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Feiern wie ein Staatsmann

Nach dem Wahlsieg ist FDP-Chef Westerwelle für seine Anhänger der Grösste. Er selber will jetzt vor allem eins: Regieren. Die Sozialdemokraten lecken derweil ihre Wunden.

«Guido, Guido, Guido!» Der schicke Stadtpalast an bester Berliner Adresse dröhnt. Die Freien Demokraten haben die Wahl gewonnen. Jetzt wollen sie ihren Parteichef sehen, den Held des Abends, den Mann, der alles auf eine Karte setzte – und gewann. Aber Guido Westerwelle kommt nicht. Vorerst. Ein Heer aus schwarzen Anzügen bewegt sich zur Bar. Nicht umsonst hat die FDP den Ruf, die Partei der Besserverdiener zu sein. Die Herren hier tragen teure Uhren, die Damen Abendkleider und Perlenketten. Sektgläser tanzen durch den Saal, einer beisst in ein Brötchen mit Rohschinken. Zwei riesige Kerle drängen vorbei und rufen «Bier, Bier, Bier». Die FDP feiert. Die Gelben auf dem Vormarsch«Sensationell» nennen sie den Wahlerfolg hier. «Historisch», oder ganz einfach «irre». Und jedes Mal, wenn das Fernsehen eine neue Hochrechnung bringt, kocht der Saal von Neuem über. Im Bundestag, aber auch in den Landtagen von Schleswig-Holstein und Brandenburg sind die Gelben auf dem Vormarsch. Erfolg total. Wenn man fragt, was nun besser werde in Deutschland, kriegt man im schicken Stadtpalast eigentlich nur eine Antwort: «Das Steuersystem», sagen sie – und meinen: «Die Steuern werden sinken.» Das mindestens steht im FDP-Parteiprogramm. Nur, wie soll das gehen in der grössten Wirtschaftskrise seit dem Krieg? In einer Zeit, in der der Staat Schuldenberge anhäuft höher als die bayrischen Alpen? Ein junger Banker mit blonder Gelfrisur würde es gerne erklären, aber er hat jetzt keine Zeit für die Niederungen der Politik. Er hat alle Hände voll zu tun. In der rechten ein Glas, in der linken eine Parteifreundin – so macht das Leben Spass. Und dann schwappt der Jubel in neuer Stärke durch den Saal. Auf die Bühne tritt Guido Westerwelle, 47, endlich. Der Parteichef kann nicht mehr aufhören zu grinsen. Während die Menge tobt, schnappt er gleichsam nach Luft, scheinbar überwältigt. Er ist am Ziel angekommen, an der Macht. Jahrelang hat er auf diesen Moment hingearbeitet, vielleicht Jahrzehnte. Jetzt ist er da.Ministeriales GebarenAlle wissen: In einer schwarz-gelben Koalition aus CDU und FDP wird Guido Westerwelle nicht irgendein Minister, er wird Aussenminister. Und wie ein solcher führt er sich auch schon auf, als der Jubel endlich etwas leiser wird. Wie ein Staatsmann. Vergessen ist der Spass- und Blödel-Politiker von einst. Westerwelle knöpft sich erst einmal das Jackett zu. «Wir wollen jetzt in Deutschland mitregieren», sagt er zu seiner berauschten Partei. Er spricht von der «Verantwortung», die es nun zu tragen gelte; davon, dass die Arbeit jetzt erst los gehe. Er spricht auch – wen wunderts? – von einem neuen Steuersystem. «Wir freuen uns, aber wir bleiben auf dem Teppich», sagt er zum Schluss. Recht nüchtern war das. Warum wohl? Vielleicht, weil der Mann ahnt, dass das Regieren keine einfache Sache ist. Kurz davor war schon Kanzlerin Angela Merkel, 55, aufgetreten. Die FDPler sahen es am Fernsehen. Die CDU hat zwar ein miserables Resultat eingefahren. Doch für die Wunschkoalition reicht es trotzdem – dank der FDP. Um so empörter sind die Freien Demokraten, dass die Kanzlerin zunächst allen möglichen Leuten dankt. Ihrem Vertrauten, dem CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, sogar persönlich. Aber sie verliert kein Wort über Guido Westerwelle. Die Menge im Stadtpalast jault auch schon auf. Der kleine gelbe Koalitionspartner buht ein erstes Mal die Kanzlerin aus. Ob das ein gutes Omen ist?«Bitterer Tag» für SPDDie Reaktion auf den politischen Gegner ist da fast freundlicher. Es ist Anstand vor dem Besiegten. Gebannt schauen die FDPler zu, wie die SPD ihre Wunden leckt. Blamabel ist das Resultat für die Sozialdemokratie, eine Katastrophe. Die einst stolze Volkspartei ist auf unter 25 Prozent abgerutscht. Sie verliert ihre Regierungsbeteiligung und wird sich mit den Grünen und der Linken die Opposition teilen müssen. Doch die Genossen halten sich tapfer. Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, 53, und Parteichef Franz Müntefering, 69, stellen sich gemeinsam aufs Podium. Der Frust ist den beiden ins Gesicht geschrieben. Müntefering sagt erst einmal gar nichts. Er legt die Hände wie zum Gebet aufs Pult. Steinmeier hingegen spricht. Er gesteht die Niederlage ein. Es sei dies «ein bitterer Tag für die deutsche Sozialdemokratie». Dann sagt Steinmeier, dass er als Oppositionsführer im Deutschen Bundestag zur Verfügung stehe. Die Genossen im Willy-Brandt-Haus klatschen begeistert und lange, erleichtert. Man könnte sagen: So schlecht steht es um die SPD, dass sie sich an einen klammert, der eine Wahl kolossal vergeigt hat. Man könnte aber auch sagen: Steinmeier ist während des Wahlkampfes gewachsen. Viele in Deutschland haben das so empfunden. Vielleicht muss er nun ein paar Jahre durchs Fegefeuer der Opposition, vielleicht hat er den Höhepunkt seiner Politikerkarriere noch vor sich. Mit Guido Westerwelle verhält es sich indes anders. Er ist jetzt auf dem Zenit. An diesem Abend. «Guido, Guido, Guido», hallt es durch den Stadtpalast. >

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