Der Progr bleibt, was er ist

Überraschend klar hat sich die Berner Stimmbevölkerung für die Künstlerinitiative Pro Progr entschieden. Die unterlegenen Parteien und das Komitee «Doppelpunkt» befürchten eine Schwächung des Investitionsstandorts Bern.

Geschafft: Die Progr-Künstler feiern das deutliche Ja zum Kulturzentrum – unter ihnen der Initiator Peter Aerschmann (roter Pulli). (Nadja Frey)

Geschafft: Die Progr-Künstler feiern das deutliche Ja zum Kulturzentrum – unter ihnen der Initiator Peter Aerschmann (roter Pulli). (Nadja Frey)

Ruedi Kunz

Wer gestern in den Innenhof des Progrs trat, glaubte sich eher an einem Grillfest unter Freunden als an einer politischen Veranstaltung. Die Progr-Künstler haben sich versammelt, um gemeinsam dem Abstimmungsresultat entgegenzufiebern, das über die Zukunft des Kulturzentrums im ehemaligen Progymnasium am Waisenhausplatz entscheidet. Ballons werden aufgeblasen, der Duft frischer Crèpes hängt in der Luft, Bier hält die Kehlen feucht. Manche der Künstler haben in den letzten Wochen mehr Politik als Kunst gemacht – im Innenhof scheint die Anspannung mit Händen greifbar.

Dann schlägt es vier Uhr. In einem Halbkreis hat sich die Menge um einen Radio versammelt, schweigend wartet man auf das Regionaljournal, das das Abstimmungsresultat verkünden wird. Doch Matthias Kuhn, Vorstandsmitglied des Vereins Pro Progr, ist mit dem Velo vom Erlacherhof zum Progr gesprintet – und schneller als das Radio: «66 Prozent für uns», schreit er in den Innenhof. Jubel bricht aus, Sekt und Tränen fliessen. Aus dem Luftschloss, das der Videokünstler Peter Aerschmann (siehe Interview) mit seinem Effort erdacht hat, ist ein längerfristiges Kulturzentrum im Herzen von Bern geworden.

«Ein Experiment»

Im Erlacherhof, an der Pressekonferenz des Gemeinderates, ist die Stimmung aufgeräumter. Stadtpräsident Alexander Tschäppät (sp) kommentiert das deutliche Resultat – das auch eine Niederlage des Gemeinderates ist: «Der Souverän hat überrascht», sagt Tschäppät. Die Stimmbevölkerung habe sich für «ein Experiment» entschieden. Daraus müsse geschlossen werden, dass sie das «Potenzial des Progr erkannt hat» und ihm eine Chance geben wolle. Nun sei es an den Künstlern, den Verpflichtungen nachzukommen und das Haus bis ins Jahr 2015 komplett zu sanieren.

Den Verlierern wand Tschäppät ein Kränzchen: Die «Doppelpunkt»-Initianten hätten sich jederzeit fair verhalten, obwohl sich die Planungsgeschichte nicht in ihrem Sinn entwickelt habe.

Zur Erinnerung: Bis im Herbst 2008 sah es so aus, als könne die Zürcher Generalunternehmerin Allreal das ehemaligen Progymnasium in ein Zentrum für Gesundheit, Bildung und Kultur umwandeln. Dann kam der überraschende Entscheid des Stadtrats, der Künstlerinitiative bis Ende Jahr Zeit zu geben, den Finanzierungsnachweis für das Projekt Pro Progr zu entwickeln. Ein Unterfangen, welches den Künstlern gelang und ihnen gleichzeitig die Tür öffnete, sich an der Urne mit dem Projekt «Doppelpunkt» zu messen.

Finanzdirektorin Barbara Hayoz (fpd) macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. «Ich bedaure es sehr, kann ,Doppelpunkt‘ nicht realisiert werden.» Die Stadt sei immer hinter diesem Projekt gestanden. Hayoz gratuliert den Künstlern zu ihrem Erfolg. Gleichzeitig erinnert sie an die Fragezeichen punkto längerfristiger Finanzierung des Progr. Die Stadt werde wachsam sein: «Ich hoffe, die Geldgeber halten Wort.» Mit Enttäuschung reagiert freilich auch das Komitee, das sich für das Projekt «Doppelpunkt» engagiert hat (siehe Kasten).

Der Progr wird am 1. August 2009 an die Stiftung Progr überschrieben. Diese hat danach ein Jahr Zeit, eine Baubewilligung für den Umbau des Gebäudes einzureichen. Im Baurechtsvertrag, der für 30 Jahre gilt, ist weiter festgeschrieben, dass die Sanierung Ende 2015 abgeschlossen sein muss. Ist dies nicht der Fall, fällt das Gebäude automatisch an die Stadt zurück. Das Risiko sei für die Stadt also nicht wahnsinnig gross, so Hayoz.

«Als Partnerin unglaubwürdig»

Am frühen Abend folgen die Reaktionen der Parteien. Béatrice Stucki, Ko-Präsidentin der SP Stadt Bern, führt das klare Verdikt auf das Wirken der Künstler zurück: «Es ist ihnen gelungen, einen Unort zu beleben und sie haben Veranstaltungen durchgeführt, die eine breite Ausstrahlung haben.»

Das Grüne Bündnis (GB) gratuliert der Künstlerinitiative zu ihrem Erfolg und hofft, dass diese «ihre Innovationskraft und kulturpolitische Ausstrahlung über Bern hinaus aufrechterhalten kann».

Eine Niederlage eingefahren hat die Grünen Freie Liste (GFL), hat sie doch ein zweifaches Nein empfohlen. Sie nehme das Resultat mit «gemischten Gefühlen» zur Kenntnis, schreibt die Partei in einer Pressemitteilung. Einerseits freut sich die GFL «über das klare Statement der Berner Bevölkerung zum Kulturbetrieb im Progr». Andererseits gibt es laut der Partei gleich zwei Verlierer: «Zunächst die Allreal als Investorin – vor allem aber die Stadt Bern, welche sich mit ihrem Vorgehen für künftige Investoren als Partnerin unglaubwürdig gezeigt hat.»

Der Innenhof des Progr ist in der Zwischenzeit eine Disco geworden. Die Progr-Künstler führen Freudentänze auf. Die Initiative habe eine Bewegung geformt, erzählen Progr-Künstler, eine Bewegung, die Berns Kulturszene wohl seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt habe. Ob das klare Verdikt der Berner und Bernerinnen Früchte trägt, werden die nächsten Jahre zeigen.

Der Bund

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