Folter und Pitralon-Handel

Die Zustände in der Strafanstalt Witzwil sorgen seit der Eröffnung Ende des 19. Jahrhunderts für Gesprächsstoff. Der gebürtige Inser Fotograf Heini Stucki erinnert sich an üble Geschichten.

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1891 erwarb der Kanton Bern vom Pleitier Friedrich Emanuel Witz 834 Hektaren Land zwischen Ins und dem Neuenburgersee und eröffnete darauf drei Jahre später die Strafanstalt Witzwil. Bis zu 600 Gefangene bewirtschafteten in der Folge den grössten Landwirtschaftsbetrieb der Schweiz. Offiziell galt die Anstalt im In- und Ausland als Musterbeispiel für den modernen Strafvollzug. Doch es gab auch eine andere, dunkle Seite. Während Witzwil heute teilweise als «Kuschelknast» verschrien wird (siehe Haupttext), ging es damals hinter den Gefängnismauern äusserst unzimperlich zu und her.

Der 1949 in Ins geborene Fotograf Heini Stucki weiss erschreckende Geschichten aus den alten Zeiten zu erzählen. Zum Beispiel jene von einem Gefängniswärter, der nur «Ungarisches Gulasch» genannt wurde. Den Übernahmen verdankte er seinem Hund, den er in den Fünfzigerjahren auf einen flüchtigen ungarischen Gefangenen gehetzt hatte. «Der Hund zerfleischte den Häftling auf wüste Art», erzählt Stucki.

Schockierend ist die Geschichte über Foltermethoden zur «Beruhigung» renitenter Insassen. Solche seien von Wärtern in nasse Wolldecken eingewickelt und mit Ketten geschlagen worden. Als die Decken trockneten und sich dabei zusammenzogen, ist mehr als einem Gefangenen endgültig die Luft ausgegangen. Obschon man rund um Witzwil Bescheid gewusst habe, seien die Todesfälle seines Wissens nie untersucht worden, sagt Stucki.

Handel mit Rasierwasser

Auch eine Art Drogenhandel existierte bereits damals unter den Gefangenen. Alkohol und Tabak war den Häftlingen strengstens verboten. Mangels Alternativen begnügten sich Alkoholiker aber auch mit dem hochprozentigen Pitralon, worauf ein schwungvoller Rasierwasser-Handel entstand. «Bei einigen Gefangenen hat das Wässerchen aber offenbar schlimmen Durchfall ausgelöst», so Stucki. Bei der Arbeit im Wald habe ihm ein Häftling einmal eine Uhr gezeigt, die er gegen Pitralon eingetauscht habe.

Auch zu Zigaretten kamen zumindest einige Häftlinge. Während Jahrzehnten wurde in Witzwil der Kehricht der Stadt Bern deponiert. Eine Gefangenen-Equipe war jeweils damit beschäftigt, den Müll auszuladen und zu sortieren. Trotz des übel riechenden Arbeitsplatzes, war diese Aufgabe begehrt, weil im Müll auch viel Brauchbares zu finden war. So sammelten die Häftlinge Zigaretten- und Stumpenstummel und verarbeiteten die Tabakreste zu neuen Zigaretten.

Auch Geld fand sich gelegentlich zwischen den stinkenden Abfällen. Ein ehemaliger Fremdenlegionär, der wegen fremder Militärdienstleistung einsass, soll so lange kleine Münzen gesammelt und versteckt haben, dass er bei seiner Entlassung mit einem Sack voller Geld in die Freiheit ging. (Der Bund)

Erstellt: 12.10.2009, 08:46 Uhr

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