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Der Opernhaus-Abwart im Gäbelbach

Hauswart Werner Spori sorgt für Ordnung und Sauberkeit an der Gäblebachstraase 31-47. Doch gegenwärtig ist die Normalität ausser Kraft gesetzt, denn im Block werden Szenen für die Oper «La Bohème» geprobt.

Kräftige Arme schleppen Requisiten ins Haus. Ein Tenor singt sich ein. Es klingt nach Oper – und es ist Oper. Bern hat ein neues, mächtiges Opernhaus – mitten im Gäbelbach. Aber die neue Kulturstätte ist nur vorübergehender Natur. Somit ist kein Operndirektor Herr im Hause, sondern nach gutschweizerischer Manier – der Abwart. «Hauswart heisst das heute», korrigiert Abwart Werner Spori und skizziert kurz die Grösse seines Reichs: Er sorgt für Ordnung und Sauberkeit «für 9 Eingänge à 17 Etagen, also für rund 300 Wohnungen oder 900 Leute». Doch mindestens so wichtig sei «der Kontakt zu den Leuten». Mit Namen kenne er nicht alle: «Aber ich weiss von allen, in welchem Eingang und in welchem Stock sie links oder rechts wohnen.»

Umfassende Ordnung ist gewissermassen das höhere Berufsziel jedes Abwarts. Doch gegenwärtig ist im Block die Normalität ausser Kraft gesetzt, und Werner Spori ist sogar Teilzeitobdachloser: In mehreren Wohnungen des Blocks werden Szenen für die Oper «La Bohème» geprobt – auch in der Abwartswohnung: «Wir sind also ausquartiert.» Und nicht nur das: «Sogar der Ficus musste aus der Wohnung. Dabei hiess es, die Wohnung solle genau so aussehen, wie wenn wir in ihr leben. Und wir leben nun mal mit diesem Ficus zusammen.»

Aber Spori sagts mit Schalk, nimmts gelassen, spaziert mit gesundem Abwartsstolz über die fein säuberlich gemähten Grünflächen vor seinem Block. Warum wohl wurde für die Opernproduktion, die «soziale Realität und Opernfiktion» verbinden soll, ausgerechnet sein Block gewählt? Ungeheizte Künstlermansarden, wie sie in «La Bohème» eine Rolle spielen, gibts keine. Spori hat keine Ahnung, «was die sich überlegt haben». Es ist ihm auch egal: «Gut fürs Quartier ists sicher. So sehen die Leute, wie kinderfreundlich, wohnlich und grün es hier ist.»

Auch im wohnlichsten Quartier gibts – bei aller Nachsicht – auch Konflikte, wenn 900 Menschen unter einem Dach leben. Welches ist die Kehrseite des hiesigen Lebens? Mit welchen Sorgen klopfen die Mieter beim Abwart an? «Dazu äussere ich mich nicht. Das geht ins Private.» Kommt nicht wenigstens ab und zu jemand vorbei und reklamiert, der Nachbar singe unter der Dusche zu laut – oder zu falsch? «Wie gesagt: Das sage ich nicht. Sie müssen verstehen: Auch ein Hauswart hat sein Berufsgeheimnis.»

Sporis Händedruck ist von oberländischer Festigkeit – so wie eben der Händedruck eines Zimmermanns aus Boltigen, der jetzt im Gäbelbach zupackt, «obwohl es immer heisst, die Oberländer sollten besser nicht weiter runter gehen als bis Thun». Auf jeden Fall ist Sporis Händedruck weit solider als jener der hinfälligen Mimi in «La Bohème», singt doch Dichter Rodolfo in der Oper ganz ergriffen: «Wie eiskalt ist dies Händchen, wenn Sie es mir lassen, ich wills wärmen.»

Wie hats denn der Opernhaus-Abwart mit der Oper? «Ich kann alles hören.» Ehrlich? «Es isch e so.» Aber was schiebt Spori rein, wenn er mit dem Wagen einmal ein bisschen über Land fährt? «Dann ists natürlich schon eher Country oder Rock’n’Roll.» Der regelmässige Operngänger sei er gewiss nicht: «D Frou cha das no ender lose als ig.»

Aus Sporis Abwartswohnung dringen wieder Opernklänge ins Treppenhaus, just zur Mittagszeit. «Nein, nein, als Störung der Mittagsruhe gilt das überhaupt nicht. Es wurden alle Mieter vorgängig schriftlich und korrekt informiert.»

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