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Taylor und die Menschlichkeit

Charles Taylor weist vor dem Sondergericht für Sierra Leone die ihm vorgeworfenen blutigen Menschenrechtsvergehen allesamt zurück. Die Vorwürfe seien absurd, denn er liebe die Menschheit.

Liberias Ex-Präsident Charles Taylor hat sich schon in vielfältigen Erscheinungsweisen präsentiert. Als wilder Rebellenchef in Uniform und mit Revolver am Gürtel, als stolzer Präsident im galanten westafrikanischen Boubou-Gewand oder als reuiger Sünder von Kopf bis Fuss in Weiss gekleidet. Gestern fügte der liberianische Showmann seiner vielschichtigen Persönlichkeit noch eine weitere Ausdrucksform hinzu: Zu seinem ersten Aussage-Tag vor dem in den Räumlichkeiten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag tagenden Sondergericht für Sierra Leone trat der ehemalige Präsident Liberias wie ein europäischer Geschäftsmann im Doppelreiher mit Krawatte und goldenen Manschetten auf. Auf diese Weise suchte der schwerer Menschenrechtsvergehen wie Terrorismus, Mord, Vergewaltigung und Folter in elf Fällen Angeklagte wohl seiner Aussage mehr Gewicht zu verleihen, in der er – wenig überraschend – sämtliche Vorwürfe der Staatsanwaltschaft als «bösartige Lügen» zurückwies. «Ich bin Vater von 14 Kindern, liebe die Menschheit und habe mein ganzes Leben für das gekämpft, was ich für rechtens hielt», versicherte Taylor: «Es ist sehr, sehr, sehr bedauerlich, dass mir die Staatsanwaltschaft auf der Grundlage von Falschinformation, Lügen und Gerüchten die schlimmsten Titel zulegt.» Nur den Frieden im SinnSeinen Worten zufolge hatte der 61-Jährige nicht anderes als den Frieden im Sinn, als er sich Ende der 90er-Jahre mit dem Bürgerkrieg in Liberias Nachbarland Sierra Leone beschäftigte. Dagegen wirft ihm die Staatsanwaltschaft des von der Uno eingesetzten Sondergerichtes vor, mit dem berüchtigten sierra-leonischen Rebellenführer Foday Sankoh gemeinsame Sache gemacht zu haben: Dieser suchte mit seiner «Revolutionären Vereinigten Front» die sierra-leonische Regierung zu stürzen und ging dabei mit unbeschreiblicher Grausamkeit vor. Die Rebellen hackten Zigtausenden von Zivilisten Arme oder Beine ab. Für die Staatsanwalt steht fest, dass Taylor mit Sankoh unter einer Decke steckte: Der liberianische Präsident habe seinem wie er selbst in Libyen ausgebildeten Rebellengenossen Waffen im Austausch für Diamanten geliefert. Zahlreiche bereits angehörte Zeugen der Anklage bestätigten die Kooperation zwischen Sankoh und Taylor: Sie berichteten von regem Funkverkehr zwischen dem Präsidentensitz in Monrovia und den sierra-leonischen Rebellen; von Waffen, die in Reissäcken versteckt nach Sierra Leone – und von Diamanten, die in Marmelade-Gläsern nach Liberia geschmuggelt wurden. Schwieriger IndizienprozessDa es lediglich Zeugenaussagen und keine hieb- und stichfesten Beweise für die Beihilfe Taylors an den schweren Menschenrechtsverbrechen gibt, ist die Staatsanwaltschaft auf Indizien angewiesen: Der Ausgang des Verfahrens ist völlig ungewiss. Taylors britischer Anwalt legte bereits eine Liste mit 249 Personen vor, die die Verteidigung anhören will – darunter auch afrikanische Präsidenten und Uno-Diplomaten. Mit einem Urteil wird frühestens im nächsten Jahr gerechnet. Dem Prozess kommt insofern enorme Bedeutung zu, als es sich um das erste Verfahren handelt, in dem sich ein ehemaliger afrikanischer Präsident vor einem internationalen Gericht verantworten muss.

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