Zum Hauptinhalt springen

Private Verbrecherjagd im Internet

Das Opfer einer Schlägerei beim Berner Rosengarten sucht im Internet nach Zeugen. Und setzt eine Belohnung von 3000 Franken für Hinweise aus, die zum Täter führen. Privatermittlung oder Kesseltreiben? Die Experten sind uneinig.

Im letzten Sommer haben sich Tausende Jugendliche auf der Internet-Plattform Facebook zu Besäufnissen verabredet. Kürzlich lancierte eine Facebook-Gruppe eine Volksinitiative zur Senkung der Billag-Gebühren. Neu mischen sich Facebook-Nutzer gar in hoheitliche Staatsaufgaben ein, etwa in die Strafverfolgung. Seit dem 3. Januar nutzt das Berner Opfer einer Schlägerei Facebook zur Verbrecherjagd: Gesucht wird ein «Messerstecher». Dieser soll dem Opfer an Silvester beim Rosengarten die Stirn aufgeschlitzt haben. Ebenfalls auf der Homepage: Ein Steckbrief zum Äusseren des Täters und ein Bild des blutenden Opfers. Ausserdem stellt das Opfer eine Prämie von 3000 Franken für Hinweise, die zum Täter führen, in Aussicht. Über 1900 Nutzer haben sich in den ersten vier Tagen der Facebook-Gruppe «Tätersuche Messerstecherei Rosengarten 31.12.08/01.01.09» angeschlossen.Mehrere konkrete HinweiseDas Opfer begründet: «Ich wollte nicht einfach Anzeige gegen unbekannt erstatten und die Ermittlungen der Polizei überlassen. Das hätte eh nichts gebracht.» Der Mann, der anonym bleiben will, hat sich in der Tatnacht von der Polizei schlecht behandelt gefühlt. Nun sucht er den Namen des Täters, um gegen ihn Anzeige zu erstatten. «Es sind schon einige konkrete Hinweise eingegangen. Die werde ich jetzt prüfen und dann zur Polizei gehen.»Die Berner Kantonspolizei widerspricht den Vorwürfen des Opfers. Bisher seien bei der Kantonspolizei noch keine Strafanzeigen eingegangen, sagt Mediensprecher Jürg Mosimann. Um die Ermittlungen vorantreiben zu können, gehe man von einem Offizialdelikt aus. «Rechtlich zulässig»Der emeritierte Strafrechtsprofessor Stefan Trechsel findet bislang wenig Beunruhigendes am Vorgehen des Rosengarten-Opfers. «Das Strafprozessrecht lässt die Bürgermitwirkung bei der Strafrechtspflege ausdrücklich zu», so Trechsel. Entscheidend sei, was passiere, wenn tatsächlich Informationen bezüglich der Täterschaft fliessen. Es müsse sichergestellt sein, dass die Initianten des Zeugenaufrufs nicht ausserhalb des Verfahrensweges gegen Verdächtige vorgehen. «Die private Initiative darf keinesfalls in Selbstjustiz münden.» Allerdings mahnt Trechsel auch zur Vorsicht: Wenn das Beispiel der Facebook-Fahndung Schule mache, könnte dies zu einer Atmosphäre von Denunziantentum und privaten Verbrecherjagden führen. «Das wäre sehr unerfreulich.»«Im Prinzip spricht nichts gegen diese privaten Ermittlungen», meint auch der Berner Oberrichter Thomas Maurer. Selbst gegen Kopfgelder für die Ermittlung der Täterschaft sei grundsätzlich nichts einzuwenden. Schon häufig hätten Privatpersonen mit diesen Instrumenten der Polizei behilflich sein können. Die Grenze liegt für Maurer dort, wo Persönlichkeitsrechte verletzt werden. «Sobald Daten von möglichen Verdächtigen an die Öffentlichkeit gelangen, wird es sehr gefährlich.»Genau das befürchtet Kurt Imhof, Soziologe an der Universität Zürich. «Wenn Kopfgelder ausgesetzt werden und 1900 Personen an einer Kopfgeldjagd teilnehmen, dann sind das Wildwestzustände im virtuellen Raum.» Das Internet biete den Schutz der Anonymität und enthemme damit seine Nutzer, sagt Imhof. Die Folge: Niemand sei mehr sicher vor Verunglimpfung und Blossstellung. «Strafverfolgungen sind mit guten Gründen eine Angelegenheit des Rechtsstaats.» Wenig Persönlichkeitsschutz Der Persönlichkeitsschutz ist im Internet generell schwierig zu garantieren. Um sich bei Facebook zu registrieren, genügt ein Pseudonym und eine beliebige E-Mail-Adresse. Schon kann ein Nutzer Gruppen beitreten, in Foren mitdiskutieren und – so er denn will – Verleumdungen platzieren. Um die Seite des Rosengarten-Opfers nur einzusehen, ist noch nicht mal eine Facebook-Mitgliedschaft erforderlich.Da die Facebook-Betreiber den Überblick über sämtliche Gruppen, Mitglieder und Seiteninhalte nicht wahren können, übertragen sie die Haftung für die Inhalte auf die Nutzer. Diese versichern in den Nutzungsbedingungen unter anderem, dass sie keine Inhalte hochladen, die andere Nutzer einer Gefahr aussetzen könnten. Ebenso: Inhalte, die als diffamierend oder aufrührerisch betrachtet werden und solche, die zu einer Straftat ermuntern. Bezüglich der Tätersuche auf Facebook teilt Kantonspolizei-Mediensprecher Jürg Mosimann lediglich mit: «Wir gehen jedem Hinweis nach, bei dem uns der Melder bekannt ist, aber falsche Anschuldigungen sind strafbar.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch