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«Das hässliche Gerüst muss weg!»

«Heit Sorg zu Bärn» lanciert eine Petition und fordert den Abbau des Gerüsts am Münsterturm. Was man im Verein nicht wusste: Das Gerüst wird voraussichtlich 2014 ohnehin entfernt.

Auch ältere Semester kannten ihn lange Zeit nicht ohne: Jahrzehntelang wurde der Berner Münsterturm von einem Baugerüst teilweise verdeckt – zum Ärger vieler Bernerinnen und Berner. Entsprechend gross war die Freude, als der ungeliebte «Rucksack» 2002 endlich entfernt wurde. Im Münster wurde ein Fest gefeiert, und Berner wie Touristen genossen fortan die uneingeschränkte Sicht auf den 101-Meter-Turm. Ja, die Vereinigung «Heit Sorg zu Bärn» dankte sogar dem Münsterbaumeister Hermann Häberli dafür, dass er der Bevölkerung «eine riesige Freude» gemacht habe.Doch die Freude war von kurzer Dauer: Seit 2005 steht der Turm wieder mit «Rucksack» da. Verständlich also, dass bei «Heit Sorg zu Bärn» die freundlichen Worte harscher Kritik gewichen sind. 500 Jahre lang sei kein Gerüst nötig gewesen, und «nun soll es ewig bleiben?», schreibt der Verein in einem Communiqué. Und er antwortet auf die rhetorische Frage gleich selbst: «Das hässliche Gerüst muss weg!»«Heit Sorg zu Bärn» lud deshalb gestern zur Lancierung einer Petition auf die Kirchenfeldbrücke. Vor der durchs Gerüst «verschandelten» Altstadt-Silhouette bedauerte Vereinspräsident und Petitionär Hans Ulrich Gränicher, dass «unser Berner Münster ohne Gerüst» offenbar nicht existieren könne. «Heit Sorg zu Bärn» wolle nun aber «ein Machtwort des Gemeinderats in dieser Sache» bewirken, sagte der Berner SVP-Grossrat und Bauingenieur. Vereinsmitglied und SVP-Stadtrat Thomas Weil doppelte nach: In keiner anderen Stadt im In- und Ausland gebe es solche permanente Baugerüste an Sakralbauten.Weil und Gränicher, welche im Communiqué noch einen kämpferischen Ton anschlugen, bemühten sich am Pressetermin allerdings um eine moderatere Wortwahl. Statt einfach «gefordert» wurde nun vielmehr «gewünscht», statt Lösungen präsentiert wurden jetzt eher Alternativen gesucht. Ausschlag für den Stilwechsel dürfte die Anwesenheit von Münsterbaumeister Häberli auf der Kirchenfeldbrücke gegeben haben. Häberli, gestern aufgeschreckt durch Anfragen unter anderem des «Bund», liess es sich nicht nehmen, dem «interessanten» Pressetermin beizuwohnen – auch wenn er nicht eingeladen worden sei. Und der Architekt nutzte sodann die Gelegenheit, «ein paar Missverständnisse» auszuräumen. «Der Kölner Dom: seit über zehn Jahren eingerüstet», führte Häberli aus. «Diverse Münchner Kirchen: eingerüstet. Das Münster Ulm: eingerüstet. Der Dom in Soest: eingerüstet. Das Münster in Freiburg i.B.: eingerüstet. Der Georgsturm des Basler Münsters: eingerüstet.» Häberli war indes nicht gekommen, um die Petitionäre wie Schulbuben aussehen zu lassen. Auch wenn Letzteres nicht ganz zu vermeiden war. Er habe Verständnis für Leute, welche das Gerüst störe – auch wenn er selbst es «schlicht und schön» finde. Und zugegeben: In den 80er-Jahren sei das Gerüst an der Westfassade über zehn Jahre lang gar nicht gebraucht und trotzdem stehen gelassen worden, sagte Häberli, seit 1998 Münsterbauleiter. Seit 2005 arbeite die Münsterbauhütte aber am oberen Teil des Baus, ab einer Höhe von 46 Metern – dort, wo seit der Fertigstellung des Turms 1893 nie mehr im grösseren Stil Hand angelegt worden sei und folglich auch nie mehr längere Zeit ein Gerüst hing. 100 Jahre lang sei fast nichts gemacht worden, wolle man nun aber den Turm instand halten, seien länger dauernde Arbeiten unumgänglich, sagte Häberli. Dies zumal nach heutiger Philosophie vor Ort saniert werde und nicht mehr wie einst einfach Stücke aus der Fassade herausgebrochen und durch neue ersetzt würden.Häberli hatte für Gränicher und Weil aber nicht nur Erklärungen, sondern auch eine frohe Botschaft parat. Die Arbeiten gingen gut vorwärts, sagte er. Voraussichtlich 2014 sei der Turm inklusive Spitze saniert. Und dann könne sich Bern – Unvorhergesehenes ausgeschlossen – längere Zeit über einen gerüstfreien Münsterturm freuen. Das sei jetzt natürlich eine «gute Neuigkeit», sagte Gränicher und zeigte sich glücklich. Freilich wurde bereits 2005 kommuniziert, dass die Baudauer rund zehn Jahre betrage. Statt eines Pressetermins hätte denn auch ein Anruf Gränichers bei Häberli genügt, um die vermeintliche Neuigkeit zu erfahren.Die unerwartete Wendung im Fall Münstergerüst trübte die Stimmung bei «Heit Sorg zu Bärn» gestern aber nicht. Der Verein halte natürlich an der Petition fest. Ein deklariertes Ziel, nämlich eine Diskussion zu lancieren, habe man ja auch bereits erreicht, sagte Gränicher.Wo er recht hat, hat er recht. Wenn also in den nächsten Wochen in den Strassen Unterschriften gesammelt werden: Es geht um die Entfernung des Münstergerüsts, das 2014 ohnehin entfernt wird.

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