Zum Hauptinhalt springen

Hugo Chavez’ letzte Chance

Ein Jahr nach einem gescheiterten Referendum lässt Venezuelas Staatschef Hugo Chavez die Bevölkerung morgen erneut über die Verlängerung seiner Amtszeit abstimmen.

Sechs Uhr früh, Metrostation Petare. Zehntausende aus dem grössten Armenviertel des Landes im Osten von Caracas machen sich um diese Uhrzeit auf den Weg zur Arbeit. Petare gilt als Hochburg der von Staatschef Hugo Chavez ausgerufenen sozialistischen Revolution.Am Eingang zur U-Bahn-Station steht die Studentin Vanessa Sanchez, die mit der Opposition sympathisiert, und verteilt bunte Flugblätter. Darauf wird erklärt, warum man morgen Sonntag mit Nein stimmen soll, wenn Chavez dem Volk zum zweiten Mal eine Verfassungsänderung vorlegt, die ihm die unbegrenzte Wiederwahl ermöglichen soll. Ende 2007, als das Volk bereits einmal über die Streichung der Amtszeitbeschränkung entscheiden musste, scheiterte der linkspopulistische Staatschef. Diesmal deuten die Umfragen auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin. Deshalb wirft Chavez sein ganzes Gewicht in die Waagschale, um am Sonntag als Sieger dazustehen. Nahezu täglich ist er im Fernsehen auf Sendung. Den Parlamentariern gab er frei, damit sie sich dem Abstimmungskampf widmen können. Die Staatsangestellten sind ebenfalls dazu angehalten, Hausbesuche abzustatten und Versammlungen zu organisieren. «Für Chavez ist das Referendum die letzte Chance, seinen Machterhalt abzusichern. Denn bald wird ihm die Wirtschaftskrise zusetzen», sagt Luis Vicente Leon vom Umfrageinstitut Datanalisis.«Ich behalte lieber Chavez»Auch die Opposition mobilisiert im ganzen Land: Studenten wie Vanessa verteilen Flugblätter, demonstrieren und diskutieren. Sie sind heute die treibende Kraft einer Opposition, die sich in Streiks, einem Putschversuch und Grabenkämpfen aufgerieben hat. Zwar kämpfen die Chavez-Gegner alle für ein Nein, aber während die etablierten Politiker Pressekonferenzen in klimatisierten Hotels abhalten, gehen die Jugendlichen auf die Strasse. «Wir müssen eine neue Art Politik machen», sagt Studentenführer Yon Goicoechea (siehe auch Interview rechts). «Die Bevölkerung hat die Abgehobenheit der Politiker satt.» Aus diesem Grund steht Vanessa heute bei der Metrostation Petare. Die meisten Berufspendler nehmen ihre Flugblätter willig entgegen, einige aber werfen den Zettel angewidert auf den Boden. «Chavez bleibt, die Verfassungsänderung kommt», ruft ein Händler, der T-Shirts verkauft. Der Präsident habe viel gemacht fürs Volk: Sozialhilfe, verbilligte Lebensmittel, Gesundheitsversorgung. «Die anderen Politiker sind doch alle korrupt und unfähig, da behalte ich lieber Chavez», sagt German Garcia. «Und die Korruption der Regierung, die Kriminalität, die Versorgungsengpässe?», entgegnet Vanessa. Dafür könne Chavez nichts, das seien seine unfähigen Minister, glaubt Garcia. Die Freiheit sei viel zu teuer erkauft worden, um sie wieder zu verschenken, entgegnet Vanessa unter Anspielung auf die Diktatoren, die das Land in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts regierten. Beide reden sich die Köpfe heiss. Zum Abschluss reichen sie sich die Hand. «Das ist nicht immer so», erzählt Vanessa. «Neulich wurden wir von Chavez-Anhängern mit vorgehaltener Pistole verjagt.» Seit Jahresbeginn ist die politische Gewalt im Land eskaliert. Bewaffnete Gruppen verübten Anschläge auf die vatikanische Nuntiatur, auf oppositionelle Studenten, den Direktor eines TV-Senders. Ausserdem mehren sich die Berichte über antisemitisch motivierte Vorfälle. «Das ist Einschüchterung, damit die Opposition sich nicht auf die Strasse und in die Wahlbüros traut», glaubt Carlos Correa von der regierungsunabhängigen Gruppe Espacio Publico.Breites MeinungsspektrumDas Armenviertel Petare ist ein Gewirr von Tausenden halb fertigen Backsteinbauten an steilen Hügeln. Die Häuser sehen aus wie gestapelte Schuhschachteln. Dazwischen baumeln Stromkabel. Vor ein paar Jahren noch hing an fast jedem Haus die rote Fahne von Chavez’ Partei. Jetzt ist das politische Meinungsspektrum breiter. Plakate für das Ja und das Nein kleben Seite an Seite. Im November siegte hier ein oppositioneller Kandidat bei der Stadtpräsidentenwahl. Sein Vorgänger aus den Reihen der Chavez-Partei war selbst in den Augen des linken Lokalpolitikers Manuel Villegas «eine korrupte Flasche». Doch auf den Präsidenten färbt das nicht ab: «Niemand kann Chavez das Wasser reichen.»«Sonst verliere ich die Arbeit»Auch unter den Armen hat die Euphorie über Hugo Chavez nachgelassen. Inflation, Korruption und Kriminalität haben die Geduld vieler Bewohner von Petare erschöpft. Nachts ist das Quartier in der Hand gewalttätiger Banden. Schusswechsel sind an der Tagesordnung. «Hier an dieser Ecke starb meine Nichte durch eine verirrte Kugel», erzählt Coromoto Cisneros. Sie hielt noch nie viel von Chavez, inzwischen traut sie sich aber auch, dies kundzutun: Sie hat mehrere Nein-Plakate an die Fassade ihres Hauses geklebt. Heute ist Nachbarin Yelitza Sanchez auf einen Kaffee vorbeigekommen – mit roter Kappe und einer Chavez-Tätowierung auf der Backe. «Ich muss das anziehen, sonst verliere ich meine Arbeit», sagt sie nach anfänglichem Zögern. «Aber eigentlich bin ich dagegen», sagt sie. Die Strassenkehrer haben längst die roten Hemden aus- und die graugelben des neuen Stadtpräsidenten angezogen. «Als ich vor einem Jahr an einem Wochenende unterwegs war, besetzte eine Familie mein Haus», erzählt Yeseni Marcano. «Sie waren Chavez-Anhänger und die Behörden haben gesagt, da könne man nichts machen. Ich stand über Nacht mit meinen drei Kindern auf der Strasse. Deshalb bekommen diese schamlosen Gangster nie mehr meine Stimme.»«Chavez’ Dichotomie ,reich gegen arm‘ beginnt sich aufzulösen», sagt der Soziologe Tulio Hernandez. Der niedrige Erdölpreis schafft ihm Probleme, denn die Sozialprogramme finanziert der Präsident aus den Einnahmen der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA. Andererseits kontrolliert Chavez das Militär, die Justiz, das Parlament, und seine Amtszeit endet frühestens im Jahr 2012. Die Opposition verspürt zwar Zulauf, ist aber führungs- und strategielos. Ein gefährlicher Cocktail, glaubt Hernandez: «Egal wie das Referendum ausgeht, der Konflikt wird sich verschärfen.»>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch