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Lockerer Dresscode, gespannte Lage

Tausende Demonstranten

Für viele Banker im Finanzzentrum von London galt der sonst übliche Dresscode gestern nicht. Statt im feinen Anzug kamen viele Angestellte deshalb in Jeans und T-Shirts zur Arbeit. Der Grund für diese Ungezwungenheit: die Angst vor den Demonstranten, die zu Tausenden im Bankenviertel gegen das G20-Treffen protestierten. «Es ist eine merkwürdige Atmosphäre hier im Viertel, jeder scheint irgendwie beunruhigt», sagte Jeremy Batstone-Carr vom Aktienhändler Charles Stanley. «Alle, die im Büro sein sollten, sind auch gekommen. Aber wir gehen kein Risiko ein», fügte er an. Allerdings hielten sich nicht alle an die guten Ratschläge der Behörden: Einige provozierten die Demonstranten sogar und winkten mit 10-Pfund-Noten aus ihren Fenstern. Bankfiliale zerstörtTausende Polizisten waren im Einsatz, Hubschrauber kreisten über der Stadt. Viele Gebäude wurden mit Barrikaden geschützt, und mehrere Strassen waren gesperrt. Trotz diesen Sicherheitsvorkehrungen kam es zu schweren Zusammenstössen: Demonstranten warfen mit Gegenständen wie Münzen oder Computertastaturen die Fensterscheiben einer Filiale der Royal Bank of Scotland (RBS) ein und stürmten das Geldhaus. Sie schmierten das Wort «Thieves» («Diebe») an eine Wand und bewarfen Polizisten mit Eiern und Obst. 22 Personen wurden gemäss Polizeiberichten festgenommen. Es gab auch einige leicht Verletzte, darunter ein Polizist.Der Anschlag auf die RBS kam nicht überraschend. Die einst florierende Grossbank musste im vorigen Jahr aufgrund einer akuten Liquiditätskrise verstaatlicht werden – dennoch erhält der ehemalige Geschäftsführer der Bank, Sir Fred Goodwin, immer noch eine fürstliche Pension in Millionenhöhe. Die Polizei habe versucht, die Demonstranten am Eindringen in das Gebäude zu hindern, meldeten Augenzeugen. Auch vor der britischen Notenbank, der Bank of England, war es zuvor zu heiklen Szenen gekommen. Verkleidet als Ritter der Apokalypse, zogen Demonstranten auf das Gebäude zu. Leere Bierdosen und Früchte flogen durch die Luft.«Das ist nett»Gemäss offiziellen Zahlen nahmen bis zu 4000 Menschen an den Protesten teil, für die seit Wochen mobilisiert worden war. Die Atmosphäre wurde als angespannt bezeichnet – wiewohl einige Banker die sprichwörtliche englische Gelassenheit ausstrahlten und sich nicht vor den Demonstranten versteckten. «Das ist mein Land, meine Stadt», sagte etwa Colin Byron, der als Sachverständiger arbeitet. Es gebe keinen Grund, heute nicht in die City zu reisen. «Ich bin alt genug, um auf mich selbst aufzupassen», sagte Byron. Auch Colin Stanbridge, der Vorsitzende der Londoner Handelskammer, wollte nicht auf seine gewohnte feine Arbeitskleidung verzichten. «Was wir unseren Mitarbeitern gesagt haben, ist: Wenn ihr euch damit besser fühlt, dann tut es», sagte er. Dagegen konnte der 30 Jahre alte Simon Grice, der in einem Handelsunternehmen arbeitet, den gelockerten Kleidervorschriften durchaus etwas abgewinnen. «Das ist nett. Wir sollten das jeden Tag machen.» Spürbar lockerer war die Atmosphäre in anderen Stadtteilen von London. Vor dem Gebäude der European Climate Exchange beispielsweise, dem elektronischen Marktplatz für Energie und energienahe Produkte, herrschte eine Stimmung wie an einem Volksfest. Auf dem britischen Fernsehsender BBC war die Rede von «Meditation und Musik». Die Demonstranten deponierten ihre Kritik am Handel mit Emissionsrechten.Für den heutigen Donnerstag rechnen die Behörden erneut mit heftigen Protesten gegen das G20-Treffen. Globalisierungsgegner haben zu Aktionen gegen Finanzinstitute aufgerufen. Die Sicherheitskräfte sind mit einem Grossaufgebot präsent. (ap/rr)>

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