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Klappe für Mischa und Mascha!

Zweiter Tag des russischen Staatsbesuchs: Während Präsident Dmitri Medwedew im Kanton Uri des russischen Generals Suworow (1729–1800) gedachte, widmete sich Gattin Swetlana Medwedewa beim Berner Bärengraben tierischem Jungvolk (*2009).

Nun ist auch das letzte Rätsel gelöst. Bereits letzte Woche ist durchgesickert, dass das russische Präsidentenpaar der Stadt Bern zwei junge Bären als Gastgeschenk überreichen würde. Jetzt steht auch fest, dass die zwei Waisenkinder, die sich seit gut einer Woche in Bern einleben, bereits einen Namen haben.

Nein, die zwei Braunbären aus den Wäldern Ussuriens heissen nicht unbescheiden Dmitri und Swetlana und auch nicht – als stille Reverenz an die Putins – Wladimir und Ludmilla. Die beiden Bären, übrigens keine Geschwister, seien auf die Namen Mischa und Mascha getauft worden, klärt die russische Präsidentengattin Swetlana Medwedewa Stadtpräsident Alexander Tschäppät am gestrigen Morgen am Berner Bärengraben auf. Alle Kinder, die sich auf einen Namensgebungswettbewerb gefreut haben, freuten sich also zu früh. Doch an den Bären werden sie noch viel Spass haben.

Die Vorboten des Staatsbesuchs sind an diesem Dienstag früh vor Ort. Bereits in der Morgendämmerung riegeln Kantonspolizisten das Gelände um den Bärengraben ab. Der schwarz verhängte Zaun, der die Bären während der viermonatigen Quarantäne vor allzu neugierigen Blicken schützen soll, wird für den offiziellen Akt beiseitegeräumt. «Die Bären sind im Stall. Die neuen Bären müssen sich erst eingewöhnen und brauchen deshalb Ruhe», wird Touristen und Bernern auf Plakaten mehrsprachig erklärt. In der Tat: Von den zotteligen Hauptdarstellern des Staatsakts ist nichts zu sehen.

Um den leeren Graben herrscht reges Treiben. Sicherheitsbeamte in Uniform und Zivil erhalten letzte Anweisungen. Mitarbeiter der Stadtverwaltung und des Bundes stehen sich nervös die Beine in den Bauch. Eine kleine Russland-Flagge hängt am Grabengeländer, davor steht ein Korb mit Rüebli und anderen Bären-Leckereien. Der Stadtberner Sicherheitsvorsteher und politische Tierparkchef Reto Nause tigert vor dem Bärengraben hin und her. Gemeinderat Nause ist sich aber nicht zu schade, selbst für einen ästhetisch stimmigen Rahmen zu sorgen, und entfernt eine unfeierliche Rolle Haushaltspapier, die die Szenerie stört.

Eine Schar russischer Journalisten steigt aus einem Car und gesellt sich zu den Schweizer Berufskollegen. Und über die Nydeggbrücke streben Gemeinderätin Barbara Hayoz und Stadtpräsident Tschäppät dem Schauplatz entgegen. Die Stadtoberen, ansonsten immer auf die Minute pünktlich, treffen eine halbe Stunde zu früh beim Bärengraben ein. Der Einhaltung des diplomatischen Protokolls soll nichts im Wege stehen. Auf 9.30 Uhr ist Medwedewa angekündigt; das Warten geht weiter.

Kurz vor halb zehn ist es dann so weit. Der Staatsgast ist zwar noch nicht erschienen. Aber die Klappe für die Bären fällt und das Schiebetor im Graben wird hochgezogen. Heraus trollen die zwei Jungtiere. Sofort beginnt die Show: Die beiden plantschen, rennen und kämpfen verspielt, was das Zeug hält. Nur als einer der zwei Bären sich mit den Zähnen am Hosenbein des Wärters zu schaffen macht, ist eine liebevolle Ermahnung fällig. Journalisten wie Schaulustige hinter der Absperrung zücken ihre Fotoapparate. Hätten noch Zweifel über die Niedlichkeit der jungen Russen bestanden, so wurden sie gestern ausgeräumt. Die zwei Bärchen werden die Herzen der Besucher des neuen Bärenparks, der am 25. Oktober eröffnet wird, im Sturm erobern.

Vor lauter Verzückung geht die Ankunft von Swetlana Medwedewa fast unter. Tschäppät geleitet die Präsidentengattin und Roswitha Merz, Gattin des Bundespräsidenten, zum Graben. Die Gemeinderäte Hayoz und Nause sowie Entourage stehen Spalier. Eine offizielle Rede gibt es nicht. Doch ist aus Distanz zu hören, dass sich Tschäppät für die «grosse Ehre» für die Stadt Bern bedankt, die üblicherweise bei Staatsbesuchen ja nicht beschenkt werde. Es sei bereits «das zweite Mal, dass Russland der Bundesstadt heuer Freude macht», sagt Tschäppät und verweist auf den Hockey-WM-Titel, den die Russen im Frühjahr in Bern erkämpften. Und der Stadtpräsident revanchiert sich: Nach der Enthüllung einer Gedenktafel überreicht er auch dem Gast zwei Bären, «damit in Russland keine fehlen», wie Tschäppät bemerkt. Eine Bärchenkette in Gold eines Berner Juweliers soll Medwedewa stets an Bern erinnern, ein Schokoladenbär ihr «die Heimreise versüssen».

Swetlana Medwedewa habe sich «von der Schönheit und der Geschichte der Stadt Bern beeindruckt» gezeigt, lassen die Behörden später verlauten. Auch ihr Gatte, Dmitri Medwedew, habe Bern am Montagabend im «Bellevue» gelobt. «Für mich – wie auch für Millionen russischer Bürgerinnen und Bürger – gehört diese Stadt zu den Wahrzeichen eines facettenreichen Bildes Ihres Landes und dessen ereignisreicher Geschichte», habe der Präsident der Russischen Föderation vor den geladenen Gästen gesagt.

Die Zeremonie beim Bärengraben ist kurz. Nach zwanzig Minuten ist gesagt, was gesagt werden musste. Was fehlt, ist das perfekte Fotosujet für die Presse: die Prominenz im Vorder-, die Bären im Hintergrund. Doch die beiden Kerle wollen den fürs Foto prädestinierten Sandsteinhügel im Graben einfach nicht erklimmen. «Bernd, bringsch se nid ufe?», ruft Tschäppät. Tierparkdirektor Bernd Schildger, der abseits steht, zuckt mit den Schultern. Die Bären machen was sie wollen. Und Tanzbären will Bern nicht.

Schliesslich gelingt es einem Bärenwärter trotzdem: Angelockt durch ein Rüebli, klettern die Bären auf den Sandsteinhügel. Die Fotoapparate klicken hundertfach. Und kurz darauf brausen die Staatskarossen davon. Die Staatsbesuch-Show ist vorbei. Diejenige im Bärenpark hat jedoch gerade erst begonnen.

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