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Kommentar: Zeitgeist und Bescheidenheit

Wer in alten Schriften und Akten stöbert, findet nicht nur Wunderliches, sondern auch Erschreckendes. Das ging auch der Burgergemeinde Bern so, als sie – aufgeschreckt durch Nachforschungen einer Historikerin – in den Keller hinabstieg und den Staub von den Kladden blies. Da durfte etwa die Gesandtschaft Nazideutschlands ihre Festivitäten im Casino der Burgergemeinde abhalten. Bei einburgerungswilligen Familien mit kranken Kindern stellten Gremien krude «rassenhygienische» und eugenische Überlegungen an. Burger, die vor dem Krieg in Frontistenkreisen ihr Unwesen trieben, erlangten später in der Burgergemeinde Amt und Würden, allen voran der angesehene Georges Thormann, Burgerratspräsident von 1968 bis 1984.

Je nach Standpunkt löst der Befund Bedauern, Scham, Wut oder Schadenfreude aus – überraschend ist er nicht. Die Akten illustrieren nur, wie weit verbreitet «rassische» Überlegungen damals waren, wie unbefangen über die «Judenfrage», «wesens- und artfremde Elemente» oder «Papierschweizer» geurteilt wurde. Jeder Gang in ein Kirchenarchiv, in die Sammlung einer Gemeinde oder eines Vereins dürfte Ähnliches zutage fördern. Man würde sehen, wie der Antikommunismus manch bürgerlich-konservative Organisationen dazu verleitete, den Nazismus zu verharmlosen. Andererseits dürfte man bei linken Gruppen Bewertungen zu Stalins Sowjetunion finden, die heute niemand mehr versteht.

Das ist kein Trost, doch entlarvt es deutlich die Halbwertszeit von vermeintlichen Gewissheiten. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard formulierte es treffend: «Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein.» Umso mehr sind Menschen zu würdigen, die Fehlentwicklungen früh erkennen. Die Mehrheit aber, die dem Zeitgeist willig aufsitzt, sollte sich die Vorsicht auferlegen, die gestern Burgergemeindepräsident Franz von Graffenried zeigte, als er sagte: «Ich weiss nicht, wie ich damals gedacht hätte.» Mit der Sichtung der Akten hat die Burgergemeinde einen ersten Schritt vollzogen. Nun muss die Detailaufarbeitung erfolgen, die ja laut Burgergemeinde kaum noch böse Überraschungen zutage fördern wird.

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