerichtete «Verschwörungstheorie» zu stützen trachte.

Autorin weist Kritik zurück

Diese Bemerkungen seien «sehr polemisch» und zum Teil «schlicht falsch», sagt Rieder auf Anfrage. Der Vorwurf, sie habe absichtlich Quellen verschwiegen, um die Zunft in ein schlechtes Licht zu rücken, sei haltlos. Sie habe die nun von der Zunft präsentierten Quellen «nie gesehen» – «und auch nie sehen können». Als Aussenstehende habe sie keinen Zugang zu den Sitzungsprotokollen des Exekutivgremiums gehabt, was der Zunft bekannt sei. Für Rieder ist «letztlich nur von Interesse, welche zusätzlichen Informationen diese erstmals öffentlich präsentierten Quellen bieten».

Auf Nachfrage wollte von Werdt an der Medienkonferenz den Vorwurf Martigs nicht kommentieren. Er wisse nicht, ob Rieder Einsicht in diese Akten gehabt habe, sagte er. Für ihn zeige dieses Beispiel aber trefflich, dass sich der Forschungsstand erhöhe, sobald der Einblick in neue Aktenbestände möglich sei: «In Rieders Buch fehlen Puzzlestücke, die jetzt ergänzt wurden.»

Angaben zum Buch: Katrin Rieder; Netzwerke des Konservatismus – Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert; Chronos-Verlag 2008.

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