Zum Hauptinhalt springen

Das Zigeunerleben war schon lustiger

Der Donau entlang führt die musikalische Reise der Berner I Salonisti. Mit von der Partie ist der 53-jährige ungarische Zymbalspieler Pal Ratonyi. Seit der Wende 1989 ist die Welt der Zigeunermusiker arg ins Wanken geraten.

Ungarische Zigeunerkapellen waren einst überall gefragt. Als Tafelmusiker in Restaurants traten diese Quintette oder Sextette auf, als hiesige Bands dieser Grösse längst unbezahlbar geworden waren. Wer dem Violonisten eine Banknote unter den Geigensteg klemmte, bekam ein wimmerndes Solo extra. Die üppig sprudelnden Devisenerträge erfreuten auch das komunistische Regime in Budapest.

Diese Zeiten sind vorbei. Selbst in Ungarn sind Auftrittsmöglichkeiten in der Gastronomie weitgehend Geschichte. Von der Musik leben kann man kaum mehr. «Deshalb will es keiner mehr lernen», sagt der 53-jährige Pal Ratonyi. Sein Sohn sei Computerspezialist geworden, sagt der berühmte Zymbalspieler, der sich in einer Wohnung im Berner Schosshaldequartier auf das Konzert vorbereitet. «Es tut weh, diese Tradition sterben zu sehen», sagt der Musiker, «doch ich kann meinen Sohn gut verstehen.»

(Schiff-)Fahrt auf der Donau

Ratonyis Zymbal – das Instrument ist ein entfernter Verwandter des Appenzeller Hackbretts – steht in der Wohnstube von Bela Szedlak, einem Mitglied des Berner Quintetts I Salonisti. Selbst Musikmuffel kennen die Formation spätestens seit dem Welterfolg von «Titanic»: Die Berner verkörpern im Film das Bordorchester, das tapfer bis zum Untergang spielt. Nun proben I Salonisti und Ratonyi für den gemeinsamen Auftritt. Im Konzert «Die Donau» werden sie dem über 2800 Kilometer langen Strom folgen: vom Schwarzwald durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Serbien, Bulgarien und Rumänien bis zum Schwarzen Meer. Ein Notenständer sackt in sich zusammen, Notenblätter flattern zu Boden. Es sind die Stücke der musikalischen Reise: das «Caprice Viennois» von Fritz Kreisler, der Strauss-Walzer «An der schönen blauen Donau», eine ungarische Skizze von Bela Bartok, die «Rhapsodie roumaine» von Georges Enescu – und überlieferte Zigeunerweisen. «Für mich sollte diese Stelle wie eine Welle tönen», findet ein Salonisti-Musiker. Piotr Plawner (Violine), Lorenz Hasler (Violine), Ferenc Szedlak (Violoncello), Béla Szedlak (Kontrabass) und André Thomet (Klavier) erörtern, ob man «vor Takt 10» doch «nur mezzoforte» spielen sollte, ob genug «crescendiert» wird und ob das «m-pa-m-pa-m-pa» wirklich dem Notentext entspricht.

Roma erleben viele Schikanen

Auf der Reise machen wir einen Zwischenhalt in Ungarn. Wie lebt es sich dort als Angehöriger einer Minderheit, die bei rechtsextremen, rassistisch gesinnten Gruppierungen verhasst ist? Ratonyi hat selbst keine dramatischen Attacken erlebt. Kleine Diskriminierungen gebe es aber ständig. So könne es sein, dass ein Autofahrer an einer Kreuzung einen vortrittsberechtigten Roma beschimpfe, wenn dieser tatsächlich zuerst losfahre. «Man hat eine Technik entwickelt, es nicht so tragisch zu nehmen», sagt der Musiker, «aber ganz daran gewöhnen kann man sich nicht.» Manchmal fühle er sich, «als ob ich ein C auf der Stirn hätte» – ein C wie Cigány. Wenn dann Zigeuner tatsächlich kriminelle Akte begingen wie etwa der kürzliche Mord an einem Handballer, so fühlten sich die Rassisten in all ihren Vorurteilen bestätigt.

Erste Versuche als Autodidakt

Lieber entsinnt sich der 1956 im Norden Ungarns geborene Musiker der Vergangenheit. Der Spross einer Musikerfamilie wollte Hochbauzeichner oder Ingenieur werden. Als ein Onkel aus Platzmangel ein Zymbal bei Ratonyis deponierte, machte der neunjährige Bub darauf erste Versuche. Der Vater erkannte Pals Talent und schickte den Sohn mit 14 Jahren an ein berühmtes Konservatorium für Zigeunerfolklore. Die Schule, die nur Hochbegabte aufnahm, dauerte neun Jahre und endete mit der Matur.

Erfolge vor den Grossen der Welt

Schon nach den ersten Semestern fuhr Pal mit Kollegen auf USA-Tournee: Auftritte in der Carnegie Hall in New York, in Japan, Australien, London, Wien oder Kopenhagen wechselten sich ab. Da die Schüler dauernd unterwegs waren, verfügte der formalistische Kultusminister, sie hätten die verpassten Stunden nachzusitzen. Ratonyi zeigt ein Bild mit dem klassischen Geigenvirtuosen Yehudi Menuhin, aufgenommen 1994 im Kultur-Casino Bern. Der Zymbalspieler trat vor den gekrönten Häuptern Belgiens und der Niederlande auf, vor Milliardär Onassis, Bond-Darsteller Roger Moore, Fussball-Legende Pelé, US-Präsident Ronald Reagan, Kreml-Machthaber Leonid Breschnew und PLO-Chef Yasser Arafat. In einem noblen Budapester Restaurant kam Jacques Chirac nach vorn, um sich beim Musiker zu bedanken. Ob er eine Musette spielen könne, fragte der Premier und spätere Staatspräsident. Dazu drückte er ihm 2000 Francs in die Hand.

Bekanntschaft im Hotel Bern

I Salonisti und Pal Ratonyi trafen sich 1985 zufällig – in Bern. Der Musiker spielte mit einer Zigeunerformation im Hotel Bern. Die 1981 gegründeten Salonisti traten danach immer wieder mit dem ungarischen Freund auf. Auch auf Schallplatten und CDs – etwa «Hej Cigány» und «Gipsy Caprice» – sind diese Treffen verewigt.

Die Probenpause im Schosshaldequartier ist vorbei. Pal Ratonyi übt mit I Salonisti das Stück «Sandala» des jungen Berner Komponisten und Musikers Ivan Nestic. Der Zymbalspieler hört es zum ersten Mal, doch die gepolsterten Schlagstöcke wirbeln mit traumwandlerischer Sicherheit über die Saiten.

«Die Donau» Stadttheater Bern, Sonntag, 15. Februar, 18 Uhr; Vorverkauf: Bern Billett, Nägeligasse 1A, (Preise von 13 bis 59), www.bernbillett.ch.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch