Kanton Bern

Wenn Lawinen absichtlich ausgelöst werden

Ob mit Helikopter, Seilbahn, Gasgemisch oder Pfeilen: Es gibt viele Methoden für Lawinensprengungen. Die Sicherheit ihrer Pisten lassen sich die Skigebiete einiges kosten.

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Mit ihren 300 Metern Breite, 40 Metern Länge und 50 Zentimetern Höhe war es eine gewaltige Lawine, die letzten Dienstag im Firstgebiet bei Grindelwald bergabwärts donnerte. Doch ausnahmsweise freuten sich die Verursacher über die von ihnen entfesselten weissen Massen. Paradoxerweise erhöhen diese nämlich die Sicherheit der Wintersportler. Wenn wie gestern viel Neuschnee fällt, steigt die Lawinengefahr. Im Berner Oberland besteht momentan überall abseits der Pisten eine erhebliche Gefahr. Um die Sicherheit auf den Skipisten selbst zu gewährleisten, lösen Spezialisten vielerorts künstlich Lawinen aus. «Diese Saison mussten wir besonders viele Lawinen auslösen. Die Situation ist vergleichbar mit dem ,Lawinenwinter‘ von 1999», sagt Walter Germann von den Bergbahnen Gstaad. In Rougemont und am Rinderberg seien durch Sprengungen bereits sechs Lawinen hervorgerufen worden. Zwölf seien es im Gebiet First und auf der Bussalp gewesen, sagt Andreas Heim von den Jungfraubahnen. «Das ist an sich nichts Aussergewöhnliches, aber diese Saison haben wir schon im November, also besonders früh, angefangen mit den Sprengungen.» Auch wenn Fachleute betonen, dass die Sprengungen ungefährlich sind, sofern sie richtig ausgeführt werden, passieren manchmal Unfälle. So starb 2007 der Pistenchef einer österreichischen Bergbahn – wohl weil die Ladung zu früh explodiert war.

Sprengstoff versus Gasgemisch

«Das Hantieren mit Sprengstoff, wie es für die Sprengungen nötig ist, ist in der Schweiz eigentlich verboten», sagt Samuel Wyssen, Mitinhaber der Wyssen Seilbahnen AG mit Sitz in Reichenbach im Kandertal. Seine Firma ist eines von zwei Schweizer Unternehmen, die Hilfsmittel zur Lawinensprengung herstellen. Bei Sprengseilbahnen und Sprengmasten ist sie Marktführerin und exportiert auch nach Österreich. «Ausser der Schweiz kennt nur noch Österreich Ausnahmebewilligungen für die Sprengungen», sagt er. In beiden Ländern halte man das Eliminieren von Risiken auf Skipisten, Strassen und Bahngleisen für relevanter als potenzielle Gefahren während des Sprengens.

Mehrere Methoden können den Schnee ins Tal donnern lassen.

Die häufigste ist die Handsprengung, bei der die Spezialisten den Sprengstoff im Rucksack mitnehmen und so sehr nahe an die Lawinenzonen herankommen. Wegen dieser Nähe ist sie auch die risikoreichste Methode.

Auch Helikopter werden oft verwendet – besonders an schwer zugänglichen Stellen. Die Kosten belaufen sich bei dieser Methode auf rund 100 Franken pro abgeworfene Sprengladung. Das Problem ist, dass die Licht- und Wetterverhältnisse gut sein müssen, damit der Helikopter überhaupt starten kann.

Mit Sprengmasten oder Sprengseilbahnen kann man den Sprengstoff per Fernsteuerung bereits über dem Schnee zur Explosion bringen. Der Wirkungsradius ist so fünfmal grösser, als wenn die Ladung auf dem Boden detoniert – er beträgt bis zu 130 Meter. Somit können mehr potenziell gefährliche Stellen auf einmal entschärft werden. Ein Mast kostet rund 100 000 Franken, das Abfeuern einer Sprengladung rund 200 Franken. Eine grosse Sprengseilbahn kostet bis zu 500 000 Franken.

Mit einer Kanone, dem so genannten Avalancheur, können Pfeile mit Sprengstoff direkt ins gewünschte Gebiet gefeuert werden. Diese Methode ist allerdings ziemlich zeitaufwendig und der Wirkungsradius relativ gering.

Schliesslich gibt es Gassprenganlagen, die sich für Gegenden eignen, in denen oft gesprengt werden muss. Zum Beispiel im Gebiet Glacier 3000 bei Gstaad stehen grosse gebogene Rohre, durch die ein Gasgemisch geleitet und zur Explosion gebracht wird. Auch mit Gas gefüllte Ballons werden verwendet. Inzwischen hat aber der Sprengstoff dem Gas den Rang abgelaufen, da er Studien zufolge eine bessere Wirkung erzielt.

«In Sachen Lawinen ist das Schilthorn im Kanton Bern am gefährlichsten», sagt Wyssen. Lokal kann aber überall von verschiedenen Faktoren Gefahr ausgehen.

«Umwelt unwesentlich belastet»

Da wäre zum Beispiel der Wind: Bläst dieser stark und in Mulden hinein, erhöht sich die Lawinengefahr. Auch der Temperaturverlauf ist entscheidend: Wird es schnell wärmer, ist die Situation kritisch. Und schliesslich spielt die Exposition eine Rolle – Nordhänge bleiben am längsten gefährlich. «Lawinen können jeden treffen», sagt Wyssen. «Schliesslich wissen sie nicht, wer ein erfahrener Berggänger ist.»

Um dennoch möglichst sicher zu sein, lassen sich Skigebiete ihre Lawinensprengungen einiges kosten. So jagen die Jungfraubahnen im Gebiet First und auf der Bussalp 1500 Kilogramm Sprengstoff pro Saison in die Luft; die Kosten für die Sprengungen betragen bis zu 30 000 Franken.

Die Umwelt werde durch die Sprengungen «nicht wesentlich» belastet, sagt Wyssen. «Und Wild hält sich meistens sowieso nicht in den betroffenen Gebieten auf.» (Der Bund)

Erstellt: 23.02.2009, 08:27 Uhr

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