Ankommen. Warten. Weiterziehen

Stadt Bern

Siebzig Asylbewerber sind im Durchgangszentrum Hochfeld untergebracht, einer umfunktionierten Zivilschutzanlage im Länggass-Quartier. Die Flüchtlinge stammen hauptsächlich aus Somalia und Eritrea. Ihre Hauptbeschäftigung ist: warten.

Wenig Platz für Privatsphäre: Der Schlafsaal im Durchgangszentrum Hochfeld. (Archiv: Adrian Moser)

Wenig Platz für Privatsphäre: Der Schlafsaal im Durchgangszentrum Hochfeld. (Archiv: Adrian Moser)

Christoph Lenz@lenzchristoph

«Und in diesem Zimmer schlafen 33 Männer.» Colette Stähli öffnet die Tür zu einem dunklen Raum, durch den ein enger Gang führt. Rechts und links des Korridors stehen dreigeschossige Kajütenbetten. Stähli weiss, dass ihre Worte Staunen auslösen. Die Leiterin des Durchgangszentrums Hochfeld hat schon viele Besucher durch die umfunktionierte Zivilschutzanlage geführt. Sie kennt deren Reaktionen angesichts der engen Platzverhältnisse im Schlafsaal.Keine Privatsphäre «Eigentlich funktioniert es erstaunlich gut», sagt Stähli. «Um Reibungen zu vermeiden, gliedern wir die Schlafplätze nach Nationalitäten. Und wir schauen, dass es im Schlafsaal etwas ruhiger zugeht als draussen im Aufenthaltsraum.» Privatsphäre gibt es nicht im Durchgangszentrum Hochfeld. Mit einer Ausnahme: «Jeder Asylbewerber verfügt über einen Spind mit Schlüssel.» Erst vor drei Monaten wurde das Durchgangszentrum Hochfeld in Betrieb genommen. Die gegenwärtige Flüchtlingswelle aus Eritrea, Äthiopien und dem Irak hat das Schweizer Asylwesen vor ungeahnte Herausforderungen gestellt. Um dieser «Notlage im Asylwesen» zu begegnen, hat die Stadt Bern im Oktober ihre Asylkapazitäten um zweihundert Plätze erhöht. Und dies innert kürzester Frist. Die Wahl der Behörden fiel auf zwei Zivilschutzanlagen. Mit der Anlage Hochfeld im hinteren Länggass-Quartier ist auch eine dabei, die auf den ersten Blick nicht eben geeignet scheint, bis zu hundert Menschen für mehrere Monate als Unterkunft zu dienen. Die Waschküche im Pissoir«Wir haben diese Anlage innert kürzester Zeit umgebaut», erinnert sich Stähli. Im einstigen Pissoir der Zivilschutzanlage Hochfeld befindet sich jetzt die Waschküche. Die gesonderten Waschräume für Frauen werden derzeit umgebaut. Die Küche, wo alle 70 Asylbewerber ihre Mahlzeiten zubereiten, verfügt über nur vier Kochherde. Und die hundert Betten verteilen sich auf gerade mal drei Räume. «Es hätte uns schlimmer treffen können», sagt Stähli. Immerhin verfüge ihre Anlage über Lichtschächte, durch die nebst Tageslicht auch ein bisschen frische Luft hereinströme. «Im Durchgangszentrum Brunnmatt gibt es nur eine Klimaanlage und keine Frischluftzufuhr.» Die 70 Asylbewerber im Durchgangszentrum Hochfeld stammen zum grössten Teil aus Eritrea und Somalia. Die Mehrheit ist männlich, auch zwei Babys und einige Kinder sind hier einquartiert. Während manche Bewohner erst gerade dabei sind, sich einzurichten, wohnen andere schon seit der Öffnung des Zentrums im Hochfeld. Alle Asylbewerber warten auf eine Umplatzierung, aber niemand weiss, wann er selbst an der Reihe ist. «Familien werden generell bevorzugt», sagt Stähli. Für die Alleinstehenden ist das verständlich, aber nicht immer leicht zu akzeptieren. «No good» sei es, jeden Tag im Zentrum zu sein, sagt ein Asylbewerber, der schon seit November hier wohnt. Es sei nicht gesund, wenn der Kopf zu viel denke. «Mein Kopf will hier einfach nicht aufhören. Immer im Kreis. No good.»Gratisangebote in der Nähe9.50 Franken stehen jedem Asylbewerber pro Tag zu. Durch Mitarbeit im Haushalt können sich die Bewohner einen Zustupf von drei Franken pro Tag verdienen. Mit Ausnahme der Kleidung müssen damit alle persönlichen Bedürfnisse gedeckt werden. Verpflegung, Hygieneartikel, Busbillets, Zigaretten. Da bleibt nicht viel Übrig für Freizeitaktivitäten. «Die Nähe zur Stadt stellt hier einen riesigen Vorteil dar», sagt Stähli. Etliche Attraktionen seien gratis. Man denke etwa an den Weihnachtsmarkt, auch ein Besuch der Altstadt koste nichts. «Andere Asylbewerber», so Stähli weiter, «verbringen einfach den ganzen Tag in der Länggass-Bibliothek. Sie schätzen die Bücher und die Ruhe.»Dankbar ist Stähli auch für ein zweites Angebot aus dem Länggass-Quartier. «Wir erleben eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Paulus-Kirchgemeinde.» Regelmässig führten Freiwillige mit den Asylbewerbern ergänzende Deutsch- und Kochkurse durch. «Eine sehr willkommene Abwechslung zum Alltag», sagt Stähli.

Der Bund

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