Menschen auf dem Berner Münster

Stadt Bern

«Leben auf dem Berner Münsterturm»: Peter Probst, Münsterturmwart von 1985 bis 1997, bringt wieder Leben in die, gegenwärtig unbewohnte, alte Turmwohnung auf dem Berner Münster – als Autor eines originellen Münsterbuches.

Er sei wohl schon ein bisschen «jener spezielle Kauz, der man sein muss, wenn man aufs Münster zügeln will»: Das sagte Peter Probst 1985 im «Bund» – nachdem er dreissig Mitbewerberinnen und Mitbewerber ausgestochen hatte und zum neuen Münsterturmwart gewählt worden war. 254 Treppenstufen über BernEr freute sich, die 50 Meter und 254 Treppenstufen über der Altstadt gelegene Turmwohnung zu beziehen. Und er erzählte, wie er die Münster-Wendeltreppe schon als Jugendlicher bestens gekannt habe: Wie er in seiner Schulzeit fünf Jahre lang sein Sackgeld als Treppenwischerbub der damaligen Turmwartin Elisabeth Kormann verdient hatte. «Im Winter, zwischen November und den Eisheiligen», erzählte er, «habe ich ihr jeweils geholfen, kesselweise Wasser die 254 Stufen hinauf zu tragen. Damals gab es in der Turmwohnung noch kein fliessendes Wasser.»Am 1. Dezember 1985 trat Peter Probst die Turmwartstelle an. Zwei Jahre später heiratete er seine Stellvertreterin Sigi Gertschen, die er als Münsterturmbesucherin kennengelernt hatte. Bis 1997 «hüteten» die beiden den Münsterturm gemeinsam, Ende 1999 verliessen sie ihn. Und nun, als 76-Jähriger, lässt Peter Probst seine Zeit als Münsterturmwart – und die Zeit vor ihm,auch die historische Zeit der Hochwächter im Alten Bern – Revue passieren: im originellen kleinen Büchlein «Leben auf dem Berner Münsterturm».«Kein Job – Lebensauffassung»Ausführlich erzählt der einstige Architekt Probst, wie für ihn damals, mit der Berufung aufs Münster, ein Bubentraum in Erfüllung ging – und wie diese Anstellung für ihn «nicht Job, sondern Lebensauffassung» war. Und wie seine Lehrzeit als Turmwart einige Jahre gedauert hatte: «Meine Lehrmeister waren Besucher aus aller Herren Länder, Schulkinder aus allen Winkeln der Schweiz, suizidgefährdete Menschen auf dem Turm, allwissende Lehrer von überall, Mächtige der Kirche und Ohnmächtige der Strasse, kritische Besucher meiner Münsterführungen, begeisterte und arrogante Touristen, Turmbesucher, die zu Freunden wurden, und allen voran meine Vorgänger und Vorgängerinnen, die Turmbewohner aller Zeiten.»Ihnen, den Hochwächtern im Alten Bern, seinen Vorgängerinnen und Vorgängern im 20. Jahrhundert und seinen Turmwart-Nachfolgern widmet er nun sein Buch.1519 kamen erste HochwächterSo erfährt man, dass 1519 die ersten Hochwächter im Turmoktogon eingezogen waren und dort vielseitige Aufgaben zu erledigen hatten: «Sie waren zum Beispiel für die Brandwache und die Meldung von Radau oder unerlaubten Zusammenrottungen zuständig. Zu ihren Aufgaben gehörte auch das Schlagen der Stunden auf der Burgerglocke.» Und so berichtet Probst auch, dass für das hohe Amt der Turmwächter nur «Stadtbürger unbescholtenen Rufes» infrage kamen.David Jordan, Oberhochwächter von 1826 bis 1834, war der erste Turmwart, der seine (dritte) Ehefrau, Catharina Elisabetha, mit auf den Turm nahm. «Damit», berichtet Probst, «begann eine 180 Jahre dauernde Tradition, die nur ich ein Jahr lang unterbrochen hatte und die mit der Aufhebung der Turmwohnung 2007 zu Ende ging.»1878 das erste TelefonDie «Meldungen nach unten» erfolgten einst mit Hörnern, Feuerglocken, Laternen und Fahnen – bis 1862 eine telegrafische Verbindung zwischen dem Münsterturm (Hochwacht) und dem Polizeigebäude eingerichtet wurde. Diese wurde 1878 durch «eine hochmoderne Fernsprech-Einrichtung» (Telefon) der New Yorker Bell Telephone Company ersetzt.Auch die Turmwohnung wurde modernisiert. 1896 beschrieb das «Berner Tagblatt» die neue Turmwächterwohnung als «zierliches Appartement, das trotz gothischen Fensterformen und in Blei gefassten Rauten-Scheiben an Modernität nichts zu wünschen übrig lässt». Speziell erwähnt wurden «Centralheizung, Abtritt mit Spülung, Parkettboden, bemalte Decken, hübsch niedliche Zimmerchen – wie mans heute liebt».Zwei Geburten auf dem MünsterProbst erinnert auch daran, dass die langjährige Turmwartin Elisabeth Kormann am 5. Juli 1910 und am 8. Oktober 1913 im Ostzimmer der Turmwohnung zwei Mädchen zur Welt gebracht hatte, Heidi und Hanni – unter gütiger Mithilfe der Hebamme Rohrbach: Diese hatte jeweils eiligst die 254 Treppenstufen von der Kesslergasse hinauf in die Turmwohnung zu erklimmen, um rechtzeitig vor der Geburt zur Stelle zu sein. Elisabeth Kormann lebte von 1909 bis 1966 auf dem Münster (bis 1937 mit ihrem Mann Otto), und Peter Probst ehrt sie nun als «charismatische Frau mit einem Engagement, das sie in der ganzen Stadt bekannt machte». Während ihrer 58-jährigen Turmzeit hätten sich «fünf Stadtpräsidenten abgelöst, viermal gab es einen neuen Kirchmeier, in der Kirche unten predigten 13 Pfarrherren, in Bern wurden sechs neue Kirchen gebaut und drei Hochbrücken über die Aare errichtet».Zu erfahren ist in Probsts Büchlein auch, dass Familie Kormann auf dem Turm auch mehrere Haustiere hielt: Vögel, eine Schildkröte, weisse Mäuse, Katzen, Hunde, einen Papagei – «und einmal sogar ein herziges weisses Gitzi».Wenn die Henkersglocke läuteteWeniger beschaulich war es auf dem Münsterturm noch ein knappes Jahrhundert zuvor jeweils gewesen, wenn der Turmwart zur Ankündigung einer Hinrichtung unten an der Kreuzgasse die Armesünderglocke (oder Henkersglocke) zu läuten hatte. Dies war zwischen 1735 und 1861 «für 65 arme Sünder» der Fall: «37 wurden mit dem Schwert enthauptet, 18 mit dem Strang gehängt, sechs erdrosselt und vier auf den Brechen gerädert.» Im ausführlichen Kapitel über die Münster-Glocken und die Münster-Glöckner ist zu erfahren, dass die Henkersglocke seit dem 9. Dezember 1861 nicht mehr geläutet wurde, bis sie nach der Elektrifizierung des Geläutes 1944 wieder in das Vierer- und Sechsergeläute aufgenommen und ab 2002 wieder als Einzelglocke erschallte – was Probst damals erfolglos bekämpft hatte.Peter Probst hatte auch nicht verhindern können, dass der Münsterturm seit 1997 ganzjährig publikumswirksam beleuchtet wird. Oder dass nach dem «Abstieg» des letzten wirklichen Turmwart-Paares Elisabeth Bissig und Ivo Zurkinden im März 2007 die Turmwohnung (vorläufig?) unbewohnt blieb – was er im Buch eben als« Traditionsbruch» beklagt.Das Wellenbad in der WanneZum Schmunzeln regen andere Reminiszenzen an, die «der spezielle Kauz» Peter Probst in seinem liebevoll zusammengestellten – und vorwiegend mit Fotos des ehemaligen «Bund»-Fotografen Hansueli Trachsel illustrierten – Buches präsentiert: zum Beispiel seine Begegnungen mit alten Turmbesuchern, die er im «Greisenbuch» verewigte. Oder seine Freundschaft mit der Altstadtbewohnerin Helen Schätzle, die den Turm mehr als 1300 mal bestieg. Oder seine Erinnerung an das Jahr 1968, als ein kühner Münsterkletterer mit dem Hissen der Vietcongfahne auf der Turmspitze gegen den Vietnamkrieg protestierte. Oder mit seinem verblüffenden Hinweis darauf, dass man sich in der Badewanne der Turmwohnung bisweilen in einem veritablen Wellenbad wähnen konnte – «wenn beim Einläuten der Sonntagspredigt mit sechs Glocken das Wasser in der Wanne sich ost-westlich zu bewegen begann».

Der Bund

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