Honegger: «Unüberlegte Hauruck-Übung»

Vakante Professuren, ein «unbrauchbarer» Studiengang und Männerbünde: An der Universität Bern liegt laut der Soziologie-Professorin und Studierenden einiges im Argen.

Honegger im «Bund»-Gespräch. (Beat Schweizer)

Honegger im «Bund»-Gespräch. (Beat Schweizer)

«Bund»:2007 drohte die Schliessung des Instituts für Soziologie an der Uni Bern. Nun soll statt eines vollwertigen Soziologie-Bachelors ein Bachelor Sozialwissenschaften (Sowi) eingeführt werden – eine Mischung aus Soziologie, Politik- und Medienwissenschaft. Ist das der langsame Tod der Soziologie?

Claudia Honegger: Es handelt sich schon um eine schleichende Abschaffung. Auf jeden Fall habe ich am 28. April meinen Rücktritt auf Januar 2010 eingereicht. Verschiedene Dinge haben sich im Lauf der Zeit «aufgetürmt» und ich habe jetzt keine Lust mehr. Der entscheidende Punkt war, dass man an der Fakultätssitzung im April auf die Schnelle beschlossen hat, ab dem Herbstsemester nur noch den Sowi-Bachelor anzubieten. Für diese unüberlegte Hauruck-Übung möchte ich nicht die Verantwortung übernehmen. Inhaltlich war ich immer gegen diesen Bachelor und darum auch nicht Mitglied der Kommission, die ihn erarbeitet hat.

Man könnte aber einwenden, eine moderne Universität müsse ohne Gärtchen auskommen und die Fächer sollten zusammenarbeiten.

Aber das tun wir schon seit den 1970er-Jahren. Das Einführungsstudium, also das erste Jahr an der Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät, ist breit gefächert. Die Studierenden besuchen Wirtschafts-, Soziologie- und Politologievorlesungen. Eigentlich haben wir also schon einen Sowi- Bachelor. Dieses erste Studienjahr ist sehr anstrengend und verschult. Danach sollten die Studierenden doch wählen dürfen, was sie interessiert. Sonst wird die Universität komplett verschult und zu einer Fachhochschule. Im alten Lizentiatssystem war Freiheit noch einigermassen gewährleistet, durch das zweistufige Bologna-System wurde sie bereits eingeschränkt.

Ein verschulteres Studium ist jedoch nicht a priori schlecht, da es die Studierenden zu Disziplin drängt.

Das Problem mit dem neuen Bachelor ist aber, dass die Studierenden nicht mehr genug reine Soziologie-Veranstaltungen besuchen und nicht mithalten können, wenn sie bei uns oder an anderen Universitäten ein Masterstudium in Soziologie in Angriff nehmen. Also müssen sie vor dem Master viel nachholen, und das ist ja eigentlich nicht der Sinn des Bologna-Systems.

Der ehemalige Dekan Ihrer Fakultät sagte einmal, Politologie und Soziologie überschnitten sich in vielen Bereichen. Braucht es die Soziologie als eigenständiges Fach heute überhaupt noch?

Beide Disziplinen benutzen dieselben statistischen Methoden, sonst haben sie sich aber ausdifferenziert. Soziologie ist älter als Politologie und eine Wissenschaft, die breit kombinierbar ist, zum Beispiel mit Geschichte und Geografie. Was mit dem neuen Bachelor-Studiengang angeboten werden soll, hat ausserdem wenig mit Interdisziplinarität zu tun; es handelt sich dabei einfach um ein buntes Potpourri. Bevor jemand interdisziplinär arbeitet, sollte er seine eigene Disziplin kennenlernen. Auf Masterstufe kann man dann verschiedenste Fragestellungen fächerübergreifend bearbeiten.

Tatsache ist, dass mehr Leute Politologie als Soziologie studieren.

Das ist doch bloss eine Modeerscheinung und passt zur Tatsache, dass heute vor allem beliebt ist, was nützlich ist und sich rechnet. So etwas kann sich bald wieder ändern.

Die Uni Bern steht in Konkurrenz zu anderen Schweizer Universitäten. Um sich zu profilieren, muss sie ihre Strukturen überdenken. Auch der Berner Regierungsrat wünscht, dass Forschungsinstitute stärker als bisher verzahnt werden. Verhindern Sie mit Ihrer Abwehrhaltung nicht Neues, das Bern vielleicht bei der Profilierung hilft?

Es gibt einfach gewisse Sachen, die ich nicht sinnvoll finde. Am Institut war ich immer für Reformen und habe zum Beispiel erreicht, dass Soziologie heute als Haupt- und Nebenfach angeboten wird. Mir hat der Regierungsrat jedenfalls neulich keinen Auftrag erteilt. An der Uni scheint es aber Befehlskaskaden zu geben: Ich bekomme einen Befehl vom Dekan, der ihn vom Rektor haben will, der ihn angeblich von der Regierung hat. Wer letztendlich zuständig ist, weiss niemand. Gegen Schwerpunkte habe ich grundsätzlich nichts; zum Beispiel könnte man die Theologie schweizweit zusammenfassen.

Wer ist schuld an diesem Konflikt, der auch die Studierenden für das Soziologiestudium in seiner bisherigen Form kämpfen lässt?

Die Unis werden seit einiger Zeit von einer komischen, wirtschaftlichen Denkweise beherrscht. Ich halte das für fatal. Man rechnet bloss noch, spricht von Synergien. Dabei verdanken wir genau diesem Denken die Wirtschaftskrise. Bisher hat das Soziologiestudium in Bern jedenfalls problemlos funktioniert.

Und wer ist schuld daran, dass immer noch zwei Soziologie- Professuren vakant sind?

Als man das Institut vor zwei Jahren schliessen wollte, wirkte dies nicht gerade vertrauenserweckend auf potenzielle Professoren. Einige sind abgesprungen und das komplizierte Berufungsprozedere musste neu aufgegleist werden. Seit Anfang 2008 läuft nun eine Ausschreibung. Ich habe der Unileitung erklärt, dass die Vakanzen absolute Priorität haben müssen. Nun hat der Rektor den neuen Bachelor in einem Monat durchgeprügelt, die Berufungsverhandlungen mit einem potenziellen Lehrstuhlinhaber hat er aber hinausgezögert – offenbar setzt er andere Prioritäten.

Sie sind die einzige Professorin an der Fakultät. Spielt auch das eine Rolle?

Das könnte schon sein. Zudem bin ich den Ökonomen und ihren Rechnereien gegenüber kritisch eingestellt. Jedenfalls langweilen mich die universitären Männerbünde inzwischen, auch deshalb gehe ich. Nach meinem Weggang wird unsere Fakultät schweizweit wohl die einzige ohne Professorin sein.

Gehen Sie frustriert?

Für mich ist das Kapitel abgeschlossen. Ich habe genug davon, ständig nur Befehlsempfängerin zu sein – heute steht bloss noch auf meinem Briefpapier «Direktorin».

Der Bund

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